Kasatchok Superstar

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 58]

kasatchokSuperstarEs gibt Fernsehformate, die schaut man sich einfach nicht an. Darin sind sich alle einig – darüber, welche Formate das im Einzelnen sind, scheiden sich die Geister. Leute, die Tosca und Die Zauberflöte auf 3sat sehen, weil ihnen die Eintrittskarte für die Staatsoper zu teuer ist, nennen obige Formate gemeinerweise Unterschichtenfernsehen. Dafür werfen selbige mit auffallend spießbürgerlicher Korrektheit genau abgezählte Münzen in die Plastikboxen der Sonntags-Krone.

Ein lieber Bekannter, seines Zeichens sarkastischer Jung-Psychologe, offenbarte kürzlich, er schaue gerne Germany’s Next Topmodel (GNTM). Nach dem neuerlichen „Umstyling“, sprich, der standardmäßigen Haupthaar-Schur vor zwei Wochen und der folgenden televisuellen Neurose einer Kandidatin erscheint dieses Bekenntnis umso mysteriöser.

Die Uneinigkeit in der Bemessung dessen, was zur allfeierabendlichen Berieselung legitim ist und was nicht, erklärt mitunter den Fortbestand und den Untergang gewisser Sendungen, im privaten wie öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wieso läuft Montevideo nimmer, Was gibt es Neues? aber schon? Weshalb halten sich die DANCING STARS fast genauso lang wie GNTM? Warum bestehen beide Formate überhaupt?

Die DANCING STARS feiern also ihren zehnten Geburtstag. Zur ersten Live-Show der Staffel trägt Mirjam Weichselbraun Tinker Bells Hochzeitskleid. Klaus Eberhartinger tut sich durch flache Gags hervor, die so nur beim Mutantenstadl und dem Witze-Stammtisch auf PULS4 zünden. Aber der Wille zählt, das muss man allen Sendungen lassen.

Weitere Tiefpunkte sind ein „Röhrenfernseher-Joke“, Gery Keszlers Auftritt und der Gruppentanz der weiblichen Promis. Der Röhrenfernseher-Joke läuft in etwa so: vor jedem Tanz setzen sich Promi und Profitänzerin in einem dunklen Raum auf eine Vintage-Couch. Die Glotze vor ihnen läuft nicht. Also hauen die Sportler (Fadi Merza und Thomas Morgenstern) drauf, Keszler nickt wie die Bezaubernde Jeannie, Thomas May wirft eine Lottokugel gegen den Bildschirm und Georgij Makazaria schreit das Gerät an. Es folgen Kurzbiografien, an deren Ende die Paare den Raum verlassen, Schaltung zum Parkett, Outtakes aus den Trainings, dann ein kurzer Tanz, ein paar Kommentare der Jury, ein Interview mit Eberhartinger, dann die Wertung.

Und dann kommt der Grund, warum man guten Gewissens diese Sendung sieht: Makazaria legt einen Walzer hin, räumt die Bestwertung (25 Punkte) ab und sieht dabei ziemlich geil aus. Vermutlich ist sein Taktgefühl als Musiker der Startvorteil schlechthin. Dass Keszler nicht mit einem Mann tanzt, ist unverständlich. Das sollte nach Alfons Haider normal sein. Im Publikum sitzt Keszlers Verwandtschaft. Die schaut fix nach Eintrittskarten für Tosca aus. Morgenstern schwärmt von Muhammad Ali, Merza von Rocky Balboa. Es wird so viel Alkohol in die Kamera gehalten, die Promifrauen über-tanzen derart flott, man denkt an eine Zeile aus dem Russkaja-Lied Kasatchok Superstar: „Wodka kocht in Samowar.“ Kommt daher „einen im Tee haben“?

Foto: Screenshot (ORF).

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