«Die Schweiz wollen wir nicht aufgeben.»
Roland V. Weber liefert ein Buch für Menschen im dritten Lebensabschnitt auf der Suche nach einem zweiten Lebensmittelpunkt
Interview von Urs Heinz Aerni
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie am letzten Tag des Urlaubs die Koffer packen, die Hotelrechnung zahlen und sich Richtung Zug oder Flugzeug mit wehmütigen Gefühlen aufmachen? Vielleicht denken Sie beim Warten aufs Boarding, warum eigentlich hier nicht eine zweite Heimat möglich wäre, es muss ja nicht gleich ausgewandert werden. Einfach so ein zweites Zuhause für den Winter oder so.

Der vielgereiste Roland V. Weber machte sich dazu mehr als nur Gedanken, er schrieb ein großes, schönes Buch dazu. Genauer, er untersuchte Länder nach allen Kriterien der Lebensqualität und erstellte ein lexikatives Kompendium mit vielen Hintergrundinformationen und einer Hitliste mit den Ländern, die uns eine zweite Heimat bieten könnten oder eben einen zweiten Lebensmittelpunkt. Kurz: 2.LMP. Als ich dieses schwere Buch aufschlug und mich darin verlor, ploppten viele Fragen auf, die ich dem Autor stellen wollte und somit mit ihm Kontakt aufnahm.
Herr Weber, ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt von diesem Ziegel von Buch und Ihrem Rating mit Ländern, die in die Wahl für eine neue zweite Heimat gehören könnten. Nur kurz vorab, nach unserem Interview reise ich nach Teneriffa. Gute Idee?
Roland V. Weber: Vergessen Sie Teneriffa. Außer Sie wollen tief in die 80er Jahre eintauchen. Es zieht dort am Atlantik auch immer schrecklich. Die Kanaren könnten auch das 18. Bundesland Deutschlands sein – das 17. ist unangefochten Mallorca. Versuchen Sie es besser in Südspanien, Madeira, Malta oder Kreta, wenn Sie in Europa und an der Sonne bleiben wollen!
Aha … da war ich schon überall. Madeira ist fantastisch, Malta sieht mich nur noch, wenn ich es für eine Vogelreise tun muss und Kreta war auch nett, Teneriffa ist naturtechnisch wunderbar, zwischen Lavasteppen über Gebirge bis zu den Lorbeerwäldern, wenn nur die sechsspurige Autobahn durch die Insel nicht wäre…
Herr Weber, es sei hier nicht verraten, welches von diesen vielen Ländern gemäß Ihrer Auswertung für eine zweite Heimat aufs Siegerpodest kommt und deshalb die Frage, wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, so einen Lebensqualitäts-Katalog zu erstellen, ausgerechnet Sie als Bürger der schönen reichen Schweiz?
Weber: Nun, ich musste ein eigenes Problem lösen: Meine neue Lebenspartnerin wollte ein «Second Home» im Süden, vor allem für die Winterzeit. Die Schweiz wollten wir natürlich nicht aufgeben. Also das eine tun, das andere nicht lassen. Wir suchten anschließend systematisch, legten Kriterien fest, analysierten Klimatabellen, Distanzen, Erreichbarkeit, Gastronomie, Sicherheit, Investitionsmöglichkeiten für ein Eigenheim usw.
Und?
Weber: Schließlich kamen 53 Orte zusammen, die sich für einen 2.LMP eignen könnten. Vierzehn davon hatte ich noch nie besucht. Und da kam meine Frau dazwischen: Sie meinte, es sei schon schön arrogant, über Länder zu schreiben, in denen ich noch nie war! Ich versuchte dann noch mit Karl May zu argumentieren, der ritt ja auch nie selbst durch die Prärien, produzierte aber einige Bestseller. Nun, ich reiste also auch alle restlichen 14 Länder ab und konnte so alle Daten zusammentragen. Das war eine tolle Reise, notabene.
Also eine Art Recherche-Urlaub?
Weber: Natürlich hockte ich mich nicht an die Strände in diesen schönen Ländern, sondern redete mit Treuhändern und Immobilienmaklern, überprüfte Wohngegenden und Gastronomie und arbeitet abends an der Bar zwecks Informationsgewinnung. Ich möchte diesen Prozess nicht missen.
Das kann ich gut verstehen. Nun kennen Sie reichlich Länder und Kulturen, zurück in die Schweiz; gäbe es vielleicht ein Land, in dem Sie lieber geboren wären…?
Weber: Nein, ich glaube, die Schweiz ist nicht zu toppen.
Aber?
Weber: Aber ich könnte mir vorstellen, in Kanada, Skandinavien oder in Großbritannien geboren worden zu sein. Ich wäre dann aber ausgewandert…
Aha, wohl in die Schweiz. Wenn unsere Leserinnen und Leser dieser Zeilen mit einer Auswanderung oder der Suche auf eine zweite Heimat liebäugeln, aus welchen Gründen auch immer, kann ich Ihr Buch empfehlen. Welche drei Fragen müsste man sich als erstes stellen?
Weber: Erstens: Möchte ich richtig «Auswandern» oder suche ich nur einen zweiten Lebensmittelpunkt?
Sorry, warum?
Weber: Das impliziert wesentliche Entscheide, vor allem administrative. Es geht um Steuern, Krankenkasse, Versicherungen. Aber auch um Freunde, Familie.
Verstehe, und die zweite sich zu stellende Frage?
Weber: Was sind meine Prioritäten? Sonne? Gastronomie? Wenig Kriminalität? Steuern? Diese Parameter gilt es alle individuell zu gewichten. Dann werden schon mal viele Orte rausfliegen.
Und drittens: Was kostet der Spaß? Kann ich es mir leisten? Wie sieht mein Budget aus? Je nachdem kommen eben die Bahamas oder Bermuda nicht mehr in Frage. Panama, Griechenland, Zypern oder Spanien aber sehr wohl.
Statt dass Sie nun sich irgendwo am Strand oder am Berg sonnen, machten Sie dieses Kompendium von Buch. Warum taten Sie sich das an? Altruismus?
Weber: Nun, ich wollte einfach berühmt werden! Oder war es nur Narzissmus, ein schönes Coffeetable-Book zu kreieren? Nein, Spaß beiseite: Zum Glück habe ich mir diese Frage nie gestellt. Aber wenn ich mich richtig analysiere, hängt das auch damit zusammen, dass ich vielleicht etwas «rankoholic» bin. Ich liebe Analyse und Systematik, und eben auch Ranking, also Ranglisten. In der Hoffnung, dass meine Partnerin diese Zeilen nicht liest, verrate ich Ihnen jetzt aber noch ein Geheimnis: Als ich mit dem Buch begann, prophezeite sie mir, dass ich a, das Buch nie fertig schreiben werde, b, es niemand lesen würde und c, es schon gar niemand kaufen würde. Das war ein wunderbarer Ansporn, ihr in allen drei Punkten das Gegenteil zu beweisen.
Statt patriotische Gefühle, sehen Sie ein Land, einen Staat als Dienstleister, der etwas für unser Steuergeld zu bieten hat. Sollen wir die Schweiz von einer Eid-Genossenschaft in eine AG umwandeln lassen?
Weber: Ein guter Plan! Singapur macht es vor. Wir bräuchten dazu aber Top-Shots, die wir auch gut bezahlen müssten. Wir könnten die besten Leader holen. Und dann könnten wir alles auf Vordermann bringen. Nur das Klima könnten wir nicht verändern. Und ans Mittelmehr runter könnten wir den Staat auch nicht verlegen…
Zu den definierten Kriterien gehören nebst den Aspekten des Geldes, Sicherheit, Infrastruktur und Klima unter anderem auch «Einleben von Ort» und «Coolness & Charme». Zwei Eigenschaften, für die wir von Ausländern hier im Land eher als Entwicklungsland taxiert werden. Aber kommen wir noch zu Österreich. Wo würden Sie denn dieses schöne Alpenland im Ranking setzen in Sachen Lebensqualität und „Coolness“?
Weber: Ich denke, Wien ist eine wunderschöne Stadt, wenn auch ziemlich retro, und Tirol versprüht sogar so etwas wie Coolness. Österreich bietet – für Österreicher – bestimmt eine sehr hohe Lebensqualität. Und für Touristen ist das Land sicher sehr attraktiv. Für einen 2.LMP müsste das einstige k. & k. Reich allerdings am Meer liegen – wie damals. Ich glaube, Rang 54 von 195 Staaten der Welt wäre sicher angemessen.
Sie sprechen mit dem Buch aber auch die Lesenden in Deutschland, Liechtenstein und Österreich an. Zum Schluss erlaube ich mir, Sie zu bitten folgende Fragen zu beantworten:
- Welche Gründe gäbe es für einen Umzug von Köln nach Schaan?
- Auf was müsste sich eine Baslerin beim Übersiedeln nach Klagenfurt gefasst machen?
- Auf welche Überraschungen könnte ein Graubündner beim Einleben auf Rügen stoßen?
Weber: Zu Frage 1: Um Gottes Willen: Schaan! Es müsste eindeutig eine Steuerflucht sein, und zwar eine ziemlich dringliche.
Zu 2: Es tut mir leid für die Baslerin. Der Grund könnte nur ein Mann sein, vielleicht ein Italiener, der sich auch in Klagenfurt verirrt hat? Die Baslerin würde eine relativ steile Steuerprogression gewärtigen müssen, kompliziertere Behörden mit schleppenden Verwaltungen, eine mittelmäßige Gastronomie – dafür große Portionen. Vielleicht müsste sie auch einen Dolmetscher mitnehmen. Der Wörthersee ist ja ganz hübsch – aber bitte nur für einen Kurzurlaub.
Und zu Frage 3: Der Bündner würde wohl überrascht sein, dass so hoch im Norden im Winter die Sonne mitten am Nachmittag schon untergeht – wenn die Sonne überhaupt scheint, der Himmel nicht verhangen ist und ein eisiger Wind weht. Außer während der Sommermonate ist Rügen ein trister Ort. Und eben nicht sehr international, neben Deutschen gibt es dort nur Deutsche. Außerdem sollte der gute Bündner möglichst nichts verdienen, denn der Staat wird ihm den größten Teil wegnehmen.
Danke Herr Weber, für die Antworten und das sehr originelle Buch. Den Flug nach Teneriffa habe ich schon gebucht, vielleicht bringe ich ergänzende Infos für die nächste Auflage oder buche doch noch auf Madeira um?
Das Buch: «2.LMP – Der zweite Lebensmittelpunkt – Ein Länderrating – Wohin soll die freiwillige Flucht gehen?» von Roland V. Weber, 978-3-9525508-1-6, im Buchhandel oder direkt bei www.arsremata.ch.
Titelbild: Roland V. Weber auf Recherchereise (Foto: pd)

