Bernhards musikalische Rumpelkammer: MÄRZ 2019

Foto: Hannah Wahl

Der März bringt wie die vorangehenden Monate neue Alben einiger musikalischer Rückkehrer mit sich – 2019 scheint das Jahr zu sein, in dem sich viele lange zurückgezogenen Bands aus ihrem Versteck wagen. Musikalisch steht diesen Monat besonders das weite Feld des Emo in all seinen Spielarten im Fokus. Neben (Neo-)Klassik, Post Rock und Post Hardcore ist dabei noch ausreichend Platz für Black Metal, von Synthesizern angetriebenen Punk, politischen Rap, experimentellen Pop und moderne Mittelalter-/Folk-Musik. Hoffentlich bleibt das Jahr musikalisch so stark und vielseitig wie bisher!

TOP 5

  1. The Pirate Ship Quintet – Emitter
  2. La Dispute – Panorama
  3. Brutus – Nest
  4. Billie Eilish – WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?
  5. Waving The Guns – Das muss eine Demokratie aushalten können

THE PIRATE SHIP QUINTET haben bereits mit ihrem ersten Album ihre Ausnahmestellung im Genre des Post Rock bewiesen. Auf ihrem zweiten Album „Emitter“ unterstreichen die fünf Briten diese mehrfach. Anstelle geradliniger Strukturen lassen die Musiker viel Raum für offene und orchestrale Strukturen in ihrer Musik. Den daraus resultierenden Symphoniecharakter reichern sie durch Elemente aus Jazz und Folk an. Dabei quillt das weitestgehend ruhige und zurückgenommene Album schier über vor melancholischen Melodien, ohne auf einige Ausbrüche zu verzichten. Ein fabelhaftes Stück Musik.

Anspieltipp: 

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LA DISPUTE haben sich für „Panorama“ viel Zeit gelassen. Ihr viertes Album ist nach den wütenden frühen Jahren vermutlich ihre melodischste und zurückgenommenste Veröffentlichung. Es wäre allerdings mehr als gerechtfertigt, würde „Panorama“ zukünftig in einem Atemzug mit dem deutlich härteren Meisterwerk „Wildlife“ genannt: Der atemlose, unverkennbare Sprechgesang von Jordan Dreyer begeistert und erneut erzeugen die fünf Musiker einen in sich geschlossenen Kosmos. Das gilt musikalisch wie textlich, atmosphärisch wie gestalterisch. Ein klares Post-Hardcore-Highlight.

Anspieltipp:


BRUTUS legen knapp zwei Jahre nach ihrem Debüt „Burst“ nun ihr zweites, dem Titel nach ebenfalls einsilbiges Album „Nest“ vor. Darauf hat das belgische Trio sowohl seinen ganz eigenen Sound weiter perfektioniert als sich auch in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt. So ist der Gesang von Schlagzeugerin Stefanie deutlich facettenreicher geworden. Musikalisch weiß die Band durch stärkere Rhythmusspielereien und Dynamikwechsel sowie durch schlicht abwechslungsreicheres Songwriting zu begeistern. Der fehlende Überraschungseffekt wird durch schiere Qualität aufgewogen.

Anspieltipp:


BILLIE EILISH ist mehr als nur das nächste Popsternchen, dass einmal durch die Charts getrieben wird. Auf ihrem Debütalbum „WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?” zeigt sich die erst 17 Jahre alte Künstlerin unfassbar vielseitig. Eindeutig von Künstlern wie Odd Future oder The XX sozialisiert, mischen sich minimalistische Beats mit zuckersüßen Melodien und verstörenden Momenten ab. Über allem liegt Billies vernuschelte, tief in sich versunkene Stimme, die an Lana Del Rey erinnert. Zwischen R’n’B, Pop, Mumble und Indie ist dieses Debüt eines der spannendsten Pop-Alben der letzten Jahre.

Anspieltipp: 


WAVING THE GUNS haben sich in den letzten Jahren in steter Kontinuierlichkeit einen Namen erspielt. Mit „Das muss eine Demokratie aushalten können“ werden sie den damit einhergehenden Erwartungen gerecht. Oldschool-HipHop-Beats treffen auf einen schmissigen, leicht vernebelten Flow. Ihre klar linkspolitische Ausrichtung stellen die Musiker gelegentlich in Phrasen klar, offenbaren diese aber, neben traditionellen Szene-Disses, auch in beißender Sozialkritik. In Zeiten von überproduziertem Trap und minimalistischem Dada tut ein derartiger Throwback sehr gut.

Anspieltipp:


Außerdem:

Es gibt wenige klassische Stücke, die eine so große Schwere besitzen wie Henryk Goreckis dritte Symphonie. 2014 nahmen sich BETH GIBBONS & THE POLISH NATIONAL RADIO SYMPHONY ORCHESTRA einer Aufführung des Werkes an, die nun auch als Aufnahme vorliegt. Die moderne Produktion klingt voll und warm und Beth Gibbons’ Stimme schmiegt sich perfekt an die Melancholie und Traurigkeit der Symphonie. Die Portishead-Sängerin ließ sich hierfür im Soprangesang schulen und weiß mit einer Leidenschaft und Ehrlichkeit zu berühren, die ihresgleichen sucht.


Live-Alben sind in den meisten Fällen nur etwas für wirkliche Liebhaber*innen. Zwar fangen sie die Atmosphäre und oft auch Energie eines Konzertes ein, können aber qualitativ nicht mit Studioalben mithalten. „Live in Berlin“ der Black Metaller DER WEG EINER FREIHEIT führt diesen Allgemeinplatz ad absurdum. Präzise wie ein Uhrwerk gespielt, druckvoll bis zum Anschlag produziert und dennoch roh und aggressiv ist diese Werkschau schlicht atemberaubend. Die Liveversionen der Songs entwickeln eine ganz eigene Stimmung und die Band aus Würzburg setzt sich hiermit selbst ein Denkmal.


TOWNES VAN ZANDT wurde zu Lebzeiten nie die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm zustehen würde. Die Größe dieses Ausnahmemusikers zeigt sich auch auf „Sky Blue“, das elf bisher unveröffentlichte Aufnahmen einer Session aus dem Jahr 1973 enthält. Die emotionale Stimme des Musikers betont, gepaart mit der leiernden Aufnahmequalität, die Leidenschaft, die aus jedem Ton dieser Songs zwischen Folk, Country und Singer-/Songwritertum sprießt. Neben einem Zeitdokument ist diese unmittelbare Veröffentlichung eine weitere Chance, das Werk von Townes Van Zandt kennenzulernen.


Es gibt Alben, die man in genau der richtigen Stimmung hören muss. Das dritte selbstbetitelte Album der Emo-/Post-Rock-Pioniere AMERICAN FOOTBALL ist so ein Album. Noch mehr als zuvor setzt die Band ganz auf Atmosphäre und erzeugt eine durchgängige, dem Shoegaze entlehnte verträumte Stimmung. Voll und warm produziert perlen minimalistische Rhythmen und verhallte Gitarren unter einer spiegelglatten Oberfläche, sodass sich der melancholisch-schöne Eindruck des Albums erst nach und nach erschließt. Hier präsentiert sich eine Band, die ihren Sound gefunden hat.


Der 20 Jahre alte DAVE rappt sich auf seinem Debütalbum „Psychodrama“ alles von der Seele: Wut über den Rassismus in seinem Heimatland, psychische Probleme und seinen schwierigen bisherigen Lebensweg. Musikalisch wechseln sich bassige Beats mit modernen Elementen ab, die von melancholischem Pop angereichert werden. Nahezu atemlos erzählt der junge Musiker Geschichten in seinem tiefen Flow, und interessiert sich dabei nur selten für Hooklines. Das ist fesselnd und zutiefst ehrlich. Obwohl auf Dauer stilistisch fast etwas zu gleichförmig, ist das Ergebnis beeindruckend.


Die schiere Existenz von MAULGRUPPE ist ein weiterer Beweis für die Umtriebigkeit von Jens Rachut. Mit diesem neuen Drei-Personen-Projekt fügt der legendäre Punk-Sängers seiner riesigen Diskografie ein weiteres Kapitel hinzu. Auf „Tiere in Tschernobyl“ geht es wie gewohnt punkig und textlich kryptisch-politisch zu. Dabei spielen allerdings Synthesizer eine gewichtige Rolle, die nicht nur für elektronische Elemente sorgen, sondern schon fast an Rave und Trance erinnern. Diese Kombination funktioniert tadellos und steht in dieser Form – zusammen mit Rachuts quäkendem Gesang – gänzlich für sich.


FOALS waren unter den Indie-Bands der 2000er eher auf der verschrobenen Seite. Auf „Everything Not Saved Will Be Lost (Part 1)“ gilt diese Aussage nach wie vor. Mit verhalltem Gesang und leicht verqueren Melodien sowie den markanten stakkato-artigen, quirlig-perlenden Gitarrenmelodien ist vieles beim Alten geblieben. Dennoch klingt die Band unter anderem durch den verstärkten Einsatz elektronischer Elemente moderner und frischer. Wenn auch nicht sonderlich überraschungsreich, hält ihr mit spannenden Ideen angereicherter Indie-Rock ein Genre am Leben.


RAZZIA sind eine Punklegende, Punkt. Mit „Am Rande von Berlin“ veröffentlicht die Band aus Hamburg ihr erstes Album in Originalbesetzung seit 1991. Eingängige Punk-Nummern, die nicht an melancholischen, fast schon post-punkigen Melodien sparen, treffen auf ruhige Momente. Diese ergänzen auch die textliche Stimmung: Auch auf ihrem 9. Album verzichtet die Band auf stumpfe Parolen und ist dabei dennoch hochpolitisch. Leider raubt die insgesamt etwas zu drucklos geratene Produktion sowie die Länge den durchweg intelligenten Songs ein wenig die Energie.


Kein Album von SUBWAY TO SALLY klingt gleich und dennoch erkennt man jedes Mal ohne Zweifel, um welche Band es sich handelt. Entsprechend ist auch „HEY!“ konzipiert: Einige elektronische Elemente des Vorgängers „Mitgift“ wurden übernommen, die an „Engelskrieger“ erinnernden Riffs dominieren und immer wieder tauchen Elemente aus den frühen Mittelalter-Tagen auf. Textlich so politisch wie selten zuvor, kann auch das 14. Album der Band überzeugen – allerdings ist der fast schon penetrante Einsatz von Mitsing-Chören ein kleiner Wermutstropfen.


Nach ihrem im Januar erschienenen Cover-Album legen WEEZER ihr mittlerweile sechstes selbstbetiteltes, diesmal schwarz gefärbtes Album nach. Wie auf „Pacific Daydream“ – dem bisherigen Lowlight ihrer Diskographie – schlägt die Band eine klare Radiopop-Ausrichtung ein. Das wäre nicht das Problem – stellenweise liefern Rivers Cuomo und Co. dieses Mal sogar richtige Perlen ab. Allerdings verliert sich der Großteil des Albums in einer fast schon erschreckend langweiligen Beliebigkeit, die haarscharf an der Peinlichkeit entlang schrammt. Die Band ist und bleibt eine Wundertüte.


Bernhard Landkammer schreibt auch für metal1.info. Dort könnt ihr weitere Rezensionen und teilweise ausführlichere Meinungen zu den hier besprochenen Alben lesen.

Bisher:

Titelbild: Bernhard Landkammer/Unsere Zeitung

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