Drohnenland und Circle

Zwei Bücher als moderne Fortsetzung von George Orwells 1984 – Nur eine Leseempfehlung
Von Franz Fuchsbauer

Nachdem mir die Datenkrake Amazon das Buch „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand empfohlen hat und mir bei der Gelegenheit auch gleich „Der Circle“ von Dave Eggers mit der Mitteilung „wird oft zusammen gekauft“ untergejubelt hat, habe ich bei beiden gleich zugegriffen. Es ist schon eine gewisse Ironie, dass mir der Amazon-Algorithmus diese beiden zu den Themen Überwachung und Datensammelwut von Konzernen äußerst kritischen Bücher empfiehlt. Entweder sind die Algorithmen doch nicht so intelligent oder sie haben bereits einen gewissen Sinn für Ironie in der Art wie sie ihre Opfer… äähhh Kunden beraten.

Die zwei Bücher treten als moderne Fortsetzung von George Orwells 1984 an.

drohnenlandDrohnenland spielt in einer nahen Zukunft und beschreibt eine dystopische Europäische Union in der die BürgerInnen vollständig überwacht werden. Die Strafverfolgungsbehörden haben kaum noch etwas zu tun, da Verbrechen, wenn sie überhaupt noch passieren, aufgrund der lückenlosen Überwachung sofort aufgeklärt werden. Als ein EU-Parlamentarier am Stadtrand von Brüssel erschossen wird und vom Täter jede Spur fehlt, steht Kommissar Aart unter großem Druck den Fall schnell aufzuklären, wenn er nicht schon übermorgen degradiert werden möchte. Gibt es einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Abstimmung Englands zum Austritt aus der EU? Oder ist es ein Terroranschlag von Separatisten die im Normalfall nur an der Peripherie ihre Anschläge verüben? Zur Verfügung stehen dem Kommissar und seiner Analystin Ava die neuesten Technologien und Analyseprogramme, die auf sämtliche Kommunikationsdaten, Überwachungsdaten aus Drohnen, Straßenkameras usw. zugreifen können. Die Überwachung mit Drohnen, deren Größe von Kühlschankgroß bis Insektengröße reichen, ist so lückenlos, dass von jeder überwachten Umgebung eine detailgetreue Computersimulation erstellt werden kann, mit der sich der Kommissar über ein „Hirninterface“ direkt in beliebige Orte „reinspiegeln“ kann.
Schließlich wird auch ein Verdächtiger zur Strecke gebracht. Die Daten der Überwachungssysteme lassen keinen Zweifel. Der Fall scheint gelöst.
Aber Kommissar Aart und seine Analystin Ava sind davon nicht überzeug und graben weiter. Können sie den Daten, die ihnen von den Überwachungssystemen geliefert werden überhaupt trauen? Welche Macht haben die Konzerne und Geheimdienste, die diese Überwachungssysteme und die damit erstellten Daten kontrollieren?
Der Science Fiction Krimi glänzt mit einer spannenden Geschichte und einer schön gezeichneten Hauptfigur, die sich dem System der Überwachung gefügt hat und im Laufe der Geschichte doch Zweifel entwickelt. Eine klare Leseempfehlung!

circleKommen wir nun zum zweiten Buch das mir Amazon empfohlen hat. „Der Circle“ handelt von der IT-Spezialistin Mae, die einen sehr begehrten Job bei der Firma Circle antritt. Circle ist ein allumfassendes Internetunternehmen, das in den letzten 6 Jahren raketenhaft aufgestiegen ist und einen Monopolcharakter bei der Internetkommunikation erreicht hat.
Das Buch spielt in keiner so fernen Zukunft wie Drohnenland. Die Technologie scheint noch nicht so weit fortgeschritten zu sein. Die Handlung ist auch Großteils eine Persiflage der Arbeitsbedingungen und Selbstausbeutung bei coolen und hippen Internetfirmen und unsere durchaus bereits heute weit verbreitete Art über Social Media zu kommunizieren und der damit verbundenen Persönlichkeitsveränderungen durch ständige Erreichbarkeit und dem Wahn alles und jedes zu raten, zu liken, up und down zu voten und in eine Sinnkrise zu stürzen, wenn unsere Instant Messages nicht sofort beantwortet werden.

Der Erzählstil ist leider sehr matt und man hat teilweise das Gefühl einen Schulaufsatz eines Gymnasiasten zu lesen. Die Persönlichkeitsbeschreibung der Hauptprotagonistin Mae und auch aller anderen Personen hat keinen rechten Tiefgang. Die Dialoge sind ebenso platt.
Die Szenarien und Möglichkeiten die die Speicherung all unserer Onlinekommunikation ermöglichen sind zwar alle schön aufgezählt, aber teilweise in einer Langatmigkeit beschrieben, dass wohl selbst ein DAL (dümmster anzunehmender Leser) während des Lesens ein „JA!! Ich hab’s verstanden – weiter bitte!!!“ aufschreien möchte.

Bei ca. 10% des Buches hab ich es mal ein paar Tage weggelegt, aber dann doch wieder zugegriffen, weil ich dachte, das muss doch besser werden! Die Idee der Story ist ja prinzipiell nicht schlecht. Welche Auswirkungen hat die Überwindung jeglicher Privatsphäre? Wollen wir unser Leben wirklich der totalen Kontrolle unterwerfen, um eine gute Krankenversicherung zu bekommen? Wäre die Welt eine bessere, wenn wir keinerlei Geheimnisse hätten? Wären die politischen Entscheidungen wirklich besser und transparenter, wenn wir jegliche Kommunikation von PolitikerInnen kontrollieren könnten?
Tja, leider wurde das Buch auch nach der Pause nicht besser. Ich hab mich dann im Speed-Reading versucht und aufgrund der fehlenden Tiefe der Story ist es auch leicht möglich das Buch im Überflugsmodus fertig zu lesen.
Ich bin ja nur froh, dass ich das Buch nur als EBook gekauft habe und dafür kein Baum sterben musste. Lesen müsst ihr das wirklich nicht.

Man möchte fast meinen, der Amazon Algorithmus für „wird oft zusammen gekauft“ meint in Wirklichkeit – „kauf doch auch diesen Schundtitel der mein Lager blockiert, wenn du schon einen Bestseller bestellst!“

Ach ja, noch ein Hinweis: Genauso wie George Orwells 1984 als Warnung gedacht war, sind auch diese beiden Bücher hoffentlich als Warnung und nicht als Handlungsanleitung zu verstehen.
Vielleicht sollten wir mal beginnen uns zu überlegen welche Zukunft wir wollen, damit unsere Kinder und Enkelkinder nicht in einer wie in diesen Büchern dargestellten Zukunft erwachen.
Fotos: screenshot aus kindle app

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