Krieg dem Frieden oder Frieden dem Kriege?
Über das pazifistische Dilemma und andere Ohnmächte. Wie den Pazifismus wahren, ohne die Ukraine im Stich zu lassen?
Vor einigen Wochen gab es vor dem Berliner Berghain ein interessantes Vorkommnis: Tesla-Chef Elon Musk lehnte einen Besuch des Berliner Nachtclubs mit der bei Twitter veröffentlichten Begründung ab, dass er das Wort Peace hasse, welches auf der Wand des Berghain gesprayt war:
Frieden. Frieden? Ich hasse dieses Wort. Diejenigen, denen der Frieden am Herzen liegt (mich selbst eingeschlossen), brauchen es nicht zu hören. Und diejenigen, denen Frieden nicht wichtig ist? Nun …
Ganz unabhängig von der Tatsache, dass man eher davon ausgeht, dass Musk an der Tür abgewiesen wurde (aber zu eitel ist, um dies zuzugeben), lohnt es sich – der intellektuellen Spekulation zuliebe – erst einmal davon auszugehen, dass Musk ehrlich und aufrichtig meinte, was er getwittert hat. Zunächst fällt die offensichtliche Obszönität von Musks Statement auf, welche konkret darin besteht, dass das Wort Peace verunglimpft wird in einer Situation, in welcher der Weltfrieden so gefährdet ist, wie seit langem nicht mehr.
Was bedeutet Frieden wirklich?
Musk suggeriert mit seiner Aussage zudem, dass er es eh nicht nötig habe, dauernd zu hören, was Frieden wirklich ist – da er ohnehin weiß, was Frieden bedeutet. Aber ist es tatsächlich so einfach? Sollte Musk sich wirklich anmaßen zu wissen, was Frieden wirklich bedeutet? Oder (noch) konkreter formuliert (unter der Annahme, dass Musks Position nicht nur irgendeine partikulare Position repräsentiert, sondern vielmehr ein derzeit allgemein vorherrschendes Empfinden): Sollten wir, in den EU-Staaten und anderen westlich geprägten Ländern, uns wirklich anmaßen, zu wissen, was Frieden wirklich bedeutet?
Ich beziehe mich an dieser Stelle nicht ausschließlich auf die zunehmend besorgniserregende Kriegsrhetorik, von welcher unsere gesellschaftlichen Debatten in den letzten Wochen heimgesucht wurden. Vielmehr möchte ich an dieser Stelle auf ein Dilemma hinweisen, vor welchem wir derzeit alle stehen: Wie können wir das Erbe eines originären Pazifismus verteidigen, welcher jegliche Form der kriegerischen Auseinandersetzung ablehnt, ohne dabei die Menschen in der Ukraine im Stich zu lassen? In diesem Zusammenhang scheinen wir es mit dem Unmöglichen zu tun haben. Die Unmöglichkeit besteht darin, alle Waffen niederzulegen ohne die ukrainische Bevölkerung der Gefahr des russischen Aggressors auszusetzen. Es scheint in diesem Zusammenhang nur eine Lösung zu geben: Es bedarf einer Verunmöglichung des Unmöglichen<…

