Liebes Tagebuch…!

Tagebuch+Slam_Diana+Köhle_Foto+©+Anna+Konrath+10Die gebürtige Tirolerin Diana Köhle veranstaltet seit 2013 regelmäßig Tagebuch-Slams in ganz Österreich. Dabei offenbaren Teilnehmer aller Altersgruppen ihre intimsten Gedanken aus Teenager-Tagen. Die Veranstaltungen haben sich schnell vom Geheimtipp zum allseits beliebten Kultur-Event entwickelt. Wir haben Diana in Wien zum Interview getroffen.

 

Wann hast Du selbst zum ersten Mal jemandem aus deinem Tagebuch vorgelesen?

Das war im Jahr 2013 bei dem ersten Tagebuch-Slam, den ich veranstaltet habe. Ich hatte meine Tagebücher lange bei meinen Eltern in Tirol gebunkert und habe sie mir aus diesem Anlass schicken lassen und dann wirklich ein Monat lang nur in alten Tagebüchern gelesen. Es war wie eine kleine Zeitreise. Ich veranstalte seit 2003 Poetry-Slams in Wien und wurde oft gefragt, warum ich selbst nicht schreibe. Meine Antwort war immer: „Ich schreibe nicht, aber ich habe früher Tagebuch geschrieben.“ So kam ich auch auf die Idee, in meiner Slam-Reihe einmal einen Diary-Slam zu machen. Es sollte eigentlich eine einmalige Sache sein. Ich dachte nicht, dass ich genug Leute für den Abend finden würde. Aber dann wollten doch einige mitmachen und es war ein sehr lustiger Abend, der danach schrie, wiederholt zu werden. Ich habe aber nie damit gerechnet, dass es so ein Renner wird.

Du liest zur Eröffnung der Abende immer noch regelmäßig selbst etwas vor. Was ist das für ein Gefühl, sein eigenes Tagebuch laut vorzulesen?

Tagebuch+Slam_Diana+Köhle_Foto+©+Anna+Konrath+8Naja, diese ganzen Teenager Geschichten aus Schulzeiten zu lesen, ist gar kein Problem. Das ist über 20 Jahre her und damit weit genug weg. Das bin nicht mehr ich. Schwieriger ist es mit Einträgen, die nicht so weit zurück liegen. Ich habe etwa zu Beginn meines Studiums Anfang der 2000er Jahre viel Tagebuch geschrieben. Als ich versucht habe, das vorzulesen, habe ich gemerkt: Das funktioniert für mich noch nicht ganz. Da erkenne ich mich noch zu sehr. Das ist übrigens auch mein Tipp an alle Teilnehmer: Wählt etwas, wo ihr mittlerweile drüberstehen könnt! Man schreibt ja oft Tagebuch, wenn es einem schlecht geht – diese Sachen würde ich nicht vorlesen wollen.

Schreibst du aktuell Tagebuch?

Ja, ich habe wieder damit angefangen. Als ich damals von Tirol nach Wien gezogen bin, habe ich abrupt aufgehört, zu schreiben. Früher, im Heimatdorf war ich eine Außenseiterin und habe mein Tagebuch gebraucht, um mich darin auszutoben. Dann in Wien hatte ich auf einmal so einen großen Freundeskreis, es gab soviel zu tun und so viel Kultur, dass es nicht mehr notwendig war, sich ins Tagebuch zu flüchten. Seit 11/2 Jahren schreibe ich aber wieder, auch weil ich gemerkt habe, dass Tagebücher wirkliche Schätze sein können. Ich schreibe täglich vor dem Einschlafen einen Absatz. Egal wann und in welchem Zustand ich abends nachhause komme (lacht). Ich bin außerdem ein Reisetagebuch-Schreiber, weil ich sehr gerne alleine reise und mich dann mit dem Tagebuch austauschen kann.

Hat sich deine Art zu Schreiben verändert?

Ich schreibe nach wie vor nicht für Publikum oder nicht mit dem Hintergedanken, dass ich das irgendwann beim Slam vorlese. Das macht für mich auch den Unterschied zwischen einem Tagebuch und einem Blog aus. Der Blog ist immer schon für die Öffentlichkeit gedacht. Der Reiz am Tagebuch ist, dass man dort ganz anders schreibt. Du lässt dich über Sachen aus, die du sonst niemandem sagen würdest. Und du lügst auch viel im Tagebuch. Ich merke immer wieder, wie ich mich in meinem Tagebuch selbst anlüge.

Tagebuch schreiben ist etwas sehr Intimes – wie kommt man überhaupt auf die Idee, daraus eine öffentliche Veranstaltung zu machen?

Tagebuch+Slam_Foto+©+Anna+Konrath+3Genau das macht doch den Reiz für das Publikum aus! Es wird dabei ein bestimmter Voyeurismus bedient. Und für die Vortragenden selbst ist es manchmal auch eine Art, mit einer Zeit in ihrem Leben abzurechnen. Viele Teilnehmer sagen mir hinterher, das Vorlesen sei befreiend für sie gewesen. Ich habe oft Teilnehmer auf der Bühne, die über ihre Outings lesen. Sie erzählen über eine schwierige Zeit in ihrem Leben, als sie zwar schon wussten, dass sie homosexuell sind, sich aber noch nicht getraut haben, es zuzugeben. Oder man steht einfach drüber und nutzt die Chance, über sein damaliges Ich herzhaft zu lachen. Das Lesen verbindet die Leute auch. Ich hatte zum Beispiel schon Abende, an denen Teilnehmer aus Jahrgängen von den 1950ern bis zu den 1990ern vertreten waren. Alle haben die Gedanken ihrer 12-Jährigen Ichs vorgelesen haben und man hat dabei gemerkt: Mit 12 geht es allen irgendwie gleich. Egal, in welcher Zeit man geboren ist.

Wie überzeugst du die Leute, bei den Slams mitzumachen?

Anfangs waren die Teilnehmer hauptsächlich professionelle Poetry-SlamerInnen. Die sind sowieso bühnengeil. Mittlerweile ist es mir aber ein Anliegen, Leute zu haben, die sonst nicht auf der Bühne stehen. Das Schöne dabei ist, zu sehen, wie das damalige Ich auch heute noch mit auf der Bühne sitzt. Man kauft es den Vorlesenden immer noch ab, dass sie mal schüchterne 14-Jährige waren. Mittlerweile finde ich die meisten Leute bei den Terminen selbst. Viele schreiben mir, dass sie danach nachhause gegangen sind und ihre alten Tagebücher gesucht haben. In Wien ist es generell leichter, Teilnehmer zu finden. Auf dem Land ist es etwas schwieriger, weil da jeder jeden kennt und deshalb mehr Scham herrscht. Ich hatte auch schon öfters ältere Leute – der älteste Teilnehmer war 90 – und hätte gerne noch mehr davon. Aber an die komme ich nur sehr schwer ran.

Schreiben Frauen eigentlich anders Tagebuch als Männer?

Tagebuch+Slam_Foto+©+Anna+Konrath+7Ich glaube, es geht den Jungs ganz gleich, wie den Mädchen. Einmal las ein Teilnehmer aus seinem Tagebuch über die Skiwoche mit 14 vor: „In vielen Betten bin ich gelegen, mit niemandem ist etwas passiert“. Das hätte genauso in einem Mädchentagebuch stehen können. Interessant ist es, wenn Jungs vorlesen, wie sie ein Mädchen abserviert haben. Einmal hatte ich einen Teilnehmer, der so eine Geschichte vorlas und alle Frauen sind richtig sauer auf ihn geworden, weil offenbar viele schon mal auf die gleiche Art und Weise abserviert wurden. Am Ende hatte er beinahe das gesamte Publikum gegen sich (lacht). Männer müssen also vielleicht besser aufpassen, was sie zum Vorlesen auswählen. Einmal hatte ich einen sehr netten, älteren Herren, der auf die Bühne kam und mit dem Satz eröffnete: „Ich hatte heute meinen ersten Samenerguss. Zumindest glaube ich das.“ Er beschrieb das dann sehr detailliert und der ganze Saal war baff.

Gibt es von deiner Seite eine Inhaltskontrolle der Texte? Oder überlässt du die Teilnehmer da komplett sich selbst?

Ja, absolut. Ich habe immer das volle Risiko. Ich kontrolliere nicht und ich kenne die Leute ja auch nicht. Mittlerweile habe ich aber damit begonnen, den Teilnehmern im Vorfeld per Mail sechs Fragen über das Tagebuchschreiben zu stellen. Einfach, um ein bisschen etwas über sie zu erfahren, womit ich sie dann auch dem Publikum vorstellen kann. Wir treffen uns immer eine Stunde vor der Show und so können die Teilnehmer des jeweiligen Abends einander auch kennenlernen. Das ist mir wichtig, damit sie sich beim Slam selbst nicht so sehr als Konkurrenten wahrnehmen, sondern eher als Gruppe.

Es wird immer sehr viel gelacht bei den Slams. Welche Emotionen kommen sonst noch hoch?

Wir hatten auch schon sehr traurige Texte. Die wurden vom Publikum auch entsprechend gewürdigt. Oder eben, wie schon erwähnt, die spürbare Wut auf den Teilnehmer mit seinen Mädchen-Geschichten. Meistens sind es aber schon die lustigen Texte, die am besten ankommen. Das gemeinsame Lachen ist sehr befreiend. Und die Stimmung ist in der Regel sehr gut. Jeder, der liest, bekommt Applaus. Ausgebuht wurde noch niemand.

Deine schönsten Anekdoten aus drei Jahren Tagebuch-Slam?

Tagebuch+Slam_Foto+©+Anna+Konrath+2Ich hatte einmal eine Teilnehmerin, die mir schrieb, dass ihr Bruder sie auf den Slam aufmerksam gemacht hätte: Er hatte früher immer heimlich ihre Tagebücher gelesen und war der Meinung, sie solle unbedingt mitmachen! Oder die Teilnehmerin, die aus einem 80 Seelen Dorf in Südtirol kam und in Wien vorgelesen hat. Trotzdem wurde sie zuhause darauf angesprochen, weil zufällig eine Nachbarin im Wiener Publikum saß. Es gab auch schon Leute, die über die absurdesten Sexpraktiken vorgelesen haben und damit mir und dem gesamten Publikum die Schamesröte ins Gesicht trieben.

Deine Tagebuch-Slams sind mittlerweile sehr gut besucht und meistens schon Wochen vorher ausverkauft – hast du vor, in größere Locations umzuziehen? Und was sind generell die nächsten Pläne?

Also in Wien möchte ich mit der Veranstaltung gerne im TAG an der Gumpendorfer Straße bleiben. Die Location und die Atmosphäre passen gut, das Team ist sehr nett. Ich finde auch, die Slams sollten klein und intim bleiben. Ich plane vor der Sommerpause noch einige Specials in Wien. Im Mai wird es einen Termin geben, an dem Leute Tagebücher von anderen vorlesen. Es gibt zum Beispiel viele Eltern, die Tagebuch über ihre Kinder schreiben und ihnen diese später schenken. Oder es werden Tagebücher von Leuten gelesen, die sich selbst nicht trauen. Außerdem wird es ein Best-Of der Saison geben und einen Termin, an dem nur Reisetagebücher vorgelesen werden.

Noch eine Frage zum Abschluss: Was wirst du heute Abend über dieses Interview in dein Tagebuch schreiben?

(lacht) Weiß ich noch nicht! Wenn es das Highlight des heutigen Tages bleibt, dann wird es in meinem Tagebuch auf jeden Fall vorkommen. Aber das hängt natürlich davon ab, was heute noch so alles passiert.

Das Interview führte Anna Muhr

Alle kommenden Termine der Tagebuch Slams: www.liebestagebuch.at

Fotos: © Anna Konrath / slamb.at

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