Deutscher Staatsangehöriger in Gaza erschossen
Palästinenser in Deutschland leben in ständiger Angst, dass ihre Verwandten jederzeit getötet werden könnten. Unter den Opfern sind längst auch deutsche Staatsbürger. Zu ihnen gehört etwa Abdul Raouf Al-Najjar.
Von Hassan Al Khalaf, Düsseldorf (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)
Taxi Abdul ist ein Unternehmen, das man in Bochum kennt. Jeden Tag bringt es Menschen sicher nach Hause zu ihrer Familie. Doch dem Inhaber selbst, Abdul Raouf Al-Najjar, wurde dieses Glück nicht zuteil, als er versuchte, aus Gaza zu entkommen und zu seiner Familie nach Deutschland zu gelangen.
Im Keller seines Hauses in Khan Yunis hatte er Zuflucht gesucht, als er das Rote Kreuz am 2. Juni 2025 um Hilfe bat. Der 77-Jährige traute sich nicht hinaus, weil er schon gehört hatte, wie IDF-Soldaten ins Haus stürmten und in seinem Wohnzimmer herumschossen. Von den Fenstern blieben nur Scherben übrig, und das Surren der Quadcopter, kleiner Drohnen mit Sprengladung, war omnipräsent. Es herrschte Stromausfall und er hatte kaum mehr Handyakku. Als er endlich die in Ramallah ansässige Notrufzentrale erreichte, rieten ihm die dortigen Helfer, seinen Akku zu sparen, damit sie ihn orten könnten. Bei seinem letzten Anruf versicherte er seiner Frau in Bochum, dass er bald gerettet werden würde. Dann verlor er den Kontakt zur Notrufzentrale.
Als den Rettungskräften zwei Tage später von den israelischen Soldaten endlich erlaubt wurde, zu Abdul zu fahren, fanden sie ihn tot, mit mehreren Schusswunden auf dem Boden liegend. Sein deutscher Pass lag neben ihm.
„Zweimal haben sie sein Haus angegriffen, weil sie ihn nicht fanden. Sie haben alles kaputtgeschossen, während er im Keller versteckt war“, erzählt Abduls Tochter Mariam. Seine Familie zweifelt nicht daran, dass er vom israelischen Militär angegriffen wurde, das seinen Standort spätestens seit dem Telefonat mit dem Roten Kreuz kannte, da Rettungswagen erst die Freigabe vom israelischen Militär brauchen, bevor sie zu Verletzten und Hilfesuchenden fahren dürfen.
Wenige Monate vor Beginn des Völkermords war Abdul nach Gaza gereist, um seinem schwerkranken Bruder beizustehen. Dann brach der Krieg aus, und er saß fast zwei Jahre lang in Gaza fest. Seine Familie in Bochum hoffte, dass er entkommen würde. Die Familie Al-Najjar musste schon einmal aus Gaza fliehen: Mit seinen Kindern hatte Abdul 2005 den Gazastreifen besucht. Als damals Kämpfe ausbrachen, konnten sie erfolgreich aus Gaza evakuiert werden. Dass er diesmal nicht gerettet werden konnte, schockiert die ganze Familie. „Ohne ihn wären wir heute nicht hier. Er hat uns unsere Zukunft aufgebaut“, erinnert sich Mariam an ihren Vater.
Geboren und getötet in Gaza
1948, dem Jahr der Nakba, wurde Abdul am 1. März in Khan Yunis geboren und verbrachte seine Kindheit dort. Als Jugendlicher wurde er von den IDF inhaftiert und gefoltert, erinnert sich Tochter Mariam an die Geschichten ihres Vaters. Danach wurde er ohne Dokumente und Besitz, nur mit der Kleidung, die er am Leib trug, von Israel nach Jordanien abgeschoben. Auch Jordanien musste er verlassen und kam dann in Syrien bei einer Gastfamilie unter. Mit Stolz in der Stimme erzählt die Tochter, wie er dort ein gutes Abitur ablegte und dann beschloss, nach Deutschland zu gehen, um Ingenieur zu werden. Während des Studiums arbeitete er als Taxifahrer und gründete schließlich sein eigenes Unternehmen. Besonders Studenten habe er gerne geholfen, betont Mariam. „Er wusste noch, wie es war, Student zu sein. Seine Tür war immer offen für jeden, der Hilfe brauchte.“

Als er die deutsche Staatsbürgerschaft erlangte, kehrte Abdul 1994 erstmals als Besucher nach Gaza zurück. Während seiner Abwesenheit hatte sich vieles verändert. Seine Eltern und seine Schwester waren verstorben. Trotz all der schlimmen Erinnerungen hing er sehr an seinem Geburtsort. Er habe dafür gekämpft, seine palästinensische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen, erinnert sich die Tochter. Immer, wenn seine Frau schwanger war, versuchte er rechtzeitig, mit ihr nach Gaza zu kommen, um sicherzustellen, dass seine acht Kinder palästinensische Pässe erhielten und ihre Wurzeln bewahrten.
Von seinen Großeltern hatte er ein Stück Land geerbt. Er bepflanzte es mit Olivenbäumen und errichtete sein eigenes Haus darauf. Schon während des Studiums habe er sein zukünftiges Haus als Miniaturmodell gebaut, erzählt sein Sohn Hassan, das zusammen mit der nahe gelegenen Hochschule zerstört wurde. Hassan hatte das Haus seines Vaters mehrfach besucht. Dieses Haus, in dem so viel Mühe steckte. Und in dessen Keller Abdul sich später verstecken und schließlich erschossen werden sollte. Dieses Haus, das zum Tatort werden würde. In der Nachbarschaft stach es als einziges Haus mit rotem Dach heraus, erzählt sein Sohn stolz. „Heute ist alles zerstört, aber wenn man auf Google Maps zurückgeht, kann man es noch sehen“, zeigt er auf seinem Handy vor. Sein Vater habe es nach deutschem Standard konzipiert. In Deutschland fühlte er sich genauso heimisch wie in Gaza.
Lautes Schweigen vom Bundestag und Rathaus
Auch Abduls Familie war in beiden Ländern zu Hause. Sohn Hassan war sogar bei der Bundeswehr. Umso schmerzlicher war es, dass kein amtierender Politiker der Bundesregierung, nicht einmal ein Kommunalpolitiker, der Familie auch nur sein Beileid aussprach.
Die einzige Politikerin, die die Familie besuchte, war das BSW-Mitglied Lina Bouchareb. „Die Stadt Bochum war nicht einmal in der Lage, eine Karte zu schicken“, kritisiert sie im INTERNATIONAL-Gespräch. Sie kannte den Unternehmer persönlich, als sie selbst neu in Bochum war und sich allein fühlte. Als er sie in seinem Taxi nach Hause fuhr, las er ihre Traurigkeit an ihrem Gesicht ab. Daraufhin fuhr er zu seiner Wohnung und stellte ihr seine Frau vor, erzählt Lina lebhaft. „Er versicherte mir: ‚Du gehörst jetzt zu meiner Familie.‘ Wenn jemand Hilfe brauchte, war er am Start“, erinnert sie sich. „In der ganzen Gegend war er geschätzt. Ich war sehr berührt, als ich im Radio hörte, dass Taxifahrer in Bochum ihm zu Ehren eine Schweigeminute abgehalten haben. Nur im Rathaus kennt keiner seinen Namen. Er war ein deutscher Staatsbürger, der so brutal ermordet wurde“, empört sie sich.
Der Autopsiebericht und Probleme mit der Bürokratie
Die einzige Aufarbeitung, die es bislang zu diesem Fall gab, ist der Autopsiebericht der Rechtsmedizin des Nasser-Krankenhauses in Gaza. Sohn Hassan gewährte INTERNATIONAL Einblick in den Bericht, nachdem er den Namen des Gerichtsmediziners unkenntlich gemacht hatte. Der Mediziner befürchtet, gezielt getötet zu werden, wenn sein Name öffentlich wird, da die IDF Zugriff auf das Krankenhaus haben und es im Laufe des Krieges mehrmals attackierten.
Der Autopsiebericht zeichnet ein schreckliches Bild: Mindestens vier Schüsse durchbohrten Abdul Raoufs Körper. Er erlitt mehrere Schädelfrakturen und schwere Hirnschäden. Seine Hirnmasse trat durch die Wucht der Einschüsse aus. Eine großflächige Risswunde zog sich über seinen Kopf, die der Mediziner als „Deformation“ bezeichnete. Als Todesursachen stellte er Hirnstammblutung und Schädelfrakturen fest. Ein Großteil des Körpers war mit Verletzungen übersät. „Sein Oberschenkel hatte nur noch Hautfetzen“, beschreibt Hassan die Bilder, die er von der zugerichteten Leiche seines Vaters erhalten hat. Eine breite Risswunde zog sich über den gebrochenen linken Oberschenkel bis zum Knie, wie der Mediziner schrieb. Ein rotbrauner Bluterguss bedeckte den gesamten linken Oberschenkel. Außerdem hatte er zwei Brüche im linken Schienbein.
„Dieser Mensch lebt noch irgendwo“, sagt Mariam mit Blick auf den Täter, der keine Konsequenzen spürt und anderen Menschen dasselbe antun kann wie ihrem Vater. Sogar nach dessen Tod glaubt die Familie nicht, dass er in Gaza sicher ist. „Friedhöfe werden auch bombardiert. Nicht einmal im Grab wird er Ruhe finden“, meint Mariam bitter. Abduls Kinder wollen das Grab ihres Vaters besuchen, sobald der Genozid endlich endet und die Lage in Gaza sicher ist.
Hilfslieferungen kommen nach Gaza noch immer kaum. Noch schwerer ist es für Besucher. Es gibt keinen funktionierenden Postweg, und weder der Autopsiebericht noch die Sterbeurkunde haben die Familie analog erreicht. Dies sorgt dafür, dass die Familie nicht richtig trauern kann. Abduls Witwe erhält erst dann die Rente ihres verstorbenen Gatten, wenn sie der Grundsicherung die Sterbeurkunde vorlegen kann. „Wir haben der Grundsicherung ein Foto der Sterbeurkunde geschickt, aber sie wollen unbedingt das Original“, seufzt Hassan, der sich für seine Mutter einsetzt.
Auch die Wohnsituation lässt der Witwe keinen ruhigen Moment. Das Haus, in dem sie mit ihrem Mann lebte, erfordert eine Miete, die sie nicht mehr allein vom Beitrag, den sie von der Rentenversicherung erhält, bestreiten kann. Hassan merkt an, dass es ohnehin schwer sei, bezahlbare Wohnungen zu finden, vor allem im Rentenalter. „Sie möchte in ihrer Wohnung bleiben, weil sie dort viele schöne Erinnerungen hat“, betont er.
„Das Mindeste wäre, dass die Stadt Frau Al-Najjar die Miete zahlt“, findet Bouchareb. Bei einer Demonstration für Palästina vor rund 12.000 Teilnehmern habe sie Al-Najjars gedacht. In ihrer Rede kritisierte sie auch, dass deutsche Steuergelder dafür eingesetzt würden, um in Gaza Zivilisten wie den 77-Jährigen Abdul zu töten.
Deutschland stieg nach dem 7. Oktober 2023 zum zweitgrößten Waffenlieferanten Israels nach den USA auf. Erst im Sommer 2025 wurden Teilbeschränkungen durch die Bundesregierung eingeführt, die im November jedoch wieder aufgehoben wurden.
„Die Bundesregierung trägt als einer der größten Waffenexporteure nach Israel eine politische Mitverantwortung für die verheerenden humanitären Zustände vor Ort“, heißt es in der Todesanzeige, die vom BSW Bochum veröffentlicht wurde. Dieser Fall hat viele Menschen in Deutschland, insbesondere Palästinenser, getroffen. Er wird von Aktivisten und Solidaritätsorganisationen als Symbol dafür verstanden, wie die Bundesrepublik ihre palästinensischen Staatsbürger im Stich lässt.
Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, dass keine Daten darüber vorlägen, wie viele deutsche Staatsbürger noch im Gazastreifen sind oder wie viele getötet wurden. Israelische Behörden hätten vier deutschen Staatsbürgern in Gaza die Ausreise verweigert, heißt es allerdings in einer Antwort des Deutschen Bundestags auf Anfrage der Linkspartei vom 14. Januar 2025.
Andauernde Verluste
Für Familie Al-Najjar bleibt ihr Vater nicht der einzige Verlust, den sie verkraften muss. Jedes Familienmitglied, das noch in Gaza lebt, ist durch verschiedene Faktoren bedroht. Hassans Oma mütterlicherseits, mit der er ein inniges Verhältnis hatte, starb infolge der Hungersnot. Während sie noch im Leichenkühlraum des Nasser-Krankenhauses war, kam es am 25. August 2025 zu einem Angriff, bei dem 20 Zivilisten, darunter fünf Journalisten, getötet wurden. Die Schwester der Witwe liegt noch unter den Trümmern und konnte bisher nicht geborgen werden.
Als die Trauer um den Vater frisch war, wurde dessen Neffe eine Woche später nahe einer Verteilstation der – von Israel und den USA als Ersatz für die UNRWA aufgebauten – Gaza Humanitarian Foundation (GHF) erschossen. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zählte 994 Hilfesuchende, die bis zum 13. August von israelischen Besatzern an den GHF-Verteilzentren erschossen wurden. „Das sind nicht nur Nummern“, betont Mariam. „Das waren Menschen mit Geschichten, die Familien hatten und aus dem Leben gerissen wurden.“
Hassan Al Khalaf ist Journalist mit Schwerpunkt arabischer Raum und lebt in Deutschland.
Titelbild: Symbolbild – Zerstörte Gebäude im Gaza-Streifen im Oktober 2023. Foto: Palestinian News & Information Agency (Wafa) in contract with APAimages, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

