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Opernball: „Sinnbild der Dekadenz und der Klassengesellschaft“

Der Wiener Opernball fällt heuer auf den geschichtsträchtigen 12. Februar. Der Gegenprotest steht im Zeichen der Neutralität. Gespräch mit Noah Zvonek, Vorsitzender der Kommunistischen Jugend in Wien.

Interview: Danijel Jamrič

UZ: Am 12. Februar findet in Wien der Opernball statt, wie in den Jahren zuvor wird es auch eine Opernballdemo geben. Wie sehen Sie den Opernball und wieso protestieren Sie dagegen?

Noah Zvonek: Am Opernball treffen sich die Eliten unserer Zeit, Industrielle, Bankiers, Politiker und internationale Gäste, um Aristokratie zu spielen. Bei einem Seidel Bier für mehr als 15 Euro und Logenplatz bis 26.000 Euro wird auf dem Nacken der Allgemeinheit herumgetanzt. Es ist ein Sinnbild der Dekadenz und der Klassengesellschaft, weshalb wir den Opernball als Aufhänger für einen kommunistischen Gegenprotest nutzen, um die Aufmerksamkeit auf unsere Forderungen zu lenken.

Ihr diesjähriger Aufruf steht unter dem Motto „Ihre Nato? Unser Österreich!“. Wieso liegt der Schwerpunkt auf der Neutralität?

Während die USA auf der ganzen Welt ihr Unwesen treibt und Krieg nach Krieg vom Zaun bricht, rüstet ganz Europa auf und besinnt sich auf einen notwendigen „Europa-Patriotismus“. Angesichts dessen ist es uns ein großes Anliegen, die österreichische Neutralität gegen diese Tendenzen zu verteidigen und auszubauen. Unsere Neutralität bildet ein festes Identifikationsmerkmal der Zweiten Republik: Kein Beitritt zu militärischen Bündnissen und kein Zulassen von fremden Militärstützpunkten. Es bietet sich in der aktuellen Situation die Möglichkeit, endlich einen souveränen Weg einzuschlagen, hin zu einer gelebten Neutralität außerhalb des westlichen Blocks. Aktive Vermittlung zwischen Nationen und Win-Win-Partnerschaften mit der ganzen Welt. Wir dürfen unser Glück nicht bei einem sinkenden Schiff suchen, wir müssen einen Weg aus der Krise in ruhigere Fahrwasser aufzeigen.

Angesichts von Inflation, Teuerung und wachsender Ungleichheit: welche sozialpolitischen Forderungen stellen Sie im Rahmen der Demonstration?

Österreich selbst ist im Defizitverfahren. Während die Lebenshaltungskosten in den letzten fünf Jahren erheblich gestiegen sind, besonders Gas- und Lebensmittelpreise, wird bei sozialen Maßnahmen gekürzt. Geld scheint knapp, außer bei der Rüstung. Der „Verteidigungshaushalt“ ist der Einzige, der von den Sparmaßnahmen ausgenommen wurde. Während Menschen auf der Straße erfrieren, bestellen wir lieber den nächsten Panzer. Es ist also nicht verwunderlich, dass das Vertrauen des österreichischen Volks in die Politik und die Parteien so niedrig ist wie schon lange nicht mehr. Hier gilt es anzusetzen und einen alternativen Weg vorzuzeigen. Prinzipiell unterstützen wir jegliche sozialpolitische Forderung, die der Arbeiter:innenklasse zugutekommt. Doch uns ist es wichtig, die Systemfrage ins Zentrum zu rücken und für ein neutrales, sozialistisches Österreich zu agitieren.

Die Veranstalter des Opernballs betonen jedenfalls, Teile der Einnahmen an Hilfsorganisationen zu spenden und damit „ein Zei­chen für so­zia­le Ver­ant­wor­tung und So­li­da­ri­tät“ zu setzen. Wie schätzen Sie dieses Engagement ein?

Es ist wie immer bei dem sozialen Engagement der Oberschicht: ein Feigenblatt. Wenn der Opernball keinen Charity-Charakter hätte, wären die ohnehin offensichtlichen Widersprüche nur noch offensichtlicher, und sie hätten ein moralisches Argument weniger, um ihre Dekadenz zu rechtfertigen. Ich denke, es geht bis zu einem Grad auch darum, das eigene Gewissen in Zaum zu halten. Ist für uns aber de facto egal. Persönliches Engagement der Kapitalisten ist ihnen überlassen, uns geht’s um das systemische Verändern der Eigentumsverhältnisse.

In Österreich eilt den Protesten gegen den Opernball auch heute noch ein gewisser Ruf voraus, nachdem es in den frühen 2000er-Jahren zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen war. Wie sehen Sie dieses „Erbe“ und wie verliefen die Demonstrationen in den vergangenen paar Jahren?

Die Opernballproteste der 2000er-Jahre standen unter einem anderen Stern. Ohne die Beweggründe und Absichten der damaligen Teilnehmer:innen im Detail zu bewerten, sehen wir in der gegenwärtigen Situation keinen Sinn für derartige Eskalation. Unser primäres Ziel ist der Aufbau einer schlagkräftigen Bewegung, die eine einheitliche progressive Linie vertritt. Da sind solche Ausschreitungen tendenziell kontraproduktiv. Insofern verliefen die Opernballdemonstration in den vergangenen Jahren friedlich und wurden medial auch so wahrgenommen.

Wie ist der Ablauf der diesjährigen Demonstration?

Die diesjährige Demonstration fällt auf den geschichtsträchtigen 12. Februar, als in Österreich im Jahr 1934 ein kurzer Bürgerkrieg ausbrach, den der Faschismus gewann. Wir ziehen daher aus einem Arbeiter:innenbezirk über den Hauptbahnhof in Richtung Oper, wo auch eine Person des 12.-Februar-Bündnis über den Widerstand sprechen wird. Ebenfalls werden Leute aus der Palästinabewegung und der internationalen Solidaritätsbewegung zur Lage in Kuba und Venezuela sprechen. Auch ein Bündnis gegen den Sozialabbau wird sich beteiligen, wir erwarten daher ein breiter aufgestelltes Teilnehmer:innenspektrum und viele Mitdemonstrant:innen.


Titelbild: Die Kommunistische Jugend organisiert für den 12. Februar 2026 eine Opernballdemo. (Foto: dj)

 

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