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Kidnapping in Caracas: Warum Europas Schweigen so laut ist

US-Streitkräfte haben Venezuelas Präsident Nicolás Maduro entführt – ein beispielloser Akt der Aggression. Während bei der Ukraine sofort Sanktionen folgten, reagiert Europa auf diesen Völkerrechtsbruch nur mit Aufrufen zur „Mäßigung“. Zwei Experten, darunter UZ-Gründer Michael Wögerer, analysieren die Doppelstandards und warnen vor weitreichenden Folgen für die Weltordnung.

Kidnapping eines Staatschefs

„Das ist nach amerikanischem Recht ein schweres kriminelles Vergehen“, stellte Dr. Karl A. Kumpfmüller, Universitätslektor und Pionier der Friedensforschung, klar. Die militärische Intervention ohne UN-Mandat oder Zustimmung des US-Kongresses bezeichnete er als „schwersten Verstoß gegen das Völkerrecht“. Kumpfmüller, der auch als Psychologe ausgebildet ist, sprach von einem „krankhaften Narzissmus“, der sich über alle Gesetze hinwegsetze.

Mag. Michael Wögerer, der neben seiner Funktion als Gründer und Mitherausgeber von Unsere Zeitung auch Projektleiter von Solidar Austria und stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift INTERNATIONAL ist, verwies auf die historische Kontinuität solcher Interventionen: „Venezuela ist schon seit vielen Jahren ein Dorn im Auge für die US-Geopolitik.“ Bereits 2002 hatte es einen Putschversuch gegen Hugo Chávez gegeben. Die Monroe-Doktrin, wonach Lateinamerika als „Hinterhof“ der USA betrachtet wird, erlebe eine Renaissance.

Erdöl als Hauptmotiv

Während die Trump-Administration zunächst von Drogenbekämpfung sprach, dann von illegaler Migration, wurde schließlich das wahre Motiv offenbar: Venezuela verfügt über die weltweit größten Rohölreserven, erinnert Moderator Univ.-Ass. Josef Mühlbauer (Varna Peace Institute). Besonders brisant: Ein Abkommen zwischen Venezuela und China von 2017 sah vor, Öl nicht mehr in US-Dollar zu handeln – ein direkter Angriff auf die Dollar-Hegemonie.

„Trump sagt einfach klar: Ich möchte Grönland, ich will Kanada annektieren und ich möchte Venezuela, weil es Öl hat“, so Wögerer. Diese Offenheit sei „ein bisserl erfrischend“, weil man als Linker „gar nicht mehr diesen Schleier enthüllen“ müsse.

Doppelstandards der westlichen Politik

Besonders kritisch bewerteten die Experten die Reaktion europäischer Regierungen. Während beim Ukraine-Konflikt sofort umfassende Sanktionen verhängt worden seien, beschränke sich die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bei Venezuela auf „Aufrufe zur Mäßigung“.

„Es gibt einfach offensichtlich ganz, ganz viele Trump-Versteher“, konstatierte Wögerer. Diese Doppelzüngigkeit werde im globalen Süden sehr genau registriert. Viele Länder in Afrika und Lateinamerika fragten sich, ob Europa noch ein verlässlicher Partner sei.

Kumpfmüller forderte eine klare Positionierung: „Das sind nicht unsere westlichen Werte. Das ist wirtschaftsethisch nicht möglich, das ist politethisch nicht möglich, was Trump macht.“ Die Europäische Union müsse eine „ganz klare Verurteilung eines hochkriminellen Menschen“ aussprechen.

Folgen für die Weltordnung

Die Experten warnten vor weitreichenden geopolitischen Konsequenzen. „Länder des Südens werden ihre Sicherheit nicht mehr bei den Amerikanern oder bei der NATO suchen, sondern bei den Chinesen“, prognostizierte Kumpfmüller. Die völkerrechtswidrige Intervention spiele China in die Hände und untergrabe die regelbasierte Weltordnung.

Kumpfmüller betonte die Notwendigkeit neuer Friedensbewegungen:

„Wir brauchen analog zu Fridays for Future wieder stärkere Friedensbewegungen zwischen den jungen Generationen weltweit.“

Unklare Lage in Venezuela

Wie es in Venezuela weitergeht, ist derzeit unklar. Wögerer berichtete, dass es bisher weder Massenproteste für Maduros Rückkehr noch venezolanische Militäreinheiten gebe, die das Vorgehen der USA unterstützen – anders als beim gescheiterten Putsch gegen Chávez 2002. Trump kündigte an, eine Übergangsregierung einsetzen zu wollen, ließ aber offen, wer diese führen soll.

Zur Live-Diskussion:

Venezuela-Diskussion

An der Diskussion nahmen teil: Dr. Karl A. Kumpfmüller (Friedensforscher, Karl-Franzens-Universität Graz) und Mag. Michael Wögerer (Gründer und Mitherausgeber Unsere Zeitung, Projektleiter solidar Austria, stv. Chefredakteur der Zeitschrift INTERNATIONAL). Moderation: Univ.-Ass. Josef Mühlbauer (Varna Peace Institute).

Titelbild: Die venezolanische Hauptstadt im Schatten geopolitischer Interessen. (Symbolbild: KI-generiert)

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