Wie Kindheitsrassismus mich fast zum Faschisten machte

Erinnerungen von Kian F.*

Heutzutage liest man in den Zeitungen immer wieder von rassistischen Übergriffen und islamistischen Anschlägen. Zwei Gruppen, die mit ihrem Hass und ihrer unmenschlichen Ideologie eine eigene Vorstellung von der perfekten Welt anstreben, und das sehr häufig mit Gewalt durchsetzen wollen. Doch tatsächlich existieren Parallelen zwischen diesen beiden Bewegungen. Und ihre Entstehung ist eng miteinander verknüpft. Ich musste diese Erfahrung selbst miterleben.

Soziale Strukturen in Kindergärten und Schulen sind oft nicht mit der Welt der Erwachsenen gleichzusetzen. Kinder und Jugendliche entwickeln erst den Charakter und suchen ihren Platz in der Gesellschaft. Diese ungefestigten Persönlichkeiten sind sehr verletzlich und leicht zu beeinflussen. Ereignisse in der Kindheit können für das ganze Leben prägend sein. Man muss kein Psychologe oder Pädagoge sein, um das zu wissen. Jeder und jede hat ein Kindheitstrauma oder ein unvergessliches Ereignis aus der Jugend, bei manchen sind diese Ereignisse jedoch gravierender. Der Rassismus in den Pausenhöfen ist dabei ein besonders passendes Beispiel. Ein Kind, das äußerlich nicht typisch hellhäutig europäisch aussieht, ist ein Ausländer. Oft werden diese Kinder ausgeschlossen und gehänselt. Und Kinder können grausam sein. Ihnen fehlt noch jedes Feingefühl, was rassistische Beleidigungen betrifft. Was sie auch nicht wissen können ist, dass diese Erlebnisse tiefe Spuren hinterlassen. Als Opfer von Mobbing und Ausgrenzung wird man äußerst verunsichert, das Selbstwertgefühl ist am Boden. Entweder man reagiert gar nicht und lässt es über sich ergehen, oder man wehrt sich. Beides kann die Situation verschlimmern.

Rassismus in der Jugend ist kein neues Phänomen. Ich selbst habe als Kind mit sogenanntem Migrationshintergrund den Pausenhofrassismus durchstehen müssen. Mit schwarzen Haaren und dunklerer Hautfarbe entsprach ich nicht dem Ideal des „Kinderschokoladen-Jungen“. Die Tatsache, dass ich in Österreich geboren und aufgewachsen bin, änderte nichts an der Wahrnehmung der anderen. Ich war einfach ein Ausländer und damit schlechter. Mein Vater, ein Perser aus dem Iran, und meine Mutter, eine Polin, einigten sich darauf mich katholisch taufen zu lassen. Ich würde es in diesem Land einfacher haben, wenn ich kein Moslem wäre. In der Praxis stimmte das auch. Als Moslem würde ich dem heutigen Feindbild noch mehr entsprechen.

Alle Kinder haben in der Schule oder im Kindergarten einen Erzfeind. Einen, den man überhaupt nicht leiden konnte, weil man von ihm gehänselt oder gar geschlagen wurde. Außer, man war selber derjenige, der andere terrorisierte. Auch ich hatte einen solchen Feind. Und ich werde unsere Konflikte niemals vergessen. Komischerweise bezeichnete er mich immer als Türken und „Kebab“, der wieder in die Dönerbude gehen sollte. Ich bin mir nicht sicher, ob er begriff, dass Perser und Türken zwei komplett verschiedene Völker sind und seine Beschimpfungen eigentlich keinen Sinn machten. Scheinbar waren alle mit dunklen Haaren und Hautfarbe für ihn Türken. Das alles wäre gar nicht so schlimm gewesen, wenn die ganze Klasse nicht gelacht hätte. So hatte er eine Motivation weiterzumachen, um so zum Witzbold der Klasse „aufzusteigen“. Und genau das nagte sehr an meinem Selbstbewusstsein. Das Gespräch mit den Eltern nutzte nicht viel. Der Vater meinte ich sollte mich körperlich wehren, die Mutter wollte mit den Lehrern reden. Tatsächlich kam es öfter zu Prügeleien – zerrissene Kleidung, blutige Nasen. Auch versuchten wir es mit der in der Schule angebotenen Mediation. All das konnte die Situation nicht verbessern. Manchmal verfluchte ich meine ausländische Abstammung. Warum konnte ich nicht wie die anderen Kinder sein? Warum konnte ich nicht ein typischer Österreicher sein?

In der Geschichtsstunde hatte unser Lehrer eines Tages über das Perserreich erzählt. Eine Jahrtausend alte Hochkultur, welche zu sehr vielen Errungenschaften der Wissenschaft, Architektur, Medizin und Astronomie beigetragen hat. Es erfüllte mich mit Stolz, von einem so prachtvollen Volk abzustammen. Von da an widmete ich mich der Historie des alten Persiens. Mein ganzes Selbstvertrauen schöpfte ich aus den vielen Geschichtsbüchern und Dokumentationen. Natürlich konnte ich dadurch mein Wissen erweitern und eine Leidenschaft für die Geschichte entwickeln. Leider hatte dieser Stolz auch eine negative Auswirkung: es führte zu einer Art Rassismus. Die Hänseleien gingen weiter, und um damit zurechtzukommen redete ich mir irgendwann ein, dass der genetische Österreicher ein unterlegener Mensch sei, der noch in Höhlen lebte, während der Perser in Palästen hauste und ein ganzes Weltreich regierte. Die typisch österreichischen Nachnamen mit der Endung Bauer und ähnlichem, ließen mich zu dem Schluss kommen, dass deren Vorfahren einer niederen Tätigkeit nachgingen und der genetisch vererbte IQ von daher nicht hoch sein konnte. Eigentlich eine sehr dumme Sicht der Geschichte, aber wenn ein Kind emotional so leidet, versucht es sich zu wehren. Ich habe sie gehasst. Und ich bin mir sicher, dass nicht nur ich solche Tendenzen hatte.

Nachdem ich die Unterstufe absolviert hatte und mein Erzfeind die Schule wechselte, hat für mich ein neues Kapitel begonnen. Eine neue Klasse, neue Leute, neue Lehrer. Keiner, der mich beschimpfte und keiner, der dabei lachte. Keiner, der mich aufgrund meiner äußeren Erscheinung diskriminierte. Ich muss sagen, dass ich wirklich Glück hatte. Und je mehr ich mich mit der Geschichte befasste, desto mehr wurde mir klar, dass Rassismus oder Sozialdarwinismus in jeder Form dumm und nur schädlich sind. Als der Hass verschwand, lösten sich meine Tendenzen zum „Konter-Rassismus“ in Luft auf. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn diese Verbesserung meiner Umstände nicht so stattgefunden hätte.

Bis heute hat mich diese Erfahrung geprägt. Und oft komme ich mit Freunden und Bekannten, die Ähnliches durchmachten, ins Gespräch. Vor allem Jungs, die aus den muslimischen Ländern stammen, haben vergleichbares erlebt. Bei vielen gab es auch eine Abneigung gegenüber allem Einheimischen. Man stützte sein Selbstbewusstsein, ähnlich wie bei mir, auf das „eigene Volk“, sei es das Osmanische Reich oder aber auch das Arabische Kalifat. Und ich bin davon überzeugt, dass viele Attentäter, die nachweislich in Europa geboren und aufgewachsen sind, sich auf den Islam stützten und einen Hass in sich trugen, der aus dem Rassismus im Alltag und in der Schule resultierte. Die Ausgrenzung und Degradierung löste diesen tiefen Hass aus. Es mag vielerlei Gründe für diese Anschläge geben, doch ich bin mir sicher, dass Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung, vor allem in der Kindheit, einen erheblichen Beitrag dazu leisteten.

Diesen Artikel zu schreiben war für mich nicht ganz einfach, da es schlimme Erinnerungen hervorrief und die verdrängte Kindheit wieder aufkommen ließ. Aber ich hielt es für wichtig meine Erfahrung mit Leuten zu teilen, die nie ein solches Problem hatten, um zu verstehen, was Rassismus und Diskriminierung verursachen kann.

* Name der Redaktion bekannt.

Foto: Der Kinderschokoladen-Junge (doener232000/flickr.com; Lizenz: CC BY-SA 4.0); Titelbild: autumn child (Philippe Put, www.ineedair.org, flickr.com; Lizenz: CC BY 2.0)

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