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Von der Zeit über die Illusion zur Absurdität

Die bei Basel lebende Musikerin Claudia Vonmoos legt ihr erstes literarisches Werk vor. Im Gespräch mit Urs Heinz Aerni erzählt sie von der Nähe zwischen Musik und Sprache, von der Kunst der Miniatur und vom Weg zum eigenen Buch. 

Urs Heinz Aerni: Frau Vonmoos, was veranlasste Sie, Ihrem künstlerischen Schaffen mit der Musik ein Neues hinzuzufügen, und zwar der schriftstellerischen Art?

Claudia Vonmoos

Claudia Vonmoos: Ich schreibe schon lange, nur hat es etwas gedauert, bis ich auf die Idee kam, mir die Texte zwischen zwei Buchdeckeln vorzustellen, um damit ein Lesepublikum zu erreichen. Auch als Musikerin habe ich, vor allem in meinen musikalisch-szenischen Projekten, viel mit Texten gearbeitet. Damals allerdings nicht mit eigenen, sondern mit Fremdtexten.

Aerni: Die Sprache spielte also nebst der Musik schon immer eine Rolle?

Vonmoos: Das Arbeiten mit Worten war für mich schon immer selbstverständlich.

Aerni: Blättert man das schön gemachte Buch auf, sieht man sich keiner langen Erzählung gegenüber – abgesehen von den Porträts im hinteren Teil, sondern kurzen, ja ironischen und verspielten Sätzen. Es sind „Miniaturen“, wie es im Untertitel steht. Was gefällt Ihnen an der kurzen Form des Schreibens?

Vonmoos: Bei der Arbeit an den Miniaturen gefällt mir die Herausforderung, eine Idee, einen Gedanken oder eine Geschichte mit wenigen Worten festzuhalten. Es sollte kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig auf dem Papier stehen. Die Miniatur lässt Raum für unterschiedliche Lesarten. Es freut mich, wenn Lesende Dinge im Text entdecken, die mir nicht aufgefallen sind. Auch kann jede Miniatur eine andere „Form“ haben. Die Arbeit daran ist abwechslungsreich. 

Aerni: Auf Seite 106 lesen wir das hier: „Ich hätte gerne drei Gramm Ruhe. Sie können aufrunden.“ Oder schon der Satz als Titel: „Kunst ist, sich an morgen zu erinnern.“ Kommen Ihnen solche Sachen nachts im Traum in den Sinn oder beim Proben als Pianistin?

Vonmoos: Tatsächlich ertappe ich mich beim Klavierüben manchmal dabei, dass sich die Gedanken auf eine andere Ebene, die Textwelt, begeben. Für das Schreiben ist das gut, fürs Klavierspiel natürlich nicht. Aber Ideen können einem überall in den Sinn kommen, oft ganz unerwartet. Ich habe immer ein Notizbuch in Papier- oder digitaler Form dabei.

Aerni: Aber wie kamen Sie auf diesen schönen Buchtitel?

Vonmoos: Den habe ich beim Blättern in älteren Notizen gefunden. Ich wusste sofort, dass ich den Satz als Titel verwenden will, weil damit mehrere Themen angedeutet werden, die im Buch eine Rolle spielen, zum Beispiel Zeit, Erinnerung, Kunst, Illusion und Absurdität.

Aerni: Dieses Buch hat als Geschenk einen großen Vorteil: Der Beschenkte muss sich nicht durch einen Roman lesen, sondern kann blättern und stöbern und da und dort schöne Sätze genießen. Wie haben Sie es denn mit dem Lesen von Büchern?

Vonmoos: Ich lese sehr gerne, auch Romane. Im Moment liegt das Buch „Lektionen“ von Ian McEwan vor mir. Der Autor verknüpft unterschiedlichste Ebenen virtuos miteinander. Das gefällt mir. Vor Kurzem habe ich per Zufall zwei Romane von Elfi Conrad entdeckt…

Aerni: … Eine in Karlsruhe lebende Schriftstellerin mit den Romanen „Als sei alles leicht“ und „Schneeflocken wie Feuer“, die übrigens auch Musik studierte…

Vonmoos: Ihre präzisen, kurzen Sätze ohne Schnickschnack treffen mitten ins Herz.

Aerni: Bis 2023 unterrichteten Sie an der Musikakademie Basel. 2022 gingen Sie zum ersten Mal mit Ihren Texten an die Öffentlichkeit, bei einem Wettbewerb in Basel landeten Sie mit einem Text auf der Shortlist und 2024 erhielten Sie eine Auszeichnung in Wien. Wann ist ein Text für Sie vollendet?

Vonmoos: Ich überarbeite meine Texte über eine lange Zeit. Schon oft dachte ich von einem Text, er sei „fertig“, bis ich ihn später wieder hervorholte und nochmals daran feilte. Wenn ich das „Gut zum Druck“ gebe, entlasse ich den Text aus meinen Fängen und sage mir, dass er jetzt fertig ist. 

Aerni: Schon vor vielen Jahren erhielten Sie einen Förderpreis der Stadt Chur, wo Sie aufwuchsen. Könnte man die damalige Förderung als Initialzündung Ihrer Karriere als Kulturschaffende bezeichnen?

Vonmoos: Das ist allerdings lange her! Der damalige Preis war vor allem eine große Freude und Bestätigung. Er kam exakt zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte damals von einer Konzertbesucherin einen alten Flügel geschenkt bekommen. Mit Hilfe des Preisgeldes konnte ich ihn schön revidieren lassen. Da hat gerade einiges zusammengepasst.

Aerni: Zum Schluss vielleicht eine einfältige Frage, die sich womöglich auch die Buchhandlungen stellen: In welches Rayon würden Sie als Buchhändlerin Ihr Buch einordnen? Lyrik/Poesie, Belletristik, Philosophie oder Geschenkbuch?

Vonmoos: Wenn ich Buchhändlerin wäre, würde ich es natürlich in alle Rayons einordnen (lacht).  Nein, Spaß beiseite. Die Texte sind weder ganz der Prosa noch ganz der Lyrik zuzuordnen. Kürzlich habe ich es in zwei Buchhandlungen unter Schweizer Literatur gesehen. Das gefällt mir, weil da alle Genres Platz haben.


Das Buch:
„Kunst ist, sich an morgen zu erinnern“
von Claudia Vonmoos,
Kiener Verlag, 2025,
ISBN: 978-3-948442-57-6

Claudia Vonmoos ist in Chur (Schweiz) aufgewachsen und lebt heute in Riehen bei Basel. Sie konzertierte über Jahre als Pianistin und kreierte und leitete Projekte mit Kunstschaffenden verschiedener Disziplinen. „Hintergründiger Wortwitz und immense Sprachmusikalität machen jeden der Texte zur Entdeckung“, meint Barbara Schingnitz über ihr erstes Buch.


Das Interview ist zuerst in der „Bündner Woche“ erschienen.

Titelbild: Unsere Zeitung / erstellt mit genspark.ai

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