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Die vergessenen 138 Millionen Kinder

Mitte Februar fand in Marrakesch die 6. Globale Konferenz zur Beseitigung von Kinderarbeit statt. Während die Weltgemeinschaft dort einen wegweisenden Beschluss fasste, schwiegen Österreichs Leitmedien – und die österreichische Bundesregierung glänzte durch Abwesenheit. Nur die Zivilgesellschaft und die Gewerkschaftsbewegung hielten das Thema am Leben.

Ein Kommentar von Michael Wögerer

Eine Welt, die sich verpflichtet hat – und dennoch versagt

Kinderarbeit bis 2030 beenden: Der neue Aktionsplan von Marrakesch (Erklärvideo)

Vom 11. bis 13. Februar 2026 kamen in Marokko mehr als 500 Vertreter:innen von Regierungen, Gewerkschaften, Arbeitgeberorganisationen und zivilgesellschaftlichen Gruppen zusammen. Das Ergebnis: der einstimmig verabschiedete „Marrakech Global Framework for Action against Child Labour“ – ein globaler Aktionsrahmen, der verbindlichere Umsetzung internationaler Arbeitsstandards, mehr Bildungszugang, stärkere Sozialsysteme und existenzsichernde Löhne für Erwachsene fordert.

Der Anlass für diese Konferenz ist erschütternd: Weltweit müssen nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) noch immer rund 138 Millionen Kinder arbeiten. Davon befinden sich 54 Millionen unter gefährlichen Bedingungen – in Minen, auf Plantagen, in Fabriken. Das UN-Nachhaltigkeitsziel SDG 8.7, das die vollständige Abschaffung der Kinderarbeit bis 2025 vorsah, wurde krachend verfehlt. ILO-Generaldirektor Gilbert F. Houngbo brachte die Lage auf den Punkt:

„Im aktuellen Tempo werden wir das Ziel, Kinderarbeit bis 2030 zu beseitigen, nicht erreichen. Die Herausforderung liegt nicht im Fehlen von Lösungen, sondern in der Umsetzung dessen, was im großen Maßstab funktioniert.“

Hinter jedem dieser 138 Millionen Kinder steht ein Name, ein Gesicht, eine geraubte Kindheit. 1,5 Millionen Kinder schuften im Kakaosektor in der Elfenbeinküste und Ghana, hantieren mit Macheten, tragen schwere Lasten. Rund 40.000 Kinder arbeiten in den Kobalt- und Coltanminen der Demokratischen Republik Kongo unter lebensgefährlichen Bedingungen. In den Textilfabriken Südasiens werden Kinderrechte systematisch mit Füßen getreten. Diese Kinder produzieren Güter, die auch in Österreich in den Supermarktregalen landen – Schokolade, Smartphones, Kleidung.

Österreichs Medien: Eine verdächtige Stille

Man könnte erwarten, dass ein solches Ereignis – eine Weltkonferenz über eines der drängendsten Menschenrechtsprobleme unserer Zeit, mit einem historisch einstimmigen Beschluss – zumindest in den österreichischen Qualitätsmedien Beachtung findet. Doch weit gefehlt.

Eine Recherche von Unsere Zeitung in frei zugänglichen Quellen ergibt ein ernüchterndes Bild: Weder orf.at, noch Standard, Kurier oder Die Presse berichteten über die Konferenz in Marrakesch oder den dort verabschiedeten Aktionsrahmen. Keine Nachricht, kein Kommentar, kein einziger Absatz.

Das ist kein Zufall. Es ist ein Symptom. Kinderarbeit findet weit weg statt – in Ghana, in Bangladesch, in der Demokratischen Republik Kongo. Sie ist unsichtbar, weil wir sie unsichtbar machen. Die Kakaobohne in der Werbung ist glänzend und verlockend; das Kind, das sie unter sengender Sonne geerntet hat, kommt im Bild nicht vor.

Dabei ist das Thema auch ein österreichisches. Es berührt Handelspolitik, Lieferkettengesetze, Entwicklungszusammenarbeit und die Frage, welche Werte dieses Land in der Welt vertritt. Dass die großen Nachrichtenmedien diese Verbindung nicht herstellen – oder nicht herstellen wollen –, ist ein Versagen gegenüber der eigenen Leserschaft.

Österreich fehlt – und das hat Konsequenzen

Noch deutlicher als das Schweigen der Medien wiegt ein anderes Versäumnis:

Länder wie Deutschland, Frankreich und die Niederlande gehören der Alliance 8.7 an – der globalen Plattform zur Umsetzung von SDG 8.7. Österreich nicht. Und auch bei der Konferenz in Marrakesch fehlte eine offizielle österreichische Delegation, im Gegensatz zur Schweiz. Sigrid Kickingereder, Geschäftsführerin der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar (DKA), fasst zusammen, was das bedeutet:

„Dass Österreich ausgerechnet bei der zentralen internationalen Konferenz zur Beseitigung von Kinderarbeit nicht vertreten ist, sendet ein schlechtes Signal – an die internationale Gemeinschaft ebenso wie an die 138 Millionen betroffenen Kinder weltweit.“

Österreich hat die ILO-Konventionen Nr. 138 und Nr. 182 ratifiziert. Österreichische Politiker:innen haben immer wieder ihre Sorge um Kinderrechte betont. Und dennoch: Der Beitritt zur Alliance 8.7 lässt auf sich warten. Ein nationales Gesetz, das den Verkauf von Waren aus Kinderarbeit verbietet, existiert nicht. Und zur wichtigsten internationalen Konferenz zum Thema erscheint man erst gar nicht.

Mit der Aufweichung der EU-Lieferkettenrichtlinie in den vergangenen Monaten hat Europa zusätzlich an Glaubwürdigkeit verloren. Der Druck, nun auf nationaler Ebene zu handeln, wächst – auch auf Österreich.

Was Gewerkschaften und Zivilgesellschaft leisten

In diesem Vakuum aus politischer Untätigkeit und medialer Ignoranz ist es die österreichische Zivilgesellschaft und Gewerkschaftsbewegung, die das Thema wachhalten – und das mit beeindruckendem Engagement.

Am selben Tag, an dem die Konferenz in Marrakesch begann, starteten der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB)solidar Austria und das Netzwerk International die ganzjährige Kampagne „Wir gegen Kinderarbeit!“. Marcus Strohmeier, Internationaler Sekretär des ÖGB, bringt die Botschaft der Kampagne auf den Punkt:

„Kinderarbeit verschwindet nicht durch Verbote allein, sondern durch existenzsichernde Löhne für die Eltern. Wer Kinderarbeit wirklich beenden will, muss Gewerkschaften stärken und für faire Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sorgen. Geht’s den Eltern gut, geht’s den Kindern gut.“

Parallel dazu setzt die Initiative Kinderarbeit stoppen – ein Bündnis aus DKA, Jugend Eine Welt, Kindernothilfe Österreich, solidar Austria und FAIRTRADE – seit Jahren auf politisches Lobbying und öffentliche Bewusstseinsbildung.

Peter Schissler, Vorsitzender von solidar Austria, bringt die Verantwortung auf uns alle zurück:

„Wenn wir in Österreich Schokolade essen, Smartphones nutzen oder Kleidung kaufen, profitieren wir von globalen Lieferketten, in denen Kinder ausgebeutet werden. Freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen sind gescheitert. Österreich muss jetzt handeln.“

Zeig Kinderarbeit die Rote Karte! (netzwerkinternational.at)

Die konkreten Forderungen sind klar formuliert: Österreich soll der Alliance 8.7 beitreten, und es braucht ein produktbezogenes Gesetz, das den Verkauf von Waren aus Kinderarbeit auf dem österreichischen Markt verbietet.

Zeige Kinderarbeit die Rote Karte

Kinderarbeit ist kein unabänderliches Schicksal. Sie ist die Folge von Armut, ungerechten Handelsstrukturen und politischem Desinteresse. Sie lässt sich beenden – wenn der politische Wille da ist, und wenn genug Menschen lautstark einfordern, dass gehandelt wird.

Du kannst Teil dieser Bewegung sein. Die Kampagne „Wir gegen Kinderarbeit!“ lädt alle ein, Kinderarbeit symbolisch die Rote Karte zu zeigen: ein einfaches, öffentlichkeitswirksames Zeichen der Solidarität mit den Millionen Kindern, deren Stimmen in Marrakesch nicht gehört wurden – und die in österreichischen Schlagzeilen erst recht nicht vorkommen.

Mitmachen und mehr erfahren: netzwerkinternational.at/wir-gegen-kinderarbeit

Die 138 Millionen Kinder können nicht warten. Und wir sollten es auch nicht.


Michael Wögerer ist Projektleiter bei solidar Austria, dem entwicklungspolitischen Verein der österreichischen Gewerkschaftsbewegung sowie Gründer und Mitherausgeber von Unsere Zeitung – DIE DEMOKRATISCHE.


Titelbild: © ILO/Tran Quoc Dung / netzwerkinternational.at

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