Die Linke ist gescheitert. Und das ist ihre Chance!
Die Linke hat sich in Grabenkämpfen und akademischen Debatten festgefahren, die mit den Problemen vieler Menschen nichts mehr zu tun haben. Doch Identitätspolitik kann auf Dauer nicht die Lösung sein. Die sozialen Verwerfungen der Corona-Pandemie machen ganz klar deutlich: Die Linke muss wieder die soziale Frage in den Vordergrund rücken. Nicht zuletzt, um mehrheitsfähig zu werden und die rechten Kräfte zu destabilisieren.
Von Florian
Wenn Nietzsche in Die Fröhliche Wissenschaft feststellt, dass Gott tot ist, hat er nicht einen Tod ad inifinitum im Sinn, sondern vielmehr, dass die wahre Essenz Gottes, durch die verschleiernden Moralisierungen des Christentums, verloren gegangen ist. Ein ähnlicher Gedankengang lässt sich auch auf moderne Formen linker Politik übertragen. Durch symbolische Moralisierungen hat sie ihre wahre Essenz (die soziale Frage) verloren. Aber ebenso wie Nietzsche der Auffassung war, dass beständige Religionskritik zu einer Wiederkehr des wahren Gottes, d.i. seiner wahren Essenz, führen wird, kann auch die Linke durch das Eingeständnis des eigenen Scheiterns die Möglichkeit bekommen sich neu zu erfinden. Und dies scheint nötiger denn je.
Dieser Punkt lässt sich anhand eines (wenn auch flachen) Witzes besonders gut verdeutlichen: Was ist der Unterschied zwischen den USA und einem Vogel? – Antwort: Beim Vogel arbeiten der rechte und linke Flügel zusammen, um für den Vogel von Vorteil zu sein (damit dieser fliegen kann).
Zunächst sei anzumerken, dass man die USA in diesem Zusammenhang auch durch andere Länder ersetzen kann und dass der rechte und linke Flügel selbstverständlich metaphorisch für den linken und rechten Flügel des politischen Spektrums stehen.
Betrachtet man diesen Scherz genauer, so lassen sich zwei unterschiedliche Interpretationen vornehmen. Die erste – und realistischerweise eher falsche – Interpretation würde davon ausgehen, dass das rechte und linke politische Spektrum tatsächlich miteinander kollaborieren sollten. Dass diese Interpretation falsch ist, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die zweite Interpretation würde davon ausgehen, dass ein Erstarken des linken Flügels zu einer Schwächung des rechten Flügels führt und ein Erstarken des rechten Flügels zu einer Schwächung des linken Flügels.
Das Scheitern der Linken und der Aufstieg der Rechten?
Spiegelt die zweite Interpretation nicht wunderbar den Aufstieg des rechtspopulistischen Spektrums – von Bolsonaro, AfD bis hin zu Trump – wieder?
Als Margaret Thatcher mit der Begründung „Es gibt keine Alternative“ ihre inhuman neoliberale Politik durchgesetzt hat – welche ihre Manifestation unter anderem in ihren Angriffen auf die englischen Gewerkschaften fand – hat sie etwas in die Welt gerufen, was sich als das sogenannte TINA-Prinzip (Tina= There is no alternative) bezeichnen lässt. Ist der Aufstieg rechter Demagogen nicht dadurch zu erklären, dass die sozialdemokratischen Kräfte keine Alternative zum gegenwärtigen System a…

