Warum man den Wiener Sport-Club retten muss

Von Gerald VdH

Ich bin ein spätberufener Fußball-Fan. Vielleicht liegt es daran, dass ich einer der untalentiertesten Kicker auf Erden bin. In jedem Käfig – von Floridsdorf bis Donaustadt – war ich als der tollpatschige Junge mit dem übertriebenen Körpereinsatz berühmt bis berüchtigt. Daher wurde ich nie zu Probetrainings mitgenommen und man traute es mir wohl auch nicht zu, Pausengespräche über Fußball zu führen.

Viele Jahre später verliebte ich mich, während meiner kurzen aber intensiven Zeit in London, in meinen Verein: Arsenal London. Das hat auch nichts mit Nick Hornby zu tun. Der Verein hat mich einfach irgendwann gefunden, sich mein Herz geschnappt und es nie wieder losgelassen. Ich besuchte das Stadion so oft ich konnte. Und trotz dem weit verbreiteten Rassismus und ziemlich üblen Antisemitismus in der Kurve, blieb meine Liebe ungebrochen. Bis heute. Kein anderer Verein – und schon gar nicht in Wien – konnte da mithalten. Tja, bis an dem Tag, an dem ich das erste Mal auf der Friedhofstribüne stand.

Ich liebe diesen Ort. Der WSC wird nie mein erster Verein sein. Aber die FHT wird immer meine erste Kurve sein. „Kurve“ natürlich unter Anführungsstrichen. Denn, es ist schon auch eines: eine Anhäufung untypischer Fans – manche würden sie vielleicht aus Unkenntnis als „Bobos“ bezeichnen – die sich ihre eigene Fußball-Wunderwelt geschaffen haben. Und das meine ich im allerpositivsten Sinne. Das wäre vielleicht auch der einzige Vorwurf, den man diesem Fanclub machen kann: eine gewisse „Abgehobenheit“. Und das nicht, weil es an Working-Class-Fans mangeln würde, sondern weil man gewisse Prinzipien pflegt und zur Unteilbarkeit in den Rang von einer Art FHT-Verfassung erhoben hat. Prinzipien, wie man sie ganz bestimmt in keiner anderen Kurve der Republik finden wird.

Zum Beispiel wird – aus Prinzip – kein Gegner und nicht einmal SchiedsrichterInnen ausgebuht. Sexismus, Rassismus und Antisemitismus wird entschieden entgegengetreten. Inklusion funktioniert an diesem Ort ganz ohne Ansage oder Vorsatz. Ganz selbstverständlich trifft jung auf alt, arm auf reich oder gesunde Menschen auf Menschen mit Behinderung. Mit dieser Art „Abgehobenheit“ kann ich ausdrücklich gut.

Ganz unaufgeregt muss man auch festhalten, dass der WSC-Platz – mit Abstand – das herrlichste Fußballstadion des Landes ist. Es ist der einzige Platz, der – ganz in englischer Tradition – mitten im Wohngebiet und mitten im Leben eines Grätzels, organisch einen Platz und eine echte Bedeutung gefunden hat. Es ist vielleicht der einzige Ort in Österreich, an dem ich jemals diesen distinktiven Kuss namens „Fußballkultur“ gefühlt habe, den ich sonst nur auf meinen Groundhopping-Trips in vielen anderen Stadien dieser Welt erleben durfte. Fehlt dieser Ort, so fehlt ganz viel. Das darf nicht passieren.

Der Wiener Sport-Club ist – so untypisch er für diese Stadt ist – ein Stück Wien, das nicht zu ersetzen ist. Ich bin alles andere als ein Traditionalist. Aber wenn es jemals eine Tradition gab, die ich als rettenswert empfunden hätte, dann ist es bestimmt das Geschehen an der Alszeile in Wien.

Ich will mich nicht als den großen WSC-Kenner und -Fan aufspielen. Da gibt es so viele Menschen, die ihr Leben komplett den Farben Schwarz und Weiß verschrieben haben und die ich bis über meinen Kragen respektiere. Aber ich sehe es trotzdem als einen Auftrag, meine Reichweite zu nutzen und euch zu bitten:

Rettet den schwarz-weißen Fußball in Wien! Bitte. Danke.

Gerald VDH ist DJ für Club Meat Market und lebt in Wien. Sein Blog: geraldvdh.wordpress.com

Titelbild: startnext.com/onewienersportclub

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