Das 9/11 von 1973

Anschlag auf Demokratie in Chile kostete Tausenden das Leben

Während das kollektive Gedächtnis mit dem 11. September fast ausschließlich die vor 16 Jahren verübten Anschläge auf das World Trade Center in New York verbindet, steht dieses Datum bereits seit 1973 für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Am heutigen Tag vor 44 Jahren wurde der demokratisch gewählte Präsident Chiles, Salvador Allende, durch einen blutigen Militärputsch gestürzt und die mit ihm verbundene demokratische Ordnung zerstört. Das darauffolgende faschistische Terrorregime unter General Augusto Pinochet bedeutete für tausende Chileninnen und Chilenen Tod, Folter und Vertreibung.

Wie kam es dazu?

Am 4. September 1970 gewann das linke Bündnis der Unidad Popular (UP) in Chile die Wahlen, der Sozialist Allende wurde Präsident. Eine breite Demokratisierung der Gesellschaft und eine Politik der Umverteilung von Reich zu Arm waren die Folge. Als jedoch der chilenische Kongress die Nationalisierung der Kupferminen, die Verstaatlichung des Kohle- und Salpeterbergbaus, der Textil- und Baustoffindustrie sowie des Bankwesens beschloss und als die Landreform (4% der Bevölkerung verfügten über 80% des Bodens) in Angriff genommen wurde, verschärften ausländische Monopole und ihre Verbündeten in Chile den Kampf gegen die gewählte Regierung. Hochrangige rechte chilenische Militärs nahmen Kontakt mit den USA auf, um eine mögliche Zusammenarbeit gegen den sozialistischen Präsidenten auszuloten.

„Vorgesehen waren die wirtschaftliche Erdrosselung, die diplomatische Sabotage, die Organisierung eines sozialen Chaos, die Schaffung einer Panikstimmung unter der Bevölkerung, damit, wenn die Regierung abgesetzt wäre, die Streitkräfte sich veranlasst sähen, die demokratische Ordnung aufzuheben und eine Diktatur zu errichten“, klagte Salvador Allende 1972 in einer Rede vor der UNO an. Und es kam schließlich genauso, wie er vorhergesehen hatte: Bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt wurden mehr als 600 Terroranschläge und Sabotageakte gegen die chilenische Wirtschaft und Infrastruktur verübt, oppositionelle Unternehmer und von ihnen bezahlte Gewerkschaften führten Massenstreiks durch.

In den Morgenstunden des 11. September 1973 wurde Salvador Allende durch einen Telefonanruf geweckt und bekam die Nachricht, dass sich weite Teile des Militärs gegen ihn gewandt hätten und seinen Rücktritt forderten. Der wenige Monate zuvor ernannte Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Augusto Pinochet, stellte sich an die Spitze der vom CIA unterstützen Putschisten.

Gegen Mittag griffen Kampfjets den Präsidentenpalast Moneda an, wo sich Allende mit seiner Familie, seinem Kabinett und einigen Getreuen aufhielt, anschließend begann die Erstürmung. Salvador Allende blieb bis zum Schluss, kurz vor seinem Tod wandte er sich in einer Radioansprache ein letztes Mal an sein Volk: „Ich glaube an Chile und sein Schicksal. Es werden andere Chilenen kommen. In diesen düsteren und bitteren Augenblicken, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald, erneut die großen Straßen auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht. Es lebe Chile! Es lebe die Bevölkerung! Es leben die Werktätigen! Das sind meine letzten Worte, und ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht vergeblich sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat verurteilt.“

Nach der Machtergreifung Pinochets wurden tausende Menschen verhaftet, darunter Gewerkschafter, Vertreter der Unidad Popular und Sympathisanten der Regierung. Folter und Morde standen an der Tagesordnung, Fußballstadien, Schulen, Konferenzhallen und andere öffentliche Gebäude wurden zu regelrechten Konzentrationslager umgebaut. An die 4.000 Menschen wurden ermordet, zehntausende mussten flüchten (zahlreiche auch nach Österreich und Deutschland). Trotz Aufarbeitung der Verbrechen nach Ende der Diktatur 1990 wurden die Drahtzieher von damals, Pinochet, US-Präsident Richard Nixon, CIA-Direktor George Bush sen. und US-Außenminister Henry Kissinger niemals zur Verantwortung gezogen.

Text: Michael Wögerer
Titelbild: Verschleppte Menschen in Chile nach dem Putsch vom 11. September 1973. Ausstellung der Allende Stiftung anlässlich de 30. Jahrestages seines Todes. (Marjorie Apel; Lizenz: CC BY-SA 3.0)

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1 Kommentar

  1. Und es geht weiter bis in die Gegenwart!! Die Kriege in Afghanistan, im Irak in Lybien, im Jemen, in Syrien, in der Urkraine … sowie die versuchten Regime- Wechsel in Venezuela und anderen Ländern gehen auf das Konto des Hauptaggressors – der USA. Das unmenschliche Hegemoniebestreben – Weltgendarm – läßtz die Welt nicht zur Ruhe kommen. Wir brauchen den Regimewechsel in den USA! Eine besondere Schande ist es, dass Deutschland dabei ein getreuer Mitverbrecher ist!

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