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Das Ergebnis der Resonanz mit Bäumen

Rudolf Karlen widmet sein neues Buch nach den Sperlingen nun den Bäumen, auch als Weckruf.

Im Gespräch mit Urs Heinz Aerni

Rudolf Karlen fotografiert von Markus Reichenbach

Urs Heinz Aerni: Herr Karlen, Sie widmen Ihr neues Buch den Bäumen, eigentlich eine poetische Liebeserklärung an sie. Machen Sie sich Sorgen um unsere Bäume? 

Rudolf Karlen: Ja, der Klimawandel setzt den Bäumen weltweit zu. Waldbrände häufen sich. Wirbelstürme entwurzeln Bäume. Riesige Flächen an Urwald sind bereits durch Menschenhand vernichtet worden. In unseren Städten verengen unterirdische Anlagen – Gas, Wasser, Abwasser, Kabelleitungen etc. – den lebensnotwendigen Wurzelraum. Im zweiten Teil des Buches beschreibe ich unsere Betroffenheit über das Zugrundegehen eines Eichenhains mit über fünfhundert Jahre alten Bäumen. Sie sterben nicht wegen ihres Alters, sondern weil die Hitzeperioden immer länger und die Nassperioden immer intensiver werden. Diese Bäume würden unter artgerechten Verhältnissen bis zu tausend Jahre lang leben. 

Aerni: In dem Buch finden sich auch sehr schöne Fotografien von Bäumen, mal im Nebel, zu unterschiedlichen Jahreszeiten, in einem Klostergarten oder sowohl in Städten wie in offenen Landschaften. Wie kann man sich eure Zusammenarbeit vorstellen? Zuerst das Bild, dann der Text oder umgekehrt? 

Karlen: Markus und ich haben das Buch gemeinsam erarbeitet – Markus als Fotograf, ich als Schreibender. Während unserer dreijährigen Zusammenarbeit haben wir uns gegenseitig unterstützt und inspiriert. Unser Buch ist das Ergebnis unserer Resonanz mit Bäumen.

Aerni: Sie unterteilen das Buch in Kapiteln mit Titeln wie «Luftwurzeln» (Gedichte), «Jahresringen» (Bericht über den Eichenhain) und «Zwischengrün». Im letztgenannten Teil porträtieren Sie vier Menschen, die mit Bäumen zu tun haben. Wie trafen Sie sie? 

Karlen: Es handelt sich um vier Männer, deren Leben von einer engen Verbundenheit mit Bäumen geprägt ist. Für drei von ihnen wurde das Engagement für Bäume zum Beruf. Die Portraits und die Fotografien sind auf Rundgängen durch die Städte Solothurn und Bern und im Klostergarten in Luzern entstanden. Jedes der vier Gespräch haben wir mit der Frage «Welche Bedeutung haben Bäume in deinem Leben?» begonnen. Auf den Rundgängen haben Markus und ich viel Überraschendes und Beeindruckendes erfahren.  

Aerni: Ihre Hommage an die Bäume, an die Natur verstehe ich auch als Appellation für einen neuen Zugang dazu. Erlauben Sie mir die kritische Frage: Worte wie «Schöpfung» kommen vor oder über das Baumleben in einem Klostergarten wird berichtet. Warum hat das religiöse Verständnis des Menschen oder die Religionsgeschichte der Menschheit der Natur nicht das gegeben, was sie bräuchte? 

Karlen: Religion ist von Menschen gemacht und wird zu oft zurechtgebogen, damit wir unser Handeln rechtfertigen können. «Machet euch die Erde untertan» wurde zur großen Erzählung und mit dem Narrativ «Der Mensch, die Krone der Schöpfung» weiter aufgeladen.

Aerni: Mit welchem Effekt?

Karlen: Das Ergebnis: Das Ringen um Freiheit und Fortschritt geht Hand in Hand mit der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und das seit jeher. Allmählich, leider sehr spät, setzt trotz massiver Widerstände doch noch ein neues Denken ein – dass wir Teil einer Schöpfung und in sie eingebettet sind. Es braucht einen neuen Blick auf unsere Geschichte und unser Tun, damit wir ansprechbar und empfänglich werden für das, was uns diese Erde, diese Schöpfung zu sagen hat.                                                                                                 

Aerni: Ihr schönes Buch vermag es, auf reduzierte, aber sinnliche Weise, die Augen für Bäume, auch für die alten und wertvollen und deren Gefährdung zu öffnen. Doch leider nur denen, die ihr Buch kaufen und lesen, weil sie sowieso schon für dieses Thema sensibilisiert sind. Machen Sie sich Gedanken, wie all die anderen Zeitgenossen mit Ihrem Anliegen erreicht werden können?  

Karlen: Wie schreiben in dieser Zeit des Klimawandels, ist eine Frage, die mich schon länger beschäftigt. Die wachsende Fülle an Fakten, untermauert von wissenschaftlicher und journalistischer Redlichkeit, vermögen die Mehrheit der Menschen von der Dringlichkeit einer Veränderung unseres Verhaltens nicht zu überzeugen. Aktuelle Meldungen über Klimakatastrophen gehen im Informationsgetöse unter. Der wachsende, verzweifelte Protest aus der heranwachsenden Generation wird kriminalisiert. Gleichzeitig wächst die Gier nach den Ressourcen auf dem Meeresboden, nach seltenen Erden, nach vielem mehr… 

Aerni: Was muss getan werden?

Karlen: Was wir brauchen, ist ein Ende des trennenden Grabens zwischen «der Natur» und «den Menschen». Wollen wir sein, sind wir zur radikalen Gegenseitigkeit gezwungen. Gegenseitigkeit heißt, dass wir uns von der Welt berühren lassen. Mit unserem Buch versuchen wir, mit einer poetischen Sprache – in Wort und Bild – das Wesentliche, das in allem Lebendigen existiert, zum Schwingen zu bringen. Wir setzen auf die Poesie, weil sie es vermag, die Rüstung der Gleichgültigkeit zu sprengen. Das ist unsere Hoffnung. 

Aerni: Wenn Sie sich in einem Baum verwandeln müssten, welcher wäre das? 

Karlen: Seit meiner Kindheit ist es die Pappel. Im Buch widme ich ihr ein vierteiliges Gedicht. Während der Arbeit am Buch ist die Weißbirke dazugekommen. Ein Gedicht endet wie folgt: «Birken – als wolltet ihr mit eurem Wolkenweiß unser Heimweh nach Himmel mildern». 

Aerni: Schön…

Karlen: Geankert und eingebunden zwischen der Erde und der Weite des Himmels fühle ich mich auch mit den Zypressen verwandt, seit ich diesen erstmals auf einer Reise durch die Toskana begegnet bin. Im keltischen Horoskop der Lebensbäume ist es die Zypresse, die mir zugesprochen wird. In meinem Wohnquartier steht eine einzige Zypresse, mein Weg führt täglich an ihr vorbei. 

Aerni: Wenn ich ein Gemälde malen würde, mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen. Wie müsste das Bild aussehen? 

Karlen: Dieser Mensch sollte auf einer Parkbank unter großen, starken Bäumen sitzen. Er sollte von gutgelaunten jungen Menschen umgeben sein, die sich die Gedichte und Texte vortragen und darüber diskutieren. 


Das Buch: „Jeder Baum zählt“ von Rudolf Karlen (Text) und Markus Reichenbach (Fotos), 116 Seiten, 978-3-033-11368-8, Edition Karlen, 2025

Rudolf Karlen, geboren 1940, lebt in Bern. In engem Kontakt mit der Natur wuchs er in einem Bauerndorf im Schweizer Jura auf. In seinem ersten Beruf setzte er sich für landwirtschaftliche Strukturverbesserungen, Bodenfruchtbarkeit und Naturschutz ein. Nach einem Studium der Sozialarbeit war er in der Projekt- und Medienarbeit für das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (HEKS) tätig. Er war Mitherausgeber der Anthologie «Asylpolitik gegen Flüchtlinge» (Verlag Lenos, Basel, 1984 mit dem Medien-Preis der Christoph Eckenstein-Stiftung ausgezeichnet). Seit 1987 arbeitet er als Coach und Organisationsentwickler mit eigener Praxis. Sein letztes Buch „Jeder Spatz zählt“ erschien 2024.

Die Fotos stammen von Markus Reichenbach, der 1962 in Bern geboren wurde und heute in Solothurn lebt. Nach Ausbildungs- und Berufsstationen als Bauzeichner, Bau- und Wirtschaftsingenieur und in der Verkehrsplanung als CEO eines Unternehmens, widmet er sich seit 2023 professionell der Fotografie, was er seit seiner Jugend wollte.


Titelbild: KI-generiert/Genspark AI (nano-banana-pro), 2026

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