Was Kunst kann… – über die Aufgabe der Künstler:innen
Rede von Michael Wögerer (Unsere Zeitung) zur Eröffnung der Ausstellung von Nina Maron und Donna E. Price im Hofkabinett (Linz)
„Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt.“
(Konstantin Wecker)
Als ich kürzlich über die heutige Eröffnungsrede nachdachte, kam mir plötzlich „Ich singe, weil ich ein Lied hab“ von Konstantin Wecker in den Sinn.
Dort heißt es zu Beginn:
Er war Sänger, wie andere Bäcker
oder Handelsvertreter sind.
Er verkaufte sehr gut, denn er hielt sich
an die Sonne, den Mond und den Wind.
Seine Welt war so herrlich gerade,
seine Hemden so weiß und so rein,
und er sang sich, ganz ohne zu zögern,
in die Seele des Volkes hinein.
Und ich dachte weiter an meine Rede und was von mir erwartet wird. Gerade und sauber müsse sie sein, freundlich zu den Gästen, allfällige Ehrengäste müssen natürlich gesondert begrüßt werden. Dem Gastgeber sei gedankt, die Künstlerinnen gleichermaßen hervorgehoben. Die Sponsoren geehrt. Dazu eine Prise Humor, ein paar weise Worte. Kurz und knackig. Unaufgeregt. Fad.
Doch ganz plötzlich befiel ihn das Singen,
wie einen ein Fieber befällt,
so als hätte sich irgendwas in ihm
gegen ihn gestellt.
So als hätte sich seine Stimme
über ihn hergemacht
und das stumme Gestammel des Sängers
plötzlich zum Schweigen gebracht.
Ich hielt inne. Meine 08/15-Rede war verworfen. Darf´s ein bisserl mehr sein?
Ich singe, weil ich ein Lied hab,
nicht, weil es euch gefällt.
Ich singe, weil ich ein Lied hab,
nicht, weil ihr´s bei mir bestellt.
Kunst muss aus innerer Notwendigkeit entstehen
Weckers Lied ist eine Parabel über Menschenwürde, innere Freiheit und den Mut, der eigenen Stimme zu folgen, auch wenn die Welt dafür keinen Markt sieht. Das gilt für mich als Journalist ebenso wie für Kunst- und Kulturschaffende.
Echte Kunst entsteht nicht auf Bestellung. Die Künstlerin, die sich dem Markt unterwirft, verliert ihre Seele — und letztlich auch ihren eigentlichen Wert als Künstlerin. Auch wenn Kulturarbeiterinnen wie Nina Maron und Donna E. Price ihr Handwerk perfekt beherrschen, entsteht ihre Kunst nicht in dem Moment, wo sie ihre Pinsel und Werkzeuge auf technisch richtige Weise einsetzen, sondern im Prozess von der Idee zum vollendeten Kunstwerk, in ihrem Bedürfnis der Welt etwas mitzuteilen. Es ist keineswegs die Perfektion, die einen Künstler auszeichnet.
Kunst muss unbequem sein — nicht gefallen wollen
Kunst, die nur darauf ausgerichtet ist, zu gefallen, verrät sich selbst. Wahre Kunst provoziert, stört, erschüttert — sie stellt unbequeme Fragen, statt angenehme Antworten zu liefern. Nur die Kunst, die auch das Risiko des Missfallens eingeht, hat das Potenzial, etwas im Menschen zu verändern.
Kunst muss den Mächtigen widerstehen und uns die Augen öffnen
Denn Kunst, die niemanden stört, stört auch nichts — und verändert nichts. Und echte Veränderungen entstehen seit je her nur von unten, im Kampf gegen die Mächtigen – nicht, indem man sich den Herrschenden anbiedert – auch der Hofnarr war letztlich nur ein angestellter Spaßmacher, wie es die ORF-Kabarettisten heute sind. „A bisserl Satire, a bisserl Kritik, owa nur ned übertreiben.“ Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht (wirklich).
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Ich merke, dass ich gerade sehr ernst geworden bin — vielleicht etwas zu ernst für einen Abend wie diesen. Aber genau das ist es, was Kunst mit einem macht: Sie zieht einen hinein, bevor man es merkt. Wecker singt nicht, weil es euch gefällt — und trotzdem gefällt es uns. Das ist das Geheimnis: Kunst, die aus echter Überzeugung entsteht, trägt eine Kraft in sich, die man spürt. Und was man spürt, das darf man auch genießen und lieben.
Kunst muss nicht, darf Ihnen aber auch gefallen
Es ist keine intellektuelle Schande, wenn man Kunstwerke auch „einfach nur schön“ findet. Die Komposition, die Ästhetik, die Farben oder das Gefühl, dass es in Ihnen auslöst. Lassen Sie es heraus!
Wenn Ihnen etwas gefällt, dann sprechen Sie mit der Künstlerin. So wie die Musikerin den Applaus liebt, freut sich der Zeichner über schöne Worte zu seinem Bild.
Und erlaubt es ihr Budget, kaufen Sie ein. Erobern Sie die Kunst! Nehmen Sie sie mit nach Hause.
Denn,…
Von Kunst muss man leben können!
Obgleich Künstlerinnen und Künstler aus innerem Antrieb arbeiten (sollten) und ihnen Gefälligkeit (meist) gegen den Strich geht, so müssen sie in dieser marktgetriebenen Welt von ihrer Kunst leben können. Und so lange wir in Österreich und nicht in Irland zu Hause sind, wo kürzlich ein Grundeinkommen von 325 Euro pro Woche für Kulturschaffende eingeführt wurde, liegt es an uns die Kunst und seine Künstler:innen am Leben zu erhalten.
In diesem Sinne:
Staunen Sie!
Unterhalten Sie sich gut!
Schlagen Sie zu! (bildlich gesprochen)
Titelbild: Frida von Nina Maron (Aufnahme in ihrem Atelier, Landstrasser Hauptstr. 72/10, 1030 Wien)

