Transferzeit – Wenn der Fußball in den Hintergrund rückt

222 Millionen Euro. Das ist wohl die Zahl des diesjährigen Fußballsommers. Um exakt diese Summe wechselte der brasilianische Stürmerstar Neymar vor wenigen Wochen vom FC Barcelona zu Paris St. Germain in die französische Ligue 1 – es war die Überraschung schlechthin in der vor allem transfertechnisch heißesten Zeit des Jahres. Doch PSG’s neue Nummer 10 war nicht der einzige Transfer-Kracher in diesem Millionen-Sommer. In der Nacht auf Freitag wurde in den meisten Ligen Europas das Transferfenster bis zum Jänner 2018 geschlossen. Welche Summen gaben die Vereine aus? Was tat sich in der österreichischen Bundesliga? Und allem voran: Sind diese enormen Summen, die teilweise für Spieler wie Neymar ausgegeben wurden, überhaupt gerechtfertigt und wird der Millionen-Wahnsinn in den nächsten Transferperioden so weitergehen oder sogar noch extremer werden?

Eine Analyse nach dem großen Deadline-Day von Moritz Ettlinger

Neymar (noch) im Trikot des FC Barcelona (Foto: Alex Fau/flickr.com; Lizenz: CC BY 2.0)

Beginnen wir mit dem bereits erwähnten Top-Transfer des Sommers. Viel ist ja über die Personalie Neymar spekuliert worden. So wirklich daran glauben, dass der 25-Jährige tatsächlich den FC Barcelona verlassen könnte, wollte bis zum Schluss eigentlich niemand. Zu unrealistisch schien die Summe von 222 Millionen Euro, die als Ausstiegsklausel in seinem Vertrag festgeschrieben stand, zu hoch die Hürde in Bezug auf das Financial Fair Play, mit dem vereinfacht gesagt verhindert werden soll, dass Europas Klubs in den letzten drei Jahren mehr Geld ausgegeben als sie einnehmen. Doch mit einem Öl-Scheich im Hintergrund lässt sich so einiges bewerkstelligen, und so überraschte Paris St. Germain ganz Fußball-Europa und landete mit der Verpflichtung eines der besten Kicker des Planeten den großen Coup des Sommers.

Dass der FC Barcelona auf der anderen Seite mit einem finanziellen Gegenangriff nicht lange auf sich warten ließ, war widerum zu erwarten. Mit 105 Millionen Euro reinvestierten die Katalanen fast die Hälfte der Neymar-Einnahmen in den erst 20-jährigen französischen Nationalspieler Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund. Der Flügelspieler ist ohne Frage ein Riesentalent, das dem FC Barcelona in Zukunft noch viel Freude bereiten könnte, ob er allerdings über 100 Millionen Euro wert ist, darf stark bezweifelt werden. (Ganz davon zu schweigen, dass derartige Summen generell infrage gestellt werden sollten, aber dazu später mehr).

England als Mutterland des Geldes

Von diesen beiden Top-Transfers abgesehen, die nun übrigens die beiden teuersten Spieler in der Geschichte des Fußballs darstellen, lohnt sich in Sachen Geld wie eigentlich schon üblich der Blick auf die Insel in die englische Premier League. Auch hier wurde wieder einmal tief in die Kasse gegriffen. Manchester City holte beispielsweise für über 240 Millionen Euro neue Spieler, Lokalrivale Manchester United gab ca. 160 Millionen Euro aus, Meister Chelsea verfeinerte seinen Kader mit über 200 Millionen Euro und auch vermeintlich „kleinere“ Vereine wie der FC Everton (fast 160 Mio. Euro), der FC Watford (über 60 Mio. Euro) oder Leicester City (knapp 60 Mio. Euro) waren in diesem Sommer nicht gerade sparsam. Insgesamt gaben die Premier League-Vereine in diesem Sommer laut dem Fußball-Portal transfermarkt.at über 1,5 Milliarden Euro für Neuzugänge aus.
Im Vergleich dazu wirken die Transferausgaben der Vereine aus der deutschen Bundesliga und der spanischen Primera División mit ca. 600 Millionen (hier schließt das Transferfenster aber erst heute um 23:59 Uhr) bzw. 550 Millionen Euro und der französischen Ligue 1 mit in etwa 660 Millionen Euro fast schon mickrig. Auch die italienische Serie A kam mit knapp 900 Millionen Euro an Ausgaben bei Weitem nicht an die Premier League heran.

Die österreichische Bundesliga kann mit derartigen Summen naturgemäß nicht mithalten. „Nur“ knapp fünf Millionen Euro gaben die heimischen Klubs zur Verstärkung ihrer Mannschaften aus. Im Gegensatz zu den meisten großen Ligen Europa fällt aber eines auf: Die Teams aus Österreich konnten ein großes Transfer-Plus erwirtschaften. Fast 35 Millionen Euro nahmen Red Bull Salzburg und Co. für die Verkäufe ihrer Spieler ein. Damit ergibt sich eine Bilanz von in etwa +30 Millionen Euro für diesen Transfer-Sommer. Beinahe die Hälfte der Einnahmen konnte Meister Salzburg für sich beanspruchen. Shooting-Star Konrad Laimer beispielsweise ging für 7 Mio. Euro zur Red-Bull-Filiale RasenBallsport Leipzig, für Wanderson kassierten die Mozartstädter sogar 8 Millionen vom russischen Klub Krasnodar. Aber auch die beiden Hauptstadt-Klubs, Rapid und Austria Wien konnten ein deutliches Einnahmen-Plus verbuchen. Die Hütteldorfer verkauften Abwehr-Talent Maximilian Wöber um 7,5 Mio. Euro an Ajax Amsterdam, die Veilchen nahmen durch die Abgänge von Larry Kayode (3,5 Mio. Euro an Manchester City) und Petar Filipovic (1,5 Mio. an Konyaspor) ebenfalls 5 Millionen Euro ein.

Der Sport rückt in den Hintergrund

Von der österreichischen Liga aber einmal abgesehen waren die Summen in diesem Sommer so hoch wie noch nie. 84 Millionen, 105 Millionen, 222 Millionen Euro: Der Markt spielt verrückt. Die von Öl-Scheichs und russischen Milliardären finanzierten Vereine schaukeln sich gegenseitig zu immer noch höhere Summen auf und machen den gesamten Sport zu einem Marketing-Projekt, in dem der Fußball selbst völlig in den Hintergrund rückt.

Viele Akteure sehen die Entwicklungen auf dem Transfermarkt ebenfalls in eine völlig falsche Richtung abdriften. Österreichs Team-Kapitän Julian Baumgartlinger meinte erst kürzlich, dass der Markt „völlig aus der Fassung“ sei. „Im Fußball hat sich ein Denken eingebürgert, so etwas als normal hinzunehmen, weil auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen utopische Summen versickern. Diese Entwicklung ist fatal“, so Baumgartlinger laut sport.orf.at.

Sogar Manchester-City-Coach Josep Guardiola, der in diesem Sommer um mehr als 240 Millionen Euro eingekauft hat, sagte, er „würde gern weniger Geld ausgeben“, aber „der Markt ist der Markt. Alle Klubs geben viel Geld aus, nicht nur wir.“

Und genau da liegt das eigentliche Problem: Vor allem die großen Klubs Europas fürchten um ihre Spieler, fürchten darum, keine neuen Akteure mehr verpflichten zu können, wenn sie bei dem Wettbieten nicht mitmachen. Ohne Ausgaben in Millionen-Höhen bangen die Vereinschefs um die Konkurrenzfähigkeit ihrer Teams, insbesondere auf dem internationalen Parkett. Und auch viele Fans sind mittlerweile enttäuscht, wenn ein Sommer ohne großen Transfer-Kracher für ihren Klub vorbeigeht. So werden Millionen-Transfers immer mehr zur Normalität, auch wenn die Summen, die dabei im Spiel sind, natürlich schon lange nicht mehr (be)greifbar sind. Dazu ein bemerkenswertes Statement von Christian Streich, Trainer des SC Freiburg.

Ein Ende dieses Transferwahnsinns ist in naher Zukunft allerdings nicht in Sicht. Mit seinen 222 Millionen wird Neymar zwar aller Voraussicht nach noch länger an der Spitze der teuersten Spieler der Welt bleiben, dass die Klubs ihr Wettbieten in den nächsten Transferperioden fortsetzen werden, gilt aber als sicher. Ablösesummen jenseits der hundert Millionen Euro inklusive.

Solange sich die Klubs gegenseitig mit immer noch höheren Summen zu überbieten versuchen, solange die Trainer lieber auf internationale Stars setzten als auf eigenen Nachwuchskicker und solange die Vereine durch Finanzspritzen aus aller Welt mit Geld vollgepumpt werden, solange ist für diesen Transferwahnsinn auch kein Ende in Sicht.

Aber allein, wenn man bedenkt, wieviel Gutes mit derartigen Summen an Geld auf dieser Welt bewirkt werden könnte, wäre ein Hinterfragen dieses Systems eigentlich schon einen Gedanken wert. Auch für die Klubs.

Titelbild: „Geld-Trikot“ (pixabay.com; public domain)

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