Sport ist unpolitisch? Von wegen!

Vor allem die große Solidarität innerhalb der Sportwelt mit der #blacklivesmatter-Bewegung zeigt, dass vielen Sportler*innen nicht egal ist, was außerhalb des Platzes oder der Rennstrecke passiert. Aber auch sonst gab es im vergangenen Monat einige Aktionen, die beweisen, dass Sport keinesfalls unpolitisch ist. 

von Moritz Ettlinger

#blacklivesmatter-Solidarität überall

Begonnen hat es schon im Juni: Nach der brutalen Tötung des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten in den USA positionierten sich Spieler der deutschen Fußball-Bundesliga klar gegen Polizeigewalt, einige durch Botschaften wie „Justice for George Floyd“, andere zeigten ihre Solidarität durch einen Kniefall beim Torjubel. Viele Fußballer in anderen Ligen taten es ihren deutschen Kollegen gleich, in der Premier League zierte einige Zeit lang der Slogan „Black Lives Matter“ die Trikots der Spieler.

Anfang Juli startete dann mit einigen Monaten Verspätung auch die Formel 1 in die neue Saison – mit Ansage. Angeführt von Weltmeister Lewis Hamilton setzten alle 20 Fahrer vor dem Rennen in Spielberg ein starkes Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt. 14 von ihnen gingen auf der Rennstrecke auf die Knie, fast alle trugen schwarze T-shirts mit der Aufschrift „End Racism“, nur auf Hamiltons Shirt stand „Black Lives Matter“. Auch in Budapest gab es spontane Solidaritätsbekundungen von 15 der 20 Fahrer. Vor den Rennen in Silverstone kündigte McLaren-Pilot Lando Norris außerdem an, Aktionen gegen Rassismus in Zukunft besser koordinieren zu wollen.

Die #blacklivesmatter-Proteste zwangen auch in der National Football League (NFL) zum Umdenken. Im Feuer der Kritik standen dort schon länger die Washington Redskins mit Namen und Logo, das einen Häuptling mit rotem Gesicht zeigt. Laut orf.at versuchten amerikanische Ureinwohner schon seit Jahrzehnten vergeblich, die Klubführung zu einer Änderung zu bewegen. Gebraucht hat es dann die #blacklivesmatter-Bewegung sowie den daraus resultierenden Druck der Sponsoren, die Teambesitzer Dan Snyder dazu zwangen, Name und Logo nach 88 Jahren tatsächlich zu ändern.

Eintracht Frankfurt spendet Ticket-Einnahmen

Geisterspiele waren in fast allen europäischen und internationalen Fußball-Ligen die Voraussetzung, um die Saison trotz Corona fortsetzen und beenden zu können. Durch die Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit forderten viele Fans die Kosten für ihre schon bezahlten Tickets und Dauerkarten zurück. Allerdings nicht alle: Der Großteil der Fans von Eintracht Frankfurt verzichtete auf die Rückerstattung, der Verein dankte es ihnen und gab das gesparte Geld direkt an karitative Einrichtungen weiter. Eine halbe Million Euro konnten dadurch insgesamt für wohltätige Zwecke gespendet werden.

Erste Frau als ÖFB-Teamchefin

Das österreichische Fußball-Nationalteam der Frauen bekommt erstmals in der Geschichte eine Frau als Cheftrainerin. Die 39-jährige Irene Fuhrmann übernimmt das Amt von Langzeit-Coach Dominik Thalhammer, der zum LASK wechselte. Als „historischen Tag für den österreichischen Fußball“ bezeichnete ÖFB-Präsident Leo Windtner die Bestellung von Fuhrmann, die neben langjähriger Erfahrung auch über die UEFA-Pro-Lizenz verfügt. Trotz der unbestrittenen Qualität von Fuhrmann, hat ihre Bestellung durch den ÖFB auch eine politische Dimension. Das wird deutlich, wenn man einen Blick auf andere Länder und Frauenfußball-Nationalteams wird.

Weltweit haben weit weniger Frauen-Nationalteams auch eine Frau an der Spitze als man das vielleicht vermuten würde: Nur acht von jenen 24 Teams, die bei der Weltmeisterschaft in Frankreich 2019 dabei waren, werden derzeit von Frauen gecoacht. Dabei hat Europa durchaus eine gewisse Vorreiterrolle inne – von den damals neun teilnehmenden Teams stehen immerhin mehr als die Hälfte (5) unter der Führung von Cheftrainerinnen. Bei den Asiatinnen ist es hingegen nur eines (Japan) von fünf.

Oliver Glasner spendet 1% seines Gehalts

157 Mitglieder hatte die Initiative „Common Goal“ bis zum 26. Juli, seit dem 27. ist es eines mehr: Der Wolfsburg-Trainer Oliver Glasner spendet ab sofort ebenfalls 1% seines Gehaltes für gute Zwecke. „Mit 99 Prozent des Gehalts geht es uns auch noch sehr gut. Und je mehr Leute ein Prozent geben, desto mehr kann man damit bewirken“, so der Österreicher im Gespräch mit dem „kicker“.

„Common Goal“ wurde u.a. vom Fußballprofi Juan Mata (Manchester United) ins Leben gerufen. Die Mitglieder der Initiative (Fußballprofis und -trainer*innen) spenden 1% ihres Gehaltes in einen zentralen Fond. Dieses Geld wird dann an Organisationen weitergegeben, die, so heißt es auf der Website, „die Macht des Fußballs nutzen, um die ‚Global Goals‘ der Vereinten Nationen zu voranzubringen“.

Ebenfalls Mitglied sind beispielsweise Liverpool-Coach Jürgen Klopp, die US-Stars Alex Morgan und Megan Rapinoe, ÖFB-Nationalspieler Xaver Schlager oder Dortmunds Mats Hummels. Zudem bemerkenswert: Mehr als die Hälfte der Beteiligten (80 von 158) sind Frauen – obwohl Profifußballerinnen meist nur einen Bruchteil jener Gehälter bekommen, die ihren männlichen Kollegen ausgezahlt werden.

Sport war immer schon politisch

Sport wird allerdings nicht erst seit gestern als politische Bühne genutzt. Schon im Jahr 1906 beispielsweise tat das Peter O’Connor, Silbermedaillengewinner beim olympischen Weitspringen in Athen. Der Ire demonstrierte bei der Preisverleihung für die Unabhängigkeit seines Landes von Großbritannien, in dem er auf den Fahnenmasten kletterte und die grüne Flagge Irlands schwenkte.

Der wohl bekannteste politische Protest bei einem Sportereignis trug sich bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko zu. Die beiden US-Amerikaner Tommie Smith und John Carlos streckten bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs jeweils ihre rechte Faust in die Luft, um gegen Rassismus und Diskriminierung in den USA zu protestieren. Beide wurde aufgrund dieser Aktion von allen künftigen Wettbewerben ausgeschlossen und von der Mehrheitsgesellschaft weitestgehend dafür kritisiert und geächtet. Erst im Laufe der Zeit bekamen die Sprinter Anerkennung für ihre Geste und wurden zu Ikonen gegen Rassismus.

Auf der anderen Seite wurde Sport immer schon für politische Zwecke instrumentalisiert. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl jenes der Olympischen Spiele 1936 in Hitler-Deutschland, die die Nationalsozialisten für ihre Propaganda missbrauchten. Auch der Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges wurde oftmals auf sportlicher Ebene ausgetragen. So boykottierten die USA das olympische Turnier 1980 in Moskau, 1984 dann umgekehrtes Spiel in Los Angeles.

Auf etwas subtilerer Ebene ist jedes Ländermatch im Fußball auch ein Politikum für sich. Kaum ein Spiel, bei dem sich keine hochrangigen Politiker*innen auf den Tribünen zeigen, kaum ein Sieg bei einer EM- oder WM-Endrunde, auf den keine Gratulation des Bundespräsidenten folgt. 

So sehr diverse Verbände und Sportfunktionäre auch das Gegenteil fordern: Sport ist und bleibt politisch. Mit allen guten und schlechten Seiten.

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Zum Kommentar zu den Black-Lives-Matter-Protesten in der deutschen Bundesliga von Moritz Ettlinger: „Wenn Antirassismus bestraft wird“

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Titelbild: Unsere Zeitung/Moritz Ettlinger

 

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