Ein Tag im Jahr reicht nicht – Nachbetrachtung zum Internationalen Frauentag
Jedes Jahr zum 8. März füllen sich Straßen und Medien mit feministischen Themen – und danach ist es wieder vorbei, als hätte es das alles nie gegeben. Ein Kommentar von Claudia Gerhartl über Lohnungleichheit, Medienversagen und die Frage, warum ein Schild bei der Demo zu wenig ist.
Rund um den Internationalen Frauentag sind die Zeitungen, die Fernseh- und Radiosendungen, Social Media und was es sonst noch gibt voll mit Infos, mit Hörbildern berühmter Frauen, mit Filmen und Dokus über Geschlechterungerechtigkeit, mit Lobeshymnen auf außergewöhnliche Leistungen und so weiter und so fort. Davon dürfen wir dann den Rest des Jahres zehren, wenn wir nämlich wieder unserem ganz normalen Leben nachgehen, das neben der Berufstätigkeit, die nebenbei noch immer schlechter bezahlt wird, hauptsächlich aus Care-Arbeit besteht (wenn wir das nicht auch schon beruflich machen).
Klar, wir dürfen mittlerweile wählen, suchen uns aus, mit wem wir zusammen sein und ob wir Kinder oder keine haben wollen. Wir studieren und bewerben uns für politische Ämter, wir reisen in der Welt herum und gehen abends allein aus.
Und seit 1911 feiern wir den Internationalen Frauentag, der noch immer ein Kampftag für Gleichstellung ist, weil es eben nicht reicht, was erreicht wurde.
Schon 1907 forderte Clara Zetkin auf der Ersten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz das allgemeine Frauenwahlrecht, in New York demonstrierten Textilarbeiterinnen für höhere Löhne, Arbeitsschutz und kürzere Arbeitszeiten.
Viel wurde erreicht, und trotzdem: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Nein. (In Österreich liegt die Differenz bei ungefähr 20%.) Dazu kommt, dass Frauen oft Teilzeit arbeiten, weil sie ganz selbstverständlich die gesamte Care-Arbeit verrichten.
Legaler Schwangerschaftsabbruch? Beinah. Aber nicht gratis. Und nicht überall.
Schutz vor Gewalt? Änderung der Rollenbilder? Keine Rede. Im Gegenteil – die Welt wird regiert von verrückten alten Männern, die Rollenbilder zementieren und gerade erst wird mit den Epstein-Files sichtbar, was wir ohnehin ahnten, aber vielleicht doch nicht in diesem Ausmaß: Grab her by the pussy, wie Trump das so elegant ausdrückte, ist salonfähig und zwar immer und überall!
Mutige Frauen wie Gisele Pelicot geben Hoffnung, gleichzeitig wird das gesamte Ausmaß an Frauenhass deutlich. Monsieur Pelicot hat viele Namen und Gesichter. Sie gehören Familienvätern, Geschäftsführern, Hausmeistern, jungen und alten Männern.
Und gegen all das gehen wir am 8. März auf die Straße. Heuer waren mehr Menschen denn je dabei. Ich habe Freundinnen, die gerne ohne Männer marschieren würden und welche, die begrüßen, dass Männer unsere Anliegen unterstützen. Aber, liebe Männer, es reicht bei weitem nicht, am 8. März ein Schild hochzuhalten! Ihr müsst schon auch den Müll runterbringen, die Kinder vom Kindergarten abholen, einen Geschäftstermin verpassen, weil eure Tochter eine Theateraufführung hat, eurem Schwiegervater den Hintern saubermachen, weil dieser in der Nacht ins Bett geschissen hat und ihr dürft nicht vergessen, die Katze zu füttern, die Blumen zu gießen und falls ihr auf Urlaub fahrt, dafür sorgen, dass ihr einen anderen Mann findet, der das gern übernimmt.
Jetzt mal ehrlich: Wie oft habt ihr das alles gemacht?
Zur Freude, dass heuer die Demo in Wien derart gut besucht war (schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Menschen), kam am nächsten Tag der Ärger über die Berichterstattung, die eigentlich eine Nicht-Berichterstattung war. Über die Männerdemo gegen Gewalt an Frauen, die am Tag davor mit einigen hundert Teilnehmern stattgefunden hatte, wurde hingegen sehr ausführlich berichtet. Das war ein wichtiger Schritt und die Männer können nichts dafür, aber symptomatisch ist es doch. Nirgendwo konnte ich in Erfahrung bringen, wie viele Menschen am 8. März auf der Straße gewesen waren, einige Medien sprachen von nur 1.000 Teilnehmenden, weil eben diese Zahl angemeldet war. Der Standard berichtete von „zahlreichen“ Teilnehmerinnen, die am „feministischen Kampftag“ (vom Standard tatsächlich unter Anführungszeichen) für unterschiedliche Anliegen auf die Straße gegangen waren. Mehr Ignoranz geht nicht.
Auf Seite 6 dann die richtige Ohrfeige. Eine Viertelseite inklusive Foto und der Überschrift: „Politische Bekundung zum Weltfrauentag – mehr Geld für Frauengesundheit“. Darunter eine Dreiviertelseite mit der Überschrift: „Braucht Österreich mehr Kinder?“ Die Kinderanzahl pro Frau in Österreich liegt derzeit bei 1,29 und damit auf einem historischen Tief, erfahren wir. Was will man uns also mitteilen? Kriegt gefälligst mehr Kinder statt auf Demonstrationen herumzuhüpfen und unlautere Forderungen zu stellen? Ich glaube, ein Gebärstreik wäre tatsächlich ein probates Mittel, damit unsere Forderungen endlich ernst genommen werden.
Wir haben es satt, mehr zu arbeiten und weniger zu verdienen. Wir haben es satt, sexistisch und herabwürdigend behandelt zu werden. Wir haben es satt, dass wir uns nachts auf den Straßen fürchten und im Krankenhaus länger warten müssen.
Wir haben es auch satt, unsere Binden, Tampons und Schwangerschaftsabbrüche selbst zu bezahlen, uns damit abzufinden, dass Männer ihre Klos für sich haben, aber Frauen sie mit allen anderen inklusive Wickeltisch teilen müssen und dass uns ein Frisörbesuch locker das Doppelte kostet, auch wenn unsere Haare nicht länger sind als die der Männer. Und wir brauchen keine „Familiendramen“, bei denen wir zum Schluss tot sind.
Also werden wir weiter auf die Straße gehen, auch wenn man uns ignoriert oder belächelt. Und immerhin: Wir werden dafür nicht gesteinigt, geprügelt, eingesperrt und getötet. Wenn das nichts ist!
Titelbild: Demo am Internationalen Frauentag 2026, Wien (Foto: Nina Maron)

