Wettrüsten im Schatten der Klimakrise: Der blinde Fleck der globalen CO₂-Bilanz
Das globale Wettrüsten bedroht die Klimaziele: Laut Attac könnte das Militär bis 2030 ein Viertel des weltweiten CO2-Budgets beanspruchen. Ein zentrales Problem ist die mangelnde Transparenz.
Von Michael Wögerer
Während die internationale Gemeinschaft über Tempolimits, Heizungsumstellungen und CO₂-Steuern streitet, wächst im Verborgenen ein Gigant, dessen ökologischer Fußabdruck die Klimaziele des Pariser Abkommens im Alleingang zu zertrümmern droht: das Militär. Ein neuer Bericht von Attac Österreich („Policy Insights Nr. 1, 02/2026“) zeichnet ein alarmierendes Bild einer Welt, die im Aufrüstungsfieber ihre eigene Lebensgrundlage verbrennt.
Die 25-Prozent-Falle: Wenn Panzer das Budget sprengen
Die Zahlen sind ernüchternd. Bereits im Jahr 2025 verursachte das globale Militär rund 4,3 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent. Das entspricht etwa 8 Prozent der weltweiten Emissionen – ein Anteil, der die Armeen der Welt, wären sie ein Staat, auf Platz vier der größten Emittenten hinter China, den USA und Indien katapultieren würde.
Doch das ist erst der Anfang. Sollten die Militärausgaben wie prognostiziert jährlich um 10 Prozent steigen, werden sie bis 2030 die Marke von 4.800 Milliarden US-Dollar erreichen. Das klimatische Preisschild dieser Entwicklung: Die weltweiten Heere würden dann etwa 25 Prozent der maximal erlaubten Gesamtemissionen beanspruchen, die zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze noch verfügbar sind. In Europa zeigt sich ein ähnliches Bild. Die geplanten Aufrüstungsprogramme der EU-NATO-Staaten könnten bis 2030 so viel CO₂ ausstoßen, dass sie allein die notwendigen Einsparungen anderer Sektoren wieder zunichtemachen.
Der „Military Emissions Gap“: Was man nicht misst, steuert man nicht
Ein zentrales Problem ist die mangelnde Transparenz. Seit dem Kyoto-Protokoll von 1997 genießt das Militär eine klimapolitische Sonderstellung. Bis heute ist keine Regierung verpflichtet, ihre militärischen Emissionen umfassend und einheitlich an die UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) zu melden. Dieser sogenannte „Military Emissions Gap“ verschleiert die tatsächlichen Kosten der Sicherheitspolitik.
Dabei geht es um weit mehr als nur den Treibstoff für Jets und Panzer.
Die Emissionen setzen sich aus drei Säulen zusammen:
- Operativer Betrieb: Der immense Energieverbrauch bei Übungen und Einsätzen.
- Infrastruktur: Der Betrieb von Kasernen, Häfen und Radarstationen.
- Lieferketten: Die hochgradig energieintensive Produktion von Waffen und Munition.
Österreich: Klimateller vs. Kampfjets
Auch Österreich bleibt von diesem Trend nicht verschont. Die Bundesregierung plant, die Militärausgaben bis 2032 auf zwei Prozent des BIP zu verdoppeln – das wären jährlich über 12 Milliarden Euro. Während im zivilen Bereich gespart wird, etwa durch die Abschaffung des Klimabonus, fließen Milliarden in schwere Waffensysteme.
Die Widersprüchlichkeit der aktuellen Politik zeigt sich besonders deutlich beim Bundesheer. Während Soldaten in den Kasernen mit dem „Klimateller“ regionales Essen erhalten, stößt ein einziger Eurofighter in nur einer Flugstunde rund 11 Tonnen CO₂ aus. Zum Vergleich: Das ist mehr, als eine durchschnittliche Person in Österreich im gesamten Jahr verursacht. Ein „grünes Militär“ sei daher, so Attac, eine reine Illusion.
Sicherheit neu denken: Klima- statt Rüstungsfinanzierung
Das Wettrüsten entzieht den Staaten zudem die finanziellen Mittel für die dringend notwendige soziale Sicherheit und Klimaanpassung. Besonders kritisch: Während NATO-Staaten ihre Militärbudgets massiv erhöhen, sinken vielerorts die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und internationale Klimafinanzierung. Damit wird ein Teufelskreis befeuert: Die Klimakrise wirkt als Konflikttreiber (durch Dürren und Ressourcenknappheit), was wiederum zu Gewalt und erneuter Aufrüstung führt.
Mehr zum Thema: Podcast & Video
Für alle, die tiefer in die Materie eintauchen möchten, haben wir die wichtigsten Erkenntnisse des Attac-Berichts multimedial aufbereitet:
Der Deep-Dive-Podcast: In unserer neuesten UZ-Podcast-Folge auf spotify diskutieren wir die fatalen Verknüpfungen zwischen Militärstrategie und Klimapolitik.
Das Erklärvideo auf unserem YouTube-Kanal: In unserer Videoübersicht visualisieren wir die dramatischen Prognosen für 2030. Wir vergleichen den CO₂-Ausstoß von Waffensystemen mit dem Alltagskonsum und zeigen auf, welche Alternativen eine zukunftsfähige Friedens- und Klimapolitik bieten könnte.

Titelbild: Das globale Militär verursacht bereits 8 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen – Tendenz stark steigend (Unsere Zeitung/KI-generiert)

