Unterhaltung mit Haltung

Ein etwas anderer musikalischer Rückblick auf Udo Jürgens (1934 – 2014)

Udo Jürgen Bockelmann ist gestern im Alter von 80 Jahren an einem akuten Herzversagen verstorben. Der als Udo Jürgens weltbekannte Sänger, Komponist und Entertainer war bei einem Spaziergang im schweizerischen Gottlieben bewusstlos zusammengebrochen und starb wenig später trotz sofortiger Wiederbelebungsmaßnahmen im Krankenhaus von Münsterlingen.

Jeder kennt seine Lieder. „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ (1965), „Aber bitte mit Sahne“ (1976), „Ich war noch niemals in New York“ (1982) oder „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ (2000) sind bis heute Partyhits. Dass der gerne als „Schlager-Fuzzi“ in ein Kästchen gesteckte Künstler aber auch zahlreiche Lieder mit sozialkritischen und politischen Botschaften schrieb, wird gern in den Hintergrund gedrängt.

„Griechischer Wein“ (1975) mit einem Text von Michael Kunze ist nicht nur ein Schunkellied sondern befasst sich mit der Situation von Gastarbeitern in der Fremde. Und dabei laut Jürgens nicht nur mit jenen aus Griechenland. Einmal fragte er auf einem Konzert – kurz bevor er das Lied anstimmte – einen Mann mit südlichem Teint, ob er denn aus Hellas käme. Als dieser verneinte und sagte, er komme aus der Türkei, reagierte Udo Jürgens prompt: „Sie sind ein Türke, dann widme ich Ihnen dieses Lied genauso wie den Griechen!“

Als gebürtiger Klagenfurter (30.9.1934) war er mit dem ehemaligen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider zwar per Du, angesprochen auf Haiders Nähe zum Rechtsradikalismus meinte Jürgens jedoch: „Scheinbar ist er unbelehrbar. Mein Du-Verhältnis mit Haider sehe ich nicht als Freundschaft. Sollte er sich wirklich einmal als Nazi outen, werde ich jeden Kontakt mit ihm abbrechen. Mit Faschisten möchte ich nichts zu tun haben.“ Kein Wunder, eine heftige Ohrfeige, die er als kleiner Junge bei der „Hitlerjugend“ wegen zu schwacher körperlicher Leistungen bekam, verminderte seine Hörfähigkeit auf einem Ohr.

Bereits als gefeierter junger Chansonnier („Je t’aime“/1950 und „Merci, Chérie“/1966) sorgte Udo Jürgens mit „Lieb Vaterland“ (1971) für heftige Diskussionen und rüttelte die verkrustete politische Landschaft in den späten 60er Jahren auf. Der Text hat es in sich – ein Auszug:

Lieb Vaterland wofür soll ich dir danken?
Für die Versicherungspaläste oder Banken?
Und für Kasernen für die teure Wehr
wo tausend Schulen fehlen
tausend Lehrer und noch mehr!
Konzerne dürfen maßlos sich entfalten
im Dunkeln stehn die Schwachen und die Alten
für Krankenhäuser fehlen dir Millionen
doch unsre Spielkasinos scheinen sich zu lohnen.

 

Die bürgerliche Heuchelei, der alltägliche Sexismus, Rassismus, Spießertum und Gewalt in der Familie motivierte Udo Jürgens 1975 zu seinem Hit „Das ehrenwerte Haus“:

 

(Alters)Arbeitslosigkeit und die schonungslose Kündigung von langjährigen Mitarbeitern ist Thema des kaum bekannten Liedes: „Gefeuert“ (1977):

 

„5 Minuten vor 12“ (1982) ist wohl die Komposition von Udo Jürgens, wo er so eindringlich wie selten zuvor auf die Probleme dieser Welt wie Umweltzerstörung, Hass und Krieg hinweist, aber auch aufzeigt, dass es Hoffnung gibt, wenn die Gesellschaft im letzten Moment umdenkt, denn „jemand sagte zu mir, dass die Zukunft grad jetzt beginnt, und ich sah auf die Uhr, 5 Minuten vor 12.“

 

Der überzeugte Atheist scheute auch nicht davor zurück ganz heiße Eisen anzugreifen und geißelte die religiösen Fanatiker, die immer wieder blutige Kriege ausgelöst haben. In einem 1988 veröffentlichten Lied, dass bei vielen Rundfunkanstalten mit einem Sendeverbot belegt wurde, kritisierte Jürgens die Katholische Kirche, indem er singt: „Kondom tabu und Pille verpönt – denn aus beruf’nem Munde ertönt: Gehet hin und vermehret euch!“

In der vor wenigen Monaten ausgestrahlten TV-Show „Udo Jürgens – Mitten im Leben“ zu seinem 80. Geburtstag, den er am 30. September dieses Jahres gefeiert hatte, sagte der Entertainer über sich selbst, dass er „kein politischer Weltveränderer“ sei, sondern „einfach ein paar mir wichtige Sachen sagen wollte“. Es müsse auch für einen Unterhaltungskünstler erlaubt sein zwischendurch Ideen und Ängste anzusprechen, die er selbst hat und seine Zuhörer. Udo Jürgens war kein Linker, kein Revoluzzer, aber er hat seine Kunst immer auch dazu verwendet, um gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen und hat stets Haltung bewiesen.

Text: Michael Wögerer
Foto: Udo Jürgens bei seinem Auftritt „Der Soloabend 2010“ am 11. September 2010 in Sankt Margarethen im Burgenland (Steindy/CC BY-SA 3.0)

 

3 Kommentare

  1. Hallo, liebe Leute,
    bin gerade zufällig über diese Seite – diesen Artikel gestoßen –
    Der Sänger Udo Jürgens hat genau gewußt, mit welchen Liedern er den „Nerv“ der „kleinen Leute“ trifft. Sehr viele haben es ihm gedankt, haben seine Platten gekauft, sind zu tausenden in seine Konzerte gelaufen – Der große Superstar selbst hat sein gutes Geld steuerschonend in der Schweiz geparkt!! Und: Als denkende Menschen gegen die Fußball-WM in Argentinien protestierten, sang der Superstar Udo Jürgens „Buenos Dias Argentina….“ während nicht allzu weit entfernt hinter Gefängnismauern tausende unschuldige (zu Tote) gefoltert wurden, oder überhaupt auf nimmerwiedersehen verschwanden…….. so weit in aller Kürze, es gäbe natürlich noch mehr zu sagen….

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