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Transgender als geisteskrank?

Lange genug wurden Transgender-Menschen als psychisch krank abgestempelt – das sieht sogar die WHO ein und erschafft endlich einen weiteren Meilenstein.

von Oliver Suchanek

Passend zum Pride-Monat gab es für die Transgender-Community am 18. Juni 2018 einen ordentlichen Grund zu feiern: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Transidentität nicht mehr länger als psychisch krank klassifizieren.

Seit 2007 wurde an der Erneuerung des Kataloges ICD-11 (vorher ICD-10 von 1990) gearbeitet und im Jahre 2019 wird die neue Regelung endlich den WHO-Mitgliedstaaten vorgelegt. Die Änderung im internationalen Katalog der Krankheiten und psychischen Störungen – ein Dokument, das mehr als 70% aller Psychiater weltweit als Anordnung für ihre Arbeit nutzen – soll 2022 in Kraft treten. Dies bedeutet konkret: Es wird – offiziell – von nun an nicht mehr als psychisch krank abgestempelt, wenn sich wer als Mann fühlt, aber der Körper weibliche Merkmale hat und vice versa. Genauso Menschen, die sich als weder noch oder nicht ganz eindeutig (nicht-binär) einem Geschlecht zugehörig fühlen, aber trotzdem einen Körper eines binären Geschlechtes haben, sind keine “Geisteskranke” mehr. Es wird nicht mehr von „Transsexualismus“ gesprochen, sondern in Zukunft wird es die Bezeichnung “Gender Incongurence” (dt. Geschlechtsinkongurenz) oder “transidente Menschen/Transgender Menschen” tragen. Es heißt nicht mehr “F 64.0 Transsexualismus”, sondern “HA60 ff Gender incongruence”.

Was bedeutet das konkret? Möchte man in Österreich den Körper an das gefühlte Geschlecht angleichen, so stehen drei Teile des diagnostischen Prozesses zur grundsätzlichen Feststellung des Vorliegens einer Transidentität bevor: Psychiatrische Diagnostik, klinisch-psychologische Diagnostik und psychotherapeutische Diagnostik. Diese werden am Ende von einer fallführenden Person in einer Stellungnahme zusammengefasst, welche für die weiteren Behandlungsschritte (Hormone und/oder geschlechtsangleichende OP) notwendig ist. Die Krankenkasse bezahlt diese Schritte, da sie als Heilbehandlung gelten, genauso ist es nicht mehr zwingend, diese Schritte (Hormone und/oder OP) zu machen, um eine Personenstands- und Vornamensänderung beantragen zu können.

Mit der Änderung des Kataloges würde es wahrscheinlich bedeuten, dass der ganze Prozess nicht mehr notwendig für die Schritte ist. Transidente und nichtbinäre Menschen werden vielleicht nicht mehr gezwungen sich mit Psychologen und Psychiatern herumzuschlagen und mit dem Stempel “psychisch krank” auf der Stirn herumzulaufen. Auf der anderen Seite, kann es auch sein, dass der Prozess weiterhin bestehen bleibt und sich “nur” die Diagnose ändert. Eine gewisse Vorsicht muss doch bleiben, da es genug Menschen gibt, die es eventuell bereuen, weil sie die Schritte zu “leichtfertig” begangen haben.

Was nicht selbstverständlich sein sollte, aber heute noch leider traurige Realität ist: In vielen Ländern wie, Bulgarien, Serbien und Slowenien gibt es keinen Funken der Anerkennung von Transidentität. In 34 Ländern Europas können Transmenschen ihren rechtlichen Namen und Geschlecht nicht ändern, ohne, dass sie nicht an einer Zwangssterilisierung, Scheidung oder einer Diagnose von Geisteskrankheit vorbeikommen.

Im sozialen Rahmen ist es oft nicht einfach über das Thema Trans* zu sprechen, ohne sich auf einem Minenfeld der falschen Begriffe oder unbeabsichtigten Ignoranz zu bewegen. Es gibt dafür viel zu viele verwirrende Begriffe und Formulierungen, die sehr schnell diskriminierend wirken können, wenn man sie falsch anwendet. Selbst ich, einen transidenten Menschen, bearbeite einen Text zum Thema teilweise über Wochen, bis ich mir sicher sein kann, dass etwas nicht falsch betitelt worden ist. Man sagt nicht mehr “Sie war früher ein Junge” oder “Sie würde gerne eine Frau sein”. Auf weitere Phrasen, wie “Er hat den Körper einer Frau” und “Sie ist im falschen Körper gefangen” stößt man auf viel Ablehnung und Unbehagen. Genauso ist der Begriff “Transsexualismus” veraltet. Es gibt genug Menschen, die sich als trans* identifizieren, aber nicht jeder möchte einen operativen Eingriff oder eine hormonelle Behandlung; also das biologisches Geschlecht ändern.

Möchte man als Cisgender-Person (dh. Menschen, die sich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht identifizieren) über das Thema Transidentität oder Non-Binary Aufmerksamkeit schaffen, ist es “sicher” sich mit den Begriffen wie Transidentität, Trans*, transidente Menschen/Personen oder der*die, auf dem Minenfeld zu bewegen. Am wichtigsten ist es jedoch, falls man ausgebessert wird, dies nicht als Angriff aufzufassen, sondern es als eine Möglichkeit ansehen seine Sprache zu erweitern, um mehr Inklusion zu schaffen. Eventuell auch transidente Menschen oder Gruppen, wie zB., “The Cha(i)nge” (eine Trans Peer Gruppe in Wien) oder Beratungsstellen wie “Courage”, um Rat fragen, kann wirklich nicht schaden. Fragt Menschen nach ihren Pronomen, nicht nach dem, was sich in deren Hosen befindet und es schadet auch nicht, sich ein bisschen zu informieren.

Quellen und weiterführende Links:

Titelbild: „the Cha(i)nge“-Trans*-Gruppe auf der Regenbogenparade (Foto: Oliver Suchanek)

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