„Koschmieder, du bist verrückt!“

Die linke Tageszeitung junge Welt ist 70 Jahre alt – Geschäftsführer Dietmar Koschmieder im UZ-GesprächIrgendwas mit Medien (Folge 3)
von Michael Wögerer

Vor 70 Jahren, am 12. Februar 1947, wurde die linke Tageszeitungen junge Welt als „Zeitung der Jugend“ im sozialistischen Deutschland gegründet. Das Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend (FDJ) war bis 1990 das auflagenstärkste Blatt der DDR. Heute ist sie zu 95,6 Prozent im Besitz einer Genossenschaft mit über 2.000 Mitgliedern und mit einer täglichen Auflage von rund 20.000 Exemplaren eine der kleinsten überregionalen Tageszeitungen in Deutschland.

Ihren Geburtstag wird die junge Welt am 25. Februar 2017 im historischen Kino International in der Berliner Karl-Marx-Allee feiern. Mitte Jänner stand uns ihr langjähriger Geschäftsführer Dietmar Koschmieder im Rahmen der alljährlichen Rosa Luxemburg-Konferenz in Berlin Rede und Antwort:

UZ: Laut wikipedia bist Du die „entscheidende Person für die Blattlinie seit 1995“ und die Schweizer WOZ bezeichnet die junge Welt als „Bollwerk der orthodoxen Linken“. Wie siehst du das?

Koschmieder (schmunzelt): Letzterem kann ich nur absolut zustimmen. Ich halte das für eine große Ehre und wir sind stolz darauf. Mit „orthodoxen Linken“ meinen die natürlich, dass wir Marx, Engels, Lenin und andere marxistische Wissenschaftler als wissenschaftliche Grundlage nehmen für unsere Weltanschauung, unsere Politik und für das Machen von Zeitung. Das geht in Ordnung.

Der wikipedia-Eintrag, der erst zwei, drei Monate existiert, ist aber ein wunderschönes Beispiel dafür wie heute Geheimdienste arbeiten. Es gibt Heerscharen von Personen, die dafür bezahlt werden, öffentliche Meinung zu beeinflussen, indem man beispielsweise auch wikipedia-Einträge macht. Diese Leute sind viel zu gut bezahlt, denn ihre Arbeit ist schlampig hoch drei. Denn was da steht ist von den konkreten Fakten bis hin zur Behauptung, dass ich seit 1995 die Blattlinie bestimme, samt und sonders falsch. Ich habe meinen Anteil daran, das möchte ich nicht verschwiegen, aber das ist ein kollektives Projekt – immer gewesen. Eine Blattlinie gegen eine Mehrheit der Belegschaft wäre nicht durchzuziehen.

UZ: Eines kann man aber schon sagen, dass es nach der Krise 1995 ohne Dich die junge Welt nicht mehr geben würde.

Koschmieder: Das würde ich sofort unterschreiben, wobei das auch auf andere Kolleginnen und Kollegen zutrifft. Man muss wissen, dass ich 1991 als erster West-Redakteur zur jungen Welt gekommen bin und bis 1994 auch der einzige West-Redakteur war. Ich war dann Betriebsrat und 1995 Betriebsratsvorsitzender. 95 sind wir auf dem Weg zur Arbeit übers Radio darüber informiert worden, dass die junge Welt eingestellt wird. Bei der Pressekonferenz, wo die Einstellung erklärt und begründet wurde, hab ich mich als Betriebsrat dazugesetzt und gesagt: „Wir machen weiter!“. Vielen Leuten fiel die Schublade runter. Uns war aber schon einige Monate zuvor klar, dass so wie die das machen die junge Welt gegen den Baum gefahren wird und haben deshalb einen Aktionsausschuss gegründet. Wir wollten eine Beteiligung der Belegschaft von über 50 Prozent erreichen und im Rahmen dieser Auseinandersetzung haben wir uns Hintergrundwissen besorgt und ein Konzept entwickelt, wie man weitermachen könnte. Das Konzept hab ich der Belegschaft vorgestellt, diese war aber mit einer klaren Mehrheit dagegen. Sie haben gesagt: „Koschmieder, du bist verrückt! Du reitest dich damit persönlich ins Unglück! Das ist völlig irreal! Die junge Welt ist tot, akzeptiert das endlich!“

UZ: …da waren also durchaus auch Freunde von Dir dabei?

Koschmieder: Freunde, meine damalige Lebensgefährtin, alle haben gesagt: „Du spinnst!“ Es war dann in der Tat so, dass ich als Betriebsratsvorsitzender auf meinem Schreibtisch saß und ausnahmslos alle anderen haben ihre Sachen gepackt und sind gegangen. Die damaligen Eigentümer sind mit Leiterwagen durch die Redaktionsräume gezogen und haben alles abmontiert; Computer, Bücher, auch persönliche Sachen, um es zu verramschen.

Der nächste Schritt war dann den Verlag 8. Mai zu gründen, da waren schon ein paar mehr dabei, aber es war niemand bereit Geld zu investieren und das Risiko zu teilen. Ich musste es also alleine machen. Nach dem deutschen Recht brauchtest du für die Gründung einer Firma 50.000 D-Mark. Ich hatte aber keine 50.000 D-Mark und konnte gerade mal die Hälfte auftreiben. Nach dem Gesetz war es so, wenn zwei das Ding anmelden, brauchst du am Anfang insgesamt nur 25.000 D-Mark – warum auch immer. So habe ich einen Praktikanten überredet und wir haben gemeinsam den Verlag gegründet. Gleichzeitig haben wir aber auch eine Genossenschaft ins Leben gerufen, weil klar war, wir haben nicht das Geld um das aufrechtzuerhalten.

Am 7. Oktober 1995 erfolgte schließlich die Gründung der Genossenschaft und 1998 übernahm diese die Mehrheitsanteile. Ich blieb mit 48 Prozent beteiligt, weil wir nach dem Jungle-World-Konflikt 1997 eine Struktur wollten, um irgendwelchen Leuten, die Putsch-Gelüste haben, keine Möglichkeit zu bieten, denn mich bekamen sie nicht los. Kürzlich haben wir eine Kapitalerhöhung durchgeführt, dadurch ist mein Anteil auf 4 Prozent gesunken. Damit ist die Tageszeitung junge Welt zum allerersten Mal in ihrer Geschichte sozialisiert, denn selbst zu DDR-Zeiten war der Verlag eine GmbH, die fünf Personen gehörte. Jetzt gehört sie rund 2.000 Genossenschaftern.

UZ: Die Rosa-Luxemburg-Konferenz findet nun bereits zum 22. Mal statt. Welche Idee steckt dahinter?

Koschmieder: An jedem zweiten Sonntag im Jänner finden und fanden – auch schon zu DDR-Zeiten – die Liebknecht-Luxemburg-Demonstrationen statt. Und das war auch in den 90er Jahren die größte antikapitalistische Manifestation. Zigtausende Berliner Bürger legten in stillem Gedenken ihre Nelken ab aus reiner Wertschätzung für Liebknecht-Luxemburg und für alle anderen Revolutionäre, die in der Gedenkstätte beerdigt sind. Das ist eine Manifestation von Menschen, die sagen: „Wir wollen keinen Kapitalismus, wir wollen Sozialismus.“ Die Herrschenden haben immer versucht diese Demo kaputt zu machen. Es gab Provokation von Polizei, Bombenschläge und ähnliche Dinge. Aber sie konnten es nicht schaffen und wir wollten einen Beitrag dazu leisten, dass diese Demonstration national und international Bedeutung behält. Deshalb haben wir die Rosa-Luxemburg-Konferenz etabliert, wo der Grundgedanke Antikapitalismus und Internationalismus ein Kernbestandteil sein soll.

Einzelne Teile der Belegschaft, waren damals allerdings gegen diese Linie und sie haben sich über die Demonstrationen und die Konferenz lustig gemacht. Diese Auseinandersetzung gipfelte schließlich in den Jungle-World-Konflikt. Ein Teil der Kollegen hatte eine politisch andere Haltung, aber es wäre auch betriebswirtschaftlich Schwachsinn gewesen eine taz oder ein läppisches Neues Deutschland irgendwie zu reproduzieren. Die gibt’s schon. Warum sollten wir das machen? Die junge Welt hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie eine klare marxistische Position einnimmt, weil das eben keine andere Tageszeitung machen wird. Das ist bis heute so und die Einschätzung war richtig.

Es hätte auch sein können, dass wir eingehen, wenn sich keiner mehr für marxistische Positionen interessiert. Wir haben uns aber auch den Luxus erlaubt zu sagen, wenn uns keiner will, dann ist es eben so. Ein Beispiel dafür ist der Jugoslawienkrieg 1999, die erste Beteiligung von deutschem Militär bei Auslandseinsätzen nach 1945. Da haben wir eine knallharte Position dagegen eingenommen und hatten selbst bei unseren eigenen Lesern Schwierigkeiten das zu vermitteln. Damals haben wir uns gesagt: Wenn wir es nicht schaffen mit unserer Anti-Kriegs-Linie unsere Leser zu erreichen, dann ändern wir aber nicht unsere Anti-Kriegs-Linie. Wir schrieben nicht: Also gut, jetzt sind wir auch ein bisschen für den Krieg, sonst laufen uns alle Leser weg, denn dann wäre das das Ende. Es kam aber andersrum. Auch die skeptischen Leser haben hinterher gesagt: „Ihr habt ja recht gehabt.“

Wobei ich natürlich sagen muss, wir sind keine Bibel, wir sind keine Päpste. Wir können auch irren und wenn wir uns in einer wichtigen Frage irren würden, kann das für uns verheerende Folgen haben. Gegenwärtig gibt es zum Beispiel heftige Diskussionen zum Thema Friedensbewegung. Manche in der Linken glauben, man müsse ganz breite Bündnisse bis nach rechts machen, um das Schlimmste zu verhindern – Weltkrieg und so weiter. Es gibt Leute, die sagen, die Losung unserer Konferenz in diesem Jahr: „Gegen rechts ist nicht genug – Sozialistische Alternativen erkämpfen“ sei falsch, denn es gehe nicht um sozialistische Alternativen, sondern darum Krieg zu verhindern und dafür ganz breite Bündnisse zu schmieden, wo man die Rechten nicht ausgrenzen dürfe. Da hoffen wir auch, dass uns die Geschichte recht gibt.

Man kann übrigens Sahra Wagenknecht natürlich von rechts kritisieren, aber man darf sie auch von links kritisieren. Und sie lässt einige Dinge vom Stapel, da muss man sich nicht deshalb zurückhalten, weil irgendwelche Antideutschen oder Bürgerlichen das verfälschen oder übertreiben. Man darf trotzdem seine Kritik von links anbringen und das sollte man auch tun, finde ich.

UZ: Ein kurzer Blick nach Österreich. Du sagtest in Deutschland brauche man keine zweite taz, kein zweites Neues Deutschland. Jetzt haben wir in Österreich aber keine sozialistische Zeitung wie Neues Deutschland, wir haben nicht einmal so etwas wie die taz. Bei uns beginnt das ideologische Tageszeitungs-Spektrum bei „Süddeutsche“ – mitte, liberal, irgendwie vielleicht noch grün. Das ist dann Der Standard. Es gibt in Österreich keine einzige linke Tageszeitung. Jetzt versucht die junge Welt Fuß zu fassen. Wie läuft das derzeit?

Koschmieder: Wie in Deutschland auch, ist das ein langfristiges Projekt. Nur weil man in der Trafik eine junge Welt verfügbar hat, werden nicht automatisch mehr Zeitungen verkauft. Wir müssen uns überlegen, wie wir mehr Verkäufe erreichen. Dazu braucht man die ökonomische und die organisatorische Kraft. Der erste Schritt war einen zweiten Druckstandort einzurichten, um dies überhaupt logistisch bewerkstelligen zu können. Das haben wir letztes Jahr im April/Mai gemacht. Der nächste Schritt wird sein, vor Ort systematisch etwas zu entwickeln. Rein technisch läuft es, jetzt müssen wir die junge Welt in den Regionen bekannter machen.

Spannend ist, dass es in der Schweiz ein bisschen besser funktioniert als in Österreich. Im Rahmen unserer Kampagne, die wir derzeit machen, haben wir dort einen außergewöhnlichen Zuspruch. Aus der Schweiz kommen im Moment genau soviel Abonnements wie aus Hamburg. Thematisch haben wir natürlich einen Berlin-Schwerpunkt, sind aber keine Regionalzeitung. Wir sollten mitdenken, dass die Österreicher und die Schweizer manche Dinge distanzierter betrachten. Wir müssen uns dahingehend auch in der Redaktion weiterentwickeln und erkennen, dass wir eine Zeitung für den deutschsprachigen Raum machen und nicht nur für die BRD.

UZ: „Sie lügen wie gedruckt. Wir drucken wie sie lügen.“ ist das Motto der jungen Welt. Hier gibt es den Vorwurf, dass ihr im selben Teich schwimmt, wie die „Lügenpresse“-Schreier der Rechten. Wie geht man damit um?

Koschmieder: Zunächst muss man feststellen, dass wir diesen Spruch lange vor dieser Modeerscheinung gehabt haben. Man muss Acht geben! Die rechten Kräfte benutzen bewusst ein Vokabular, das aus den 20er Jahren bekannt ist, mit dem auch schon die Faschisten versucht haben die „Systempresse“ zu geißeln. Aber man darf nicht vergessen, dass wir eine Presse haben, die einseitig Kapitalinteressen vertritt, und dabei auch vor Lüge nicht zurückschreckt, wobei es meistens keine bewussten Lügen sind, sondern sie schlichtweg materiell nicht mehr in der Lage sind, selber zu recherchieren. Sie übernehmen einfach Dinge und reproduzieren etwa ungeprüft Geheimdienstinformationen. Das ist teilweise entsetzlich! Wenn wir sagen: „Sie lügen wie gedruckt“, dann meinen wir aber keineswegs nur die bürgerliche Presse sondern auch solche Leute wie PEGIDA und andere Rassisten, die ja auch wie gedruckt lügen. Wir drucken aber auch wie sie lügen und sagen nicht nur „Lügenpresse“, sondern wir erheben den Anspruch das zu entlarven. Wir bringen eine Gegendarstellung und berichten von einem anderen Klassenstandpunkt aus.

Die Leute haben heute das Gefühl sie werden beschissen. Vor 10, 20 Jahren war es noch so, dass die Menschen glaubten, was in der Tagesschau gezeigt wird oder was in den großen Tageszeitungen stand, sei die Wahrheit. Da konntest du erzählen, was du wolltest und sie haben dir erstmal nicht geglaubt. Heute trauen die Leute denen gar nicht mehr oder trauen ihnen alles zu.

Es gab Zeiten, wo auch bürgerlicher, links-liberaler Journalismus in bestimmten Grundfragen zuverlässige Informationen und Analysen geboten hatte. Es gibt zwar immer noch gute Sachen, aber das ist tendenziell fallend, weil der ganze Medienbereich immer schlimmer kommerzialisiert wird und eine reine Profitmaschine ist. Deswegen hat die junge Welt ein Alleinstellungsmerkmal.

Zur Person: Dietmar Koschmieder (61) wollte nach seinem Hauptschulabschluss ursprünglich Fernseh-Elektriker werden. Es stellte sich aber heraus, dass er farbenblind ist und er musste weiterführende Schulen besuchen, lernte am Wirtschaftsgymnasium Buchhaltung, die er spätestens als Geschäftsführer der jungen Welt (seit 1995) gut brauchen konnte.

Fotos: junge-Welt-Titelseiten aus sieben Jahrzehnten (Montage: jW); Dietmar Koschmieder eröffnet die Rosa Luxemburg-Konferenz 2017 (Natalia Ciric Photography); „Sie lügen wie gedruckt“ (Natalia Ciric Photography); Titelbild: Dietmar Koschmieder im Gespräch mit Michael Wögerer (Natalia Ciric Photography)

Bisher bei „Irgendwas mit Medien“

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