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Ästhetik der Forensik

Die internationale Forschungsagentur Forensic Architecture analysiert von staatlicher Macht gestützte Verbrechen mit Schwerpunkt Nahost und Westasien. Seit sie sich den Genoziden in Südwestafrika im frühen 20. Jahrhundert und in Gaza heute widmet, findet sich auch Deutschland im Fokus ihrer Ermittlungen.

Von Susann Witt-Stahl, Hamburg (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)

Forensic Architecture deckt neue Details des ersten Völkermordes im 20. Jahrhundert auf. Das Kollektiv fertigt mit Hilfe von Open-Source-Material digitale Raumanalysen an, stellt Tatorte sowie die sie umgebenden Landschaften virtuell nach. Die Ergebnisse präsentiert die Einrichtung in Dokumentarfilmen, Ausstellungen, Büchern und Broschüren und liefert auch Gutachten für die Justiz.

2022 hat Forensic Architecture mit dem Ableger Forensis, der in Berlin ansässig ist, Feldforschung auf der im Südatlantik gelegenen und zu Namibia gehörenden Halbinsel Shark Island durchgeführt. Um den Aufbau und die Ereignisse in dem 1905–1907 auf der Felseninsel von deutschen Kolonialtruppen betriebenen Konzentrationslager so genau wie möglich zu rekonstruieren, haben die Forensic-Teams historische Landkarten, Fotos und überlieferte Zeugenaussagen zusammengetragen. Darüber hinaus wurden mit Hilfe von Bodenradar Begräbnisstätten untersucht, um bisher unentdeckte sterbliche Überreste der nach Schätzungen 1.000 bis 3.000 Opfer ausfindig zu machen. Das alles geschah in enger Kooperation mit der Nama Traditional Leaders Association und der Ovaherero Traditional Authority, die heute die damals von Genozid betroffenen Völker vertreten. So konnte auch zu Gräueltaten ermittelt werden, bei denen Menschen zum Beispiel durch Enthauptung und Giftexperimente ums Leben kamen. Oftmals waren gefangene Frauen gezwungen worden, die abgetrennten Köpfe der Ermordeten auszukochen und dann Fleisch, Haut und Haare mit Glasscherben abzuschaben – die Schädel wurden für pseudowissenschaftliche Rassenforschung nach Deutschland gebracht.

Forensic Architecture hat sich auch anderen Schreckensorten deutscher Kolonialherrschaft in Südwestafrika angenähert. Außer über Shark Island sind in einem Forschungszeitraum von vier Jahren Dokumentationen über Swakopmund und Hornkranz entstanden, wo 1893 ein Blutbad an den Witbooi Nama verübt worden war. Ende September 2025 haben Forensic Architecture und Forensis auf Kampnagel in Hamburg einige Arbeiten unter dem Titel „Investigative Arts“ vorgestellt. „Wir betrachten sie als Beitrag einer neuen Historizität“, sagt der Informationstechnologe Mark Mushiba von Forensis. „Wir beleuchten wenig bekannte Massaker und konfrontieren damit die Gegenwart mit neuen Herausforderungen.“

Der Macht die Wahrheit sagen

Forensic Architecture wurde 2010 von dem israelisch-britischen Architekten und Schriftsteller Eyal Weizman an der Goldsmith-Universität in London gegründet. Vorher hatte Weizman schon durch Studien wie „Walking Through Walls“ von 2006 über neue militärische Taktiken der Israel Defense Forces (IDF), die auf Basis postmoderner Theorien entwickelt worden waren, und Untersuchung des urbanen Raums auch in dessen „komplexem und dynamischem, Feedback-basiertem Verhältnis zu den Kräften, die darin agieren“, international Aufsehen erregt. Heute agiert Forensic Architecture, dessen Team sich vorwiegend aus Akademikern rekrutiert, als multidisziplinäres Projekt, an dem auch Programmierer, Designer, Rechtsanwälte, Journalisten, Filmemacher, sogar Dichter mitwirken, mit dem gemeinsamen Ziel, durch Architektur „als mächtiges analytisches Werkzeug“, wie Weizman sagt, weltweit Genozide, Fälle von schweren Menschenrechtsverletzungen und illegaler Staatsgewalt aufzuklären. Zu den Vorbildern gehören Whistleblower wie Daniel Ellsberg und der nigerianische Umweltaktivist Ken Saro-Wiwa.

„Wir sind nicht neutral“, nennt Weizman das wichtigste Prinzip von Forensic Architecture im Interview mit der deutschen Wochenzeitung Die Zeit.

„Wir verbünden uns immer mit gefährdeten Gemeinschaften oder Befreiungskämpfen.“ Das geschehe grundsätzlich auf Initiative der Akteure beziehungsweise Angehörigen der Opfer von Verbrechen, beispielsweise im Fall Oury Jalloh, der 2005 in Dessau mutmaßlich von Polizeibeamten ermordet wurde. So hat Forensic Architecture über die Folter an Flüchtlingen in der Haftindustrie Libyens sowie die Verstrickung der EU, das Abfackeln von Urwäldern in West-Papua durch Palmölkonzerne, die Rolle europäischer Waffenproduzenten und Regierungen bei der Bombardierung des Jemens durch Saudi-Arabien und Dutzende andere Fälle Aufklärungsarbeit geleistet – selbst zu Verbrechen, die Jahrzehnte zurückliegen, etwa der Völkermord an den Ixil in Guatemala in den 1970er-Jahren. Von großer Bedeutung für das Forensic-Team sind die ökozidalen Folgen von Verbrechen gegen die Menschheit, wie die Verwüstung und Kontaminierung von Landschaften, zu denen vielfach auch die Auslöschung der Tierwelt gehört. 2024 wurde es mit dem Right Livelihood Award, dem Alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet.

Die Agentur hat mit ihren teils spektakulären Enthüllungen dafür gesorgt, dass Forensik sich in der vergangenen Dekade zu einem Kunsttrend entwickelt hat – es ist sogar von einem „forensic turn“ die Rede. „Forensische Ästhetik spiegelt Beziehungen und Logiken des Handelns, objektiver und subjektiver Wahrscheinlichkeiten wider“, so Weizman. „Was benötigt wird, ist ein Dolmetscher, der die Öffentlichkeit im Namen eines zerstörten Hauses anspricht.“ Das geschieht mit dem Anspruch der „Mobilisierung von Sensibilitäten, die mit Kunst, Architektur und anderen, ähnlichen Praktiken verbunden sind, um der Macht die Wahrheit zu sagen“.

Gefährliche Parallelen

Die politische Sprengkraft so verstandener forensischer Ästhetik offenbart sich beim Hauptarbeitsschwerpunkt von Forensic Architecture: Die Verbrechen der israelischen Besatzung Palästinas – seit Herbst 2023 die Massaker der IDF im Gazastreifen. So hat die Agentur auf eigene Initiative die Explosion im Innenhof des Al-Ahli-Krankenhauses in Gaza City am 17. Oktober 2023 untersucht, bei der 471 Menschen getötet worden sind. Die digitale 3D-Konstruktion des Hospitals, die räumliche Analyse des Detonationskraters sowie die Zeugenaussage des britisch-palästinensischen Chirurgen Dr. Ghassan Abu-Sittah lassen schwerwiegende Zweifel aufkommen an der israelischen Behauptung, der Einschlag sei durch eine Hamas-Rakete verursacht worden. Der Vorfall war zudem Anlass für Abu-Sittah, davon auszugehen, dass damit bereits die israelische Militäroperation „aufhörte, ein Krieg zu sein, und ein Völkermord wurde“ – eine Vermutung, die sich mittlerweile als Tatsache erwies und unter anderem die EU-Behörden veranlasste, gegen den Arzt 2024 rechtswidrig ein Einreiseverbot zu verhängen.

Nicht zuletzt dafür, dass Forensic Architecture die Berliner Polizei der Anwendung völlig unverhältnismäßiger Gewalt gegen propalästinensische Demonstranten sowie lügenhafter Darstellung der Ereignisse am Nakba-Tag 2025 überführt hat, ist das Kollektiv auch Anfeindungen vor allem deutscher Mainstreammedien ausgesetzt.

Förderer ziehen sich zurück, und Vorträge werden gecancelt.

Da die Initiatoren von Forensic Architecture den israelisch-palästinensischen Konflikt von vornherein als „Labor für den nicht bewaffneten Widerstand gegen ein unterdrückerisches Regime“ betrachtet haben, ist kaum zu erwarten, dass sie sich Repressalien beugen werden. Wie Mark Mushiva in Hamburg bei der Vorstellung des Projekts zu deutschen Kolonialverbrechen in Südwestafrika betonte, drängen die „gefährlichen Parallelen“ zu den Geschehnissen in Gaza vielmehr zur Beantwortung einer dringenden Frage: „Wie können Kunst und künstlerische Formen von Forschung mobilisierend wirken – nicht um der Kunst willen, sondern um das heterogene Publikum, auf das wir für politische Aktionen bauen, bilden zu können?“

Nähere Informationen: forensic-architecture.org


Susann Witt-Stahl arbeitet als Journalistin und Autorin in Hamburg. Zuletzt erschien von ihr herausgegeben „Der Bandera-Komplex“ im Verlag 8. Mai (2024).


Titelbild: forensic-architecture.org

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