Palästina-Solidarität zwischen Regierungen, Basis und Diaspora
Ob in den Reden linker Regierungschefs oder in den Slogans auf den Straßen: Die lateinamerikanische Solidarität mit Palästina ist zugleich politisches Statement, historische Erinnerung und gelebter Internationalismus.
Von Elias Korte, Cali (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)
Lateinamerika blickt auf eine lange Geschichte internationalistischer Solidarität zurück. Schon die Unabhängigkeitsbewegungen des 19. Jahrhunderts verstanden sich als Teil eines globalen Kampfes gegen den Kolonialismus. In den 1960er- und 70er-Jahren wurde diese Haltung zur politischen Doktrin. Kuba, Nicaragua und später Venezuela verstanden sich als Sprachrohr der „Dritten Welt“, die sich gegen Imperialismus und wirtschaftliche Abhängigkeit erhob. Palästina wurde in diesem Diskurs zum Symbol nicht nur eines besetzten Landes, sondern einer weltweiten Ordnung westlicher Herrschaft und Ungleichheit.
„Die Sache Palästinas ist auch unsere Sache“, erklärte Fidel Castro 1973.
Der Satz markierte einen Wendepunkt: Kuba brach die Beziehungen zu Israel ab und erkannte im November 1988, wie auch Nicaragua und Mexiko, als eines der ersten Länder den Staat Palästina an. In den folgenden Jahrzehnten übernahmen weitere Regierungen des Kontinents diese Linie.
Solidarität von oben und unten
In Lateinamerika zeigt sich die Solidarität mit Palästina auf verschiedenen Ebenen: zwischen Regierungspolitik und zivilgesellschaftlichem Engagement, zwischen antiimperialistischer Tradition und linker Erneuerung. Es gibt zahlreiche staatliche Akteure, die internationale Solidarität als außenpolitisches Symbol betonen. Aber auch starke zivilgesellschaftliche Bewegungen, die sich aus der politischen Linken, migrantischen Netzwerken, Studierendeninitiativen, Gewerkschaften und religiösen Strömungen zusammensetzen.
In Kuba, Venezuela und Nicaragua prägen vor allem die Regierungen das Bild. Hier ist internationale Solidarität ein Teil der Staatsräson, eng verknüpft mit der eigenen Identität als antiimperialistische Bastion.
Die Regierung Nicaraguas reichte im April 2024 Klage beim Internationalen Gerichtshof (IGH) gegen Deutschland wegen Beihilfe zum Völkermord in Gaza ein. Die kubanischen Institutionen organisieren regelmäßig politische Aktionen zu wichtigen Terminen und aktuellen Ereignissen in Palästina. Seit den 1980er-Jahren werden medizinische Stipendien für palästinensische Studierende vergeben. Solidarität mit dem palästinensischen Volk ist eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie ausführliche Berichterstattung in den staatlichen Medien. Das führt spürbar zu einer höheren Präsenz des Themas und zu einem größeren Problembewusstsein in der Bevölkerung als andernorts.
Ganz anders, aber ebenso tief verwurzelt ist die Solidarität in Chile. Dort leben rund eine halbe Million Menschen palästinensischer Herkunft – die größte Diaspora außerhalb des Nahen Ostens. Palästina ist hier Teil der Alltagskultur: Der Fußballverein Club Deportivo Palestino aus Santiago de Chile druckt die Karte des historischen Palästina auf seine Trikots, im Parlament sitzen Abgeordnete mit palästinensischen Wurzeln, und als Israel 2014 Gaza bombardierte, zogen Zehntausende in Santiago auf die Straße. Während die damalige Rechtsregierung politisch zurückhaltend blieb, war die Zivilgesellschaft laut und sichtbar. In Chile ist die politische und kulturelle Identifikation mit einer tiefen, generationsübergreifenden Solidarität verwoben.
Diplomatie mit Symbolkraft
In Lateinamerika erlebt die Palästina-Solidarität derzeit eine neue Phase, getragen von zahlreichen linken Regierungen und der politischen Konjunktur des Themas. Kolumbiens Präsident Petro hat die palästinensische Frage zu einem zentralen Bestandteil seiner Außenpolitik gemacht und sich international als einer der lautesten Fürsprecher Palästinas profiliert. In Reden vor den UN verurteilte er Israels Kriegspolitik scharf, sprach von einem „Genozid“ und forderte eine „internationale Streitmacht zum Schutz Palästinas“. Unter seiner Führung wurde Kolumbien zu einem Motor einer neuen diplomatischen Dynamik in der Region: Mehrere Staaten, darunter Chile, Mexiko, Bolivien und Brasilien, koordinierten ihre juristische Unterstützung der südafrikanischen Klage gegen Israel vor dem IGH.
Petros Position ist umso bemerkenswerter, als Kolumbien über Jahrzehnte hinweg zu den engsten Verbündeten Israels in Lateinamerika gehörte. Seit den 1980er-Jahren pflegen beide Länder enge militärische und geheimdienstliche Beziehungen: Israelische Ausbildner halfen beim Aufbau kolumbianischer Spezialeinheiten und trainierten faschistische paramilitärische Gruppen. Israel galt zudem als einer der wichtigsten Waffenlieferanten im kolumbianischen „Krieg gegen die Drogen“ sowie in der Aufstandsbekämpfung. Dass nun ausgerechnet Bogotá diplomatisch auf Distanz zu Tel Aviv geht und Israel öffentlich kritisiert, markiert einen historischen Bruch.

Lateinamerikanische Solidarität mit Palästina wird damit wieder zu einem geopolitischen Faktor. Der im Januar 2025 in Bogotá abgehaltene Gipfel der aus fünf lateinamerikanischen und drei afrikanischen Staaten sowie Malaysia bestehenden Hague Group, die sich die Umsetzung der gegen Israel gerichteten Beschlüsse der internationalen Gerichtshöfe zur Aufgabe gemacht hat, zeigte, dass die Region nicht länger nur symbolisch agieren will. Petro verleiht dieser Entwicklung eine neue Rhetorik: Er spricht von der Notwendigkeit, globale Machtverhältnisse zu verändern, und formulierte diesen Anspruch in einem Satz, der in Lateinamerika viel zitiert wurde: „Wenn Palästina stirbt, stirbt die Menschheit, und wir werden sie nicht sterben lassen.“ Für ihn ist Palästina zum Prüfstein der Glaubwürdigkeit universaler Menschenrechte geworden und Lateinamerika zu einer moralischen Instanz im sich neu formierenden multipolaren System.
Die Rolle der arabischen Diaspora
Ein wichtiger Faktor der Solidarität ist die arabische, insbesondere die palästinensische Diaspora. Neben Chile und Argentinien leben große arabische Gemeinden auch in Honduras, El Salvador, Venezuela und Brasilien. Viele ihrer Familien kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, oft aus Bethlehem, Beit Jala oder Beit Sahour. Im Laufe der Zeit gründeten sie Vereine, Schulen, religiöse Institutionen und kulturelle Zentren, die heute wichtige Träger der Palästina-Arbeit sind.
In Chile betreiben palästinensischstämmige Organisationen Stiftungen und Medienplattformen, die regelmäßig über die Entwicklungen im Nahen Osten berichten und zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen. In El Salvador wurde 2013 eine palästinensische Schule gegründet, die den kulturellen Austausch fördern und das historische Bewusstsein wachhalten soll. In Honduras wiederum engagiert sich die Comunidad Árabe Hondureña seit Jahren bei Spendenkampagnen und Solidaritätsveranstaltungen. In Venezuela sind die Netzwerke besonders eng mit staatlichen Strukturen verflochten, nicht zuletzt, weil zahlreiche Unternehmer aus der arabischen Community zum wirtschaftlichen Rückgrat der bolivarischen Regierung zählen. Diese Solidarität ist zugleich kulturell, religiös und politisch.
Seit Herbst 2023 gehen in Lateinamerika immer wieder Zehntausende auf die Straße, um Solidarität mit Palästina zu zeigen, stets verbunden mit breiter Kritik an Imperialismus, Kolonialismus und sozialer Ungleichheit. In Mexiko-Stadt demonstrierten am 29. November 2023, dem Internationalen Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk, 20.000 Menschen. Am 8. September 2025 nahmen 180.000 Menschen an einem Solidaritätskonzert teil, während weitere 400.000 online zuschauten. Auch in Santiago de Chile fanden seit Oktober 2023 immer wieder Demos mit bis zu 20.000 Teilnehmern statt. In São Paulo forderten am 16. Juni 2025 rund 30.000 Menschen ein Ende der diplomatischen Beziehungen zu Israel.
Auch in Argentinien, Kolumbien, Kuba und Venezuela ist Palästina auf den Straßen sehr präsent. In Kolumbien hat das Thema auf den Regierungsdemos seinen festen Platz, und im Juli 2024 fand mitten in Bogotá ein Solidaritätskonzert mit 30.000 Besuchern statt. Auch der 1. Mai 2024 wurde im Zeichen der Solidarität mit Palästina begangen. In Havanna fanden seit November 2023 drei Großkundgebungen mit bis zu 100.000 Teilnehmern statt. In Ländern wie Chile, Kolumbien oder Argentinien entwickelt sich zudem eine neue, stärker vernetzte Form der Solidarität. Hier verknüpfen Aktivisten die palästinensische Sache mit feministischen, ökologischen, indigenen und antirassistischen Kämpfen. An Universitäten und in sozialen Bewegungen wird die israelische Besatzung zunehmend als Teil eines globalen Systems diskutiert, das Territorien und Menschen ökonomisch und politisch ausbeutet. Palästina wird so zu einem Symbol für Fragen globaler Gerechtigkeit und Lateinamerika zu einem Resonanzraum, in dem sich eigene historische Erfahrungen von Widerstand und Befreiung neu artikulieren.
Begleitet werden diese politischen Ausdrucksformen von einer lebendigen Straßenkunst-Kultur, die Palästina im Alltag vieler Städte sichtbar hält. Murales, Plakate und Graffiti zeigen Porträts getöteter Kinder, Slogans wie „Palestina libre“ und Symbole des Widerstands.

Die Grenzen der Solidarität
Trotz ihrer Breite stößt die Palästina-Solidarität in Lateinamerika auch an Grenzen. Die meisten Staaten meiden wirtschaftliche Sanktionen gegen Israel oder den vollständigen Abbruch diplomatischer Beziehungen. Das gilt auch für Staaten mit starker solidarischer Rhetorik.
Gleichzeitig setzen die Regierungen der Region unterschiedliche Akzente. Während Kolumbien und Chile die juristische Ebene stark machen, halten Brasilien und Mexiko an einer moderaten, multilateralen Linie fest. Länder wie Guatemala oder Paraguay stehen wiederum aus wirtschaftlichen und geopolitischen Gründen traditionell auf der Seite Israels.
Allen voran Argentiniens Präsident Milei setzt auf eine pro-israelische Außenpolitik. Er kündigte an, die Botschaft seines Landes in Israel 2026 nach Jerusalem zu verlegen. Vor der Knesset erklärte er, er wolle „die wirtschaftlichen und diplomatischen Bande stärken“. Zudem rechtfertigte er Israels Kriegsverbrechen mit dem Recht auf Selbstverteidigung. Zuletzt wurde er mit dem Genesis Prize für seinen Einsatz gegen Antisemitismus und zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Israel und Lateinamerika ausgezeichnet. Auch die kürzlich mit dem Friedensnobelpreis bedachte venezolanische Oppositionspolitikerin Machado gilt als Bewunderin Netanjahus und forderte 2020 die Verlegung der venezolanischen Botschaft nach Jerusalem. Lateinamerika spricht also mit vielen Stimmen, und die Ambivalenz des Themas liegt im moralischen Anspruch und im politischen Kalkül begründet.
Historische Entwicklung der Solidarität
Die Verwurzelung dieser Solidarität reicht tief. Schon Ende der 1960er-Jahre trainierten palästinensische und lateinamerikanische Guerilleros gemeinsam; kubanische Ärzte halfen in Flüchtlingscamps im Libanon, nicaraguanische Sandinisten empfingen Delegationen der PLO.
Nach dem Ende des Kalten Krieges schwächte sich diese Verbindung ab, doch sie blieb im kollektiven Gedächtnis vieler linker Bewegungen erhalten. Palästina wurde zum Symbol des gerechten Widerstands und ein Spiegel der eigenen kolonialen Erfahrung.
Heute knüpft die neue Generation an diese Tradition an, aber mit anderen Mitteln: juristischen Strategien, kulturellen Kampagnen und digitaler Mobilisierung. Die Solidarität ist heute vor allem diskursiv und beruft sich eher auf das internationale Recht als auf den bewaffneten Kampf.
Die Palästina-Solidarität in Lateinamerika hat viele Facetten. Sie ist vielstimmig, widersprüchlich, aber von bemerkenswerter Stärke und Beständigkeit. Sie vereint koloniale Erfahrungen, soziale Bewegungen, Diaspora-Geschichten und geopolitische Strategien antiimperialistischer Regierungen. Gleichzeitig ist sie Ausdruck genuiner Empathie und ein Mittel symbolischer Selbstvergewisserung. In einer Welt, in der der globale Süden wieder Selbstbewusstsein zeigt, wird Palästina für viele Regierungen und Bewegungen Lateinamerikas zu einem Prüfstein für den Anspruch, Mitgestalter internationaler Gerechtigkeit zu sein.
Elias Korte ist Sozialwissenschaftler und lebt als Korrespondent in Kolumbien.
Titelbild: Wandgemälde im Zentrum Bogotás: „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ (Foto: Elias Korte)

