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Warten auf den nächsten Krieg

Trotz des Waffenstillstands bombardiert Israel weiterhin den Süden des Libanons. Am 23. Oktober gab es sogar wieder Angriffe in der Hauptstadt Beirut, bei denen fünf Menschen starben und über 25 weitere verletzt wurden. Auch in der Bekaa-Ebene werden regelmäßig Menschen durch israelische Angriffe ermordet. Die Ebene ist ein Zentrum der libanesischen Widerstandsgruppe Hisbollah.

Von Dieter Reinisch, Baalbek (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)

Die Stimmung ist freundlich, nahezu herzlich, zugleich aber angespannt. Kurz nach Sonnenuntergang sind wir gekommen, „zu Freunden, die eine Bar haben“. Dort seien die Shishas sehr zu empfehlen, hat mir mein Freund Amir erzählt. Er lebt in Deutschland, verbringt aber wie nahezu jedes Jahr mehrere Monate zu Hause im Libanon.

Er kommt aus dem Süden; seine Eltern und einige Cousins leben noch dort. Sein Elternhaus liegt unweit der Ortschaft Nabatäa. Sie liegt etwas nördlich des Gebiets, in dem bis zum Ende nächsten Jahres die Unifil-Blauhelme patrouillieren sollen. Doch besonders in den vergangenen Tagen und Wochen werden die Wälder um die Ortschaft regelmäßig bombardiert – ebenso die Grenzregionen im Süden.

Die libanesische Regierung bezeichnet diese Angriffe als Verletzungen des Waffenstillstandsabkommens durch Israel, doch außerhalb des Libanons interessiert es die Weltöffentlichkeit kaum. Diese schaut nach Gaza und fragt sich, ob der von US-Präsident Donald Trump initiierte Waffenstillstand mittel- bis langfristig halten kann.

Gaza hat direkte Auswirkungen auf den Libanon. Die schiitische Partei und Miliz Hisbollah ist eine enge Verbündete der Palästinenser. Gleich nach dem 7. Oktober 2023 begann sie zunächst mit symbolischem Beschuss israelischer Überwachungsanlagen entlang der Grenze. Im vergangenen Jahr weitete sich die Situation zu einem offenen Krieg aus. Die von Israel forcierte Bodenoffensive brachte zwar nicht den gewünschten Erfolg, doch durch Beschuss aus der Luft wurden Hisbollah und ihre Verbündeten, wie die schiitische Amal, die palästinensischen Fraktionen und die Syrische Sozialistische Nationalpartei geschwächt: „Es war ein harter Schlag, aber besiegt wurden wir nicht“, sagt einer am Tisch zu mir. Mittlerweile ist meine Shisha angekommen: Apfel-Minze zur Abwechslung, nachdem ich in den letzten Tagen durchweg Wassermelonengeschmack genossen habe.

Hier in Baalbek ist die Hisbollah tief in der Gesellschaft verwurzelt. Am Himmel über der Ebene sind regelmäßig israelische Drohnen zu sehen.

Vor einhundert Jahren war Baalbek noch eine kleine, überwiegend sunnitische Stadt. Bekannt war sie für die mächtige römische Tempelanlage der Götter Merkur und Bacchus.

In der Antike war Baalbek eines der Handelszentren der römischen Provinz östlich des Mittelmeers.

Im Krieg vergangenen Jahres wurden auch Teile der Ruinen, die als UNESCO-Weltkulturerbe gelten, bombardiert. Israel behauptet, dort befindliche Munitionslager der Hisbollah getroffen zu haben, ohne dafür Belege vorzuweisen. UNESCO-Stätten stehen während kriegerischer Handlungen unter besonderem Schutz. Sie anzugreifen ist nach internationalem Recht ein Kriegsverbrechen.

Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft zogen einst sukzessive viele Schiiten aus dem Umland in die Stadt, die nicht nur wuchs, sondern dadurch heute auch mehrheitlich schiitisch geprägt ist. Sie liegt inmitten der Bekaa-Ebene auf halbem Weg zwischen Beirut und Damaskus und ist neben dem Südlibanon und dem Süden der Hauptstadt Beirut das dritte Machtzentrum der Hisbollah.

Im Straßenbild ist dies deutlich zu erkennen: Am Kreisverkehr auf unserem Weg hinauf in die Hügel um Baalbek sind meterhohe Porträts des vor einem Jahr von Israel getöteten Hisbollah-Führers Nasrallah sowie des iranischen Revolutionsführers Khomeini zu sehen.

Auch die zweite schiitische Fraktion ist stark vertreten: Entlang der Straßenzüge sind häufig die grünen Fahnen der Amal-Bewegung zu sehen. Sie ist die ältere, bürgerliche Bewegung unter den Schiiten – wie die Hisbollah hat sie einen bewaffneten Arm. Während des libanesischen Bürgerkriegs bekämpfte diese Miliz in den 1980er-Jahren auch die palästinensischen Flüchtlingslager.

Nach der Gründung der Hisbollah war das Verhältnis zu Amal angespannt. Die Hisbollah gewann die Gunst der schiitischen Bevölkerung, denn der Abzug der israelischen Armee und die Niederlage der mit ihr verbundenen christlichen Südlibanesischen Armee werden der Hisbollah von der Bevölkerung als militärisches Verdienst angerechnet. Aus dem wenige Jahre später geführten 30-Tage-Krieg, im Sommer 2006, ging die Hisbollah abermals als Siegerin hervor.

Baalbek ist ein Zentrum der Hisbollah, doch wieso ist die Amal im Straßenbild so präsent, möchte ich von den Anwesenden am Tisch wissen. Mittlerweile ist unsere Gruppe auf rund 20 Personen angewachsen: Alle wollen die Familie aus Deutschland treffen, die in Baalbek zu Besuch ist, und wundern sich, wieso auch die Österreicher dieselbe Sprache wie die Deutschlandlibanesen sprechen, obwohl es doch ein anderes Land sei. „Libanon, Syrien, Palästina und Jordanien sind vier Länder, und alle sprechen Arabisch.“ – Meine Antwort scheint die Männer zu überzeugen.

Währenddessen versuchen die Frauen, die übermüdeten Kinder zu beruhigen. Es war ein langer Tag. Amirs Familie ist aus dem Süden angereist, ich aus Beirut. Doch ich warte immer noch auf meine Antwort. Amir übersetzt meine Frage, und die Männer stecken die Köpfe zusammen. Leise wird diskutiert, während weiter an den Shishas geraucht wird.

Wenig später beginnt ein Mann, mit Amir zu reden, dieser übersetzt: „Das ist durchaus so gewollt von der Hisbollah.“ Amal ist als politische Kraft besonders gut organisiert. Daher überlasse ihr die Hisbollah die politische Vertretung der Schiiten nach außen: „Die Stärke der Schiiten im Libanon liegt darin, dass sie vereint sind. Wir sind die einzige Gruppe im Libanon, die mit einer Stimme spricht. Christen, Sunniten, Drusen, alle anderen sind zersplittert und gespalten“, meint er.

Diese Stimme ist Nabih Berri.

Im konkordanzdemokratischen System des Libanons sind die Posten verfassungsmäßig eindeutig aufgeteilt. Der Posten des Parlamentschefs steht den Schiiten zu, und seit 1992 hat diesen Posten Berri inne.

Als er zuletzt im Parlament gewählt wurde, fuhren feiernde Autokolonnen durch die Straßen und schwenkten die grünen Amal-Fahnen. Auch mein damaliger Taxifahrer, ein Druse, hatte eine dabei: „Sonst kommen wir an der Kolonne nicht vorbei.“ Auch die Fahnen von anderen Fraktionen hat er im Handschuhfach – je nachdem, was er gerade benötigt, wenn die politische Feierlaune im Libanon ausbricht.

Die traditionelle Wahl Berris ist eigentlich keine Wahl: Die Hisbollah überlässt Amal den Posten. „Er spricht für uns, er vertritt alle Schiiten“, stimmen die Männer um mich in der Shisha-Bar überein. In einer Tageszeitung erschien einst eine Karikatur. Darauf war Gott zu sehen, nachdem er Adam und Eva erschaffen hatte, daneben Nabil Berri. Adam fragt Gott, wer denn der Mann neben Eva sei, woraufhin Gott antwortet: „Das weiß ich auch nicht, aber er ist schon immer da.“

Besonderes Augenmerk liegt derzeit auf Berri, da die USA die Entwaffnung der Hisbollah fordern. Im August verließen alle schiitischen Regierungsmitglieder eine Kabinettssitzung, nachdem dort beschlossen worden war, dem US-Ansinnen nachzugeben. „Es gibt niemand anderen, der uns verteidigt vor Israel. Die Armee wird von der internationalen Gemeinschaft bewusst schwach gehalten. Die bekommen zwar schöne, große Autos – Du hast sie bei der Herfahrt selbst auf der Straße patrouillieren gesehen – aber schweres Gerät haben sie nicht. Das ist alles nur Show“, sagt Bassam, einer der Männer, während er Zucker in seinen Tee gibt.

Auch gibt es im Libanon niemanden, der die Hisbollah entwaffnen könnte. Die Armee ist militärisch schwächer als die Schiitenmiliz – außerdem besteht der Großteil der Armee selbst aus Schiiten. Dagegen begann im August der Abbas-treue Teil der palästinensischen Fatah, zu entwaffnen – eine Forderung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Andere palästinensische Fraktionen, die politisch und militärisch den Schutz der Hisbollah genießen, weigern sich. Die Frage der Entwaffnung ist nach heftigen Debatten im vergangenen August wieder etwas verstummt. Denn der US-Fokus liegt derzeit auf Gaza.

Doch genau deshalb könnte es im Libanon zu neuen Aggressionen kommen. Selbst hier glaubt niemand, dass das israelische Kriegskabinett sich auflöst, wenn der Waffenstillstand in Gaza doch hält. Dann könnte es wieder zu verstärkten Aggressionen im Libanon und in Syrien kommen. Seit kurzem wird der Libanon wieder täglich von Israel bombardiert. Nahezu jeden Tag sind neue Todesopfer durch gezielten Drohnenbeschuss zu beklagen: „Wir wollen keinen Krieg, aber wir sind bereit, die Opfer zu bringen“, sagt einer der Männer. Sein Neffe starb im Herbst 2024 durch eine israelische Rakete in Baalbek, erzählt er mir.

Um die übermüdeten Kinder zu beruhigen, bringt der Barbesitzer Schokoriegel mit. Amir kennt ihn seit der Kindheit: „Den unteren Teil der Bar musste er schließen. Sie war früher viel größer, doch Israel hat ein kleines Zinshaus, das ihm gehörte, zerstört. Nun kann er sich das Personal für die ganze Bar nicht mehr leisten und sperrt nur noch diesen Teil auf.“

Das zerstörte Zinshaus befindet sich in Sichtweite, gleich hinter uns. Nicht das einzige zerstörte Gebäude in der Stadt: Den ganzen Tag fuhren wir an eingestürzten Wohnhäusern vorbei, die Israel bombardiert hatte.

Spät nachts kommen wir zurück nach Beirut. Am nächsten Tag berichtet der Al-Mayadeen-Korrespondent in der Bekaa-Ebene von Einschlägen, es soll auch Tote geben. Ich erinnere mich an die Worte des Vortags: „Es wird ein weiterer Krieg kommen, aber wir werden darauf vorbereitet sein.“ Während Gaza auf Frieden hofft, warten die Menschen in Baalbek auf den nächsten Krieg.


Dieter Reinisch ist Chefredakteur der INTERNATIONAL.


Titelbild: pressenza

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