Baskenball: Athletic Bilbao als Gegenmodell zum modernen Fußball?

San Mames Bilbao
Im heimischen San Mames hat Athletic in dieser Saison noch keinen Punkt abgegeben. (wikipedia.org, Lizenz CC BY-SA 4.0)

Athletic Bilbao steht derzeit noch ungeschlagen auf Rang 4 in der spanischen Liga, vor Mannschaften wie dem FC Barcelona oder dem FC Sevilla, nur zwei Punkte hinter der Tabellenspitze. Mit einer Vereins-Philosophie, die im modernen Fußball eigentlich nicht mehr konkurrenzfähig und dennoch eine ist, an der sich viele Vereine ein Beispiel nehmen sollten.

von Moritz Ettlinger

Solche Geschichten schreibt nur der Fußball. Es steht noch 0:0 im ersten La-Liga Spiel der neuen Saison in Spanien zwischen Meister Barcelona und Athletic Bilbao. Die Basken verkaufen sich gut gegen die Millionentruppe aus Katalonien und belohnen sich in der 89. Minute mit dem 1:0. Und wie: Ander Capa flankt auf Aritz Aduriz, und der hämmert die Kugel mittels Seitfallzieher in die Maschen. Ein Tor des Jahres am ersten Spieltag der neuen Saison.

Dass dieser Sieg kein Ausrutscher war, zeigen die folgenden Wochen, mittlerweile und nach sechs Spieltagen liegt man mit zwölf Punkten auf Rang vier, nur einen Punkt hinter dem Zweiten Atlético Madrid und zwei hinter Tabellenführer Real Madrid, vor Teams wie etwa dem FC Sevilla und dem FC Barcelona. Nach dem fünften Spieltag standen die Basken gar an der Spitze der Tabelle. Und das, ohne in diesem Sommer auch nur einen einzigen Cent auf dem Transfermarkt für neue Spieler ausgegeben zu haben.

Zufall, könnte man meinen. Hohe Schulden beispielsweise, oder auch Transfersperren der UEFA zwingen Klubs in Europa des Öfteren dazu, ihre Transferaktivitäten für einen gewisse Zeit ruhend zu stellen, was die Vereine für gewöhnlich nicht freiwillig und schon gar nicht gerne tun. Bei Athletic sieht die Sache anders aus, aus gutem Grund. Und dieser Grund hat mit Zufall rein gar nichts zu tun. Aber von Anfang an.

Von Basken, für Basken

Der Athletic Club ist ein Paradebeispiel dafür, dass es auch anders geht. Seit seiner Gründung im Jahr 1898 setzt der Verein auf eine Philosophie, die im modernen Fußball seinesgleichen sucht. Schon ein erster Blick auf den Kader macht stutzig. Während sich in den Reihen von fast allen europäischen Vereinen Spieler aus aller Welt tummeln, beschränkt sich die Anzahl von Nationalitäten in Bilbao (Doppelstaatsbürgerschaften ausgenommen) auf eine – nämlich Spanien. 

Aus einem einfachen Grund: Der Athletic Club setzt seit mehr als 120 Jahren nur Spieler ein, die entweder im Baskenland geboren oder bei einem Verein dort ausgebildet wurden. Dazu zählen neben den spanischen Provinzen Bizkaia, Gipuzkoa, Álava und Navarra auch Labourd, Soule und Nieder-Navarra, die in Frankreich liegen. Auch die französische Flagge leuchtet in den Kaderlisten Bilbaos also hin und wieder auf, Spieler mit anderen Nationalitäten sind eine Rarität. Darauf ist der Klub stolz.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Millionentransfers aus dem Rest Spaniens oder der Welt ins Baskenland gibt es nicht. Mal eben in der Winterpause die dringend benötigte Verstärkung für das zentrale Mittelfeld für 20 Millionen Euro aus England verpflichten? Mit dieser Philosophie Fehlanzeige. In der aktuellen Situation des Weltfußballs alles andere als eine einfache Ausgangslage. Wie haben es die Basken also geschafft, zehn Meistertitel in der ersten spanischen Liga einzufahren, kein einziges Mal seit der Ligagründung abzusteigen und, wie schon erwähnt, aktuell vor Klubs wie Barcelona oder Real Madrid in der Tabelle zu stehen?

Tradition mit Abstrichen

Auch wenn Athletic auf eine besondere Kader-Philosophie schwört, sind auch sie dem Ruf des Geldes erlegen. Während der Klub beispielsweise bis zur Saison 2004/05 gänzlich auf einen Trikotsponsor verzichtete und bis 2008 mit „Euskaldi“ nur eine Werbung für das Baskenland die Oberkörper der Spieler zierte, prangte dort ab 2008 dank eines millionenschweren Deals der Name eines Mineralölkonzerns, mittlerweile wirbt der Club für die im Baskenland ansässige „Kutxabank“. Hinzu kommen Einnahmen aus dem sehr lukrativen TV-Vertrag sowie Verkäufen von Spielern ins In- und Ausland; an Geld mangelt es dem Klub mit Sicherheit nicht.

Der große Unterschied zwischen Athletic und dem Rest von Fußball-Europa besteht also nicht darin, womit sie ihr Geld einnehmen, sondern wie sie es ausgeben. Das Herzstück der Basken ist nämlich die eigenen Jugendakademie, in die der Verein einen großen Teil seiner Einnahmen investiert. Nicht weniger als elf Spieler des aktuellen Kaders durchliefen (zumindest teilweise) die Jugendmannschaften Bilbaos, darunter unumstrittene Stammspieler und Leistungsträger wie Torhüter Unai Simón (22), Kapitän Iker Muniain (26) oder Torjäger Iñaki Williams (25), mit einem Marktwert von 50 Millionen Euro der aktuell wertvollste Spieler.

Der Rubel rollt trotz allem

Dennoch sind die „Rojiblancos“ auch auf dem Transfermarkt immer wieder aktiv, auch wenn das aufgrund ihrer Kaderpolitik nur begrenzt möglich ist. Hat man einen Spieler gefunden, der sowohl sportlich passt als auch den zuvor genannten Kriterien entspricht, lässt man sich diesen auch gerne einmal etwas mehr kosten. Im Winter 2018 kam Iñigo Martínez für 32 Millionen Euro von Real Sociedad, ein halbes Jahr später Yuri Berchiche für 24 Millionen Euro von Paris St. Germain. Ausgaben in dieser Höhe für einen einzigen Spielern bleiben im Baskenland aber eine Ausnahme.

Leisten kann man sich das ohne Probleme, schon alleine aufgrund der Abgänge der letzten Jahre. 40 Millionen Euro kassierte Athletic 2012 von Bayern München für Javi Martínez, 36 Millionen 2014 von Manchester United für Ander Herrera, 65 Millionen im Winter 2018 für Aymeric Laporte von Manchester City. Und im Sommer 2018 wurde das Eigengewächs Kepa Arrizabalaga zum teuersten Torhüter der Welt; 80 Millionen Euro bezahlte der FC Chelsea für den damals 23-Jährigen.

Nachahmung empfohlen

Man kann die Philosophie von Athletic Bilbao durchaus kritisieren. Nationalismus könnte man dem Verein vorwerfen, genauso wie den fehlenden Willen, sich an die aktuellen Gegebenheiten im Profifußball anzupassen, oder auch Kurzsichtigkeit im Hinblick auf Titelchancen in naher und womöglich auch weiter entfernter Zukunft. „Geld schießt keine Tore“ – dieser Satz stimmt schon lange nicht mehr. Ohne den eigenen Kader Jahr für Jahr mit Millioneneinkäufen zu verstärken lösen sich alle nationalen Titelambitionen, so scheint es, in Luft auf, vom internationalen Geschäft ganz zu schweigen.

Im Baskenland raubt dieser Umstand niemandem den Schlaf. Athletic gibt jungen, heimischen Talenten eine Chance und investiert sein Geld lieber in die eigene Jugend als in Starspieler aus aller Welt. Weil es aufgrund der eigenen Philosophie gar nicht anders geht. Würden alle Vereine Europas und der Welt auch nur ansatzweise derartige Prinzipien an den Tag legen, wären so einige Undinge im modernen Fußball mit einem Schlag erledigt, allem voran das Wettbieten auf dem Transfermarkt. Es wäre ein Schritt zurück zu dem, was den Fußball ausmacht.

Athletic Bilbao macht sicher nicht alles richtig, aber weniger falsch als die meisten anderen. Und das ist ein guter Anfang.

 

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