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Oktober im Land der Aufrechten

Ein Besuch beim Internationalen Panafrikanischen Festival in Burkina Faso gibt Einblicke in die Potenziale und Gefahren des gegenwärtigen Kampfes der Region gegen den Neokolonialismus.

Von Aitak Barani, Ouagadougou (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)

Im Oktober ist in „Ouaga“, wie Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou liebevoll genannt wird, viel los. „Qui es-tu, Octobre?“ – Wer bist du, Oktober? –, steht unter den Porträts von Thomas Sankara und Che Guevara auf T-Shirts und Plakaten. Im Oktober 1987 hatte Sankara eine kubanische Delegation empfangen, um gemeinsam des am 9. Oktober 1967 ermordeten Che zu gedenken. Nur eine Woche später, am 15. Oktober, wurde Sankara selbst – zusammen mit zwölf Gefährten – ermordet. Fast auf den Tag genau 35 Jahre später, am 14. Oktober 2022, wurde Ibrahim Traoré zum Übergangspräsidenten Burkina Fasos ernannt.

Im diesjährigen Oktober wurde die Erinnerung an Sankara, den Vater des modernen Burkina Faso, besonders hervorgehoben. Er führte nicht nur den Befreiungskampf an, sondern gab dem Land auch seinen heutigen Namen und formulierte den Text der Nationalhymne Ditanyè. Seit 1984 heißt das Land Burkina Faso – „Land der Aufrechten“. Zuvor trug es den kolonialen Namen Obervolta.

Internationale Delegationen waren diesen Oktober nach Ouaga geladen: zu einer offiziellen staatliche Veranstaltung mit Journalisten und Aktivisten aus verschiedenen Ländern sowie dem Aktivistentreffen von FIPAN (Féstival International Panafricain du Nguénco). Vom 2. bis 16. Oktober fanden außerdem täglich Filmvorführungen am Thomas-Sankara-Mémorial statt. Die Filme beleuchteten revolutionäre Erfahrungen aus aller Welt. Es ging dabei nicht nur um die Vergangenheit, erklärt uns Baro Kene, einer der Organisatoren, sondern um die Herausforderungen der Gegenwart – um den „revolutionären Prozess“, wie Aktivisten vor Ort den aktuellen Weg der Sahelstaaten Mali, Niger und Burkina Faso bezeichnen.

Die drei Länder bilden seit 2023 die Allianz der Sahelstaaten (AES), die mittlerweile zu einer Konföderation ausgebaut wurde. Sie soll Schritte zur ökonomischen und politischen Souveränität ermöglichen. Dazu zählt der Plan, sich vom CFA-Franc zu lösen – einer neokolonialen Währung, die von der französischen Zentralbank kontrolliert wird.

Ökonomische Unabhängigkeit: Eine Frage der Sicherheit

Doch weiterhin hat die Sicherheitslage oberste Priorität.

Ohne Stabilität lassen sich weder ökonomische noch soziale Maßnahmen umsetzen.

Im Mittelpunkt steht der Kampf gegen Terrorgruppen, die – ähnlich wie der IS – den Islam instrumentalisieren, um die mehrheitlich muslimische Bevölkerung aufzuhetzen. „Auch wenn sie hier und da junge Männer aus den Dörfern rekrutieren, haben sie keine wirkliche soziale Basis“, sagt Ismail, ein Kenner der islamischen Geschichte Westafrikas und derzeit als Übersetzer tätig. „Die wahhabitischen Strömungen haben hier nie wirklich Fuß gefasst; traditionell dominieren sufistische Prägungen.“ Einig sind sich viele zudem in der Einschätzung, dass Frankreich die Milizen mit Waffen und Geld versorgt.

Rund zwei Millionen Binnenflüchtlinge leben derzeit in Burkina Faso, viele können wegen zerstörter Dörfer nicht zurückkehren. Deren Versorgung zählt zu den größten Herausforderungen des Landes.

Auf einer Pressekonferenz Anfang Oktober wurde Capitaine Ibrahim Traoré gefragt, warum der Terrorismus nach drei Jahren noch nicht besiegt sei. Auch nach seiner eigenen Sicherheit erkundigten sich die Journalisten. Seine Antwort fiel nüchtern aus: Es gebe enorme materielle und technische Hindernisse, die die Armee ausbremsten. Auf seine eigene Sicherheit angesprochen, erklärte er, er vertraue vor allem auf das Volk.

Massenmobilisierung und revolutionäre Atmosphäre

Im Stadtbild Ouagas ist vom „revolutionären Prozess“ wenig zu sehen. Die Menschen sind mit dem täglichen Überleben beschäftigt.

Große Werbetafeln preisen Kredite von Banken und Versicherungen an; politische Plakate fehlen fast völlig. Nur vereinzelt finden sich revolutionäre Wandmalereien oder die Flaggen der AES-Staaten. Mancherorts hängt auch eine vom Staub der Stadt gefärbte Russlandfahne.

Auf die Frage nach ihrer Einschätzung der politischen Lage reagieren viele zurückhaltend. Die Begeisterung mancher weißer Ausländer für die Entwicklungen im Land – oder für Energy-Drinks mit Sankaras Namen – wirkt auf viele sichtbar irritierend. Aktivistengruppen arbeiten weitgehend in eigenen Strukturen. Ihre Veranstaltungen sind wenig besucht, und öffentliche Mobilisierungen finden kaum statt. Woran es liegt, dass der Staat keine stärkere Führungsrolle in der Massenarbeit übernimmt, bleibt unklar.

An Initiativen mangelt es dennoch nicht. Nachts stehen die Wayinyan – Bürgerwachen – im Stadtkern und sichern unter anderem die Residenz des Präsidenten. Die Initiative Faso Mêbo baut Straßen aus; der Boulevard Thomas Sankara, früher Blvd. Charles-de-Gaulle, wurde von ihr bereits weitgehend gepflastert. Auch Delegationen des FIPAN-Festivals packen mit an.

In einem kleinen Haus außerhalb des Zentrums arbeitet das Thomas-Sankara-Center. Die Aktivitäten werden von wenigen, aber engagierten Aktivisten getragen; die AAPRP (All African People’s Revolutionary Party) spielt dabei eine wichtige Rolle. Es gibt Bildungsprogramme, Filmvorführungen und eine Pioniergruppe von rund 30 Kindern, die an Sankaras ursprüngliche Pionierbewegung anknüpft. Ein großes Plakat im Hof zeigt Capitaine Traoré neben den jungen Pionieren. Die Nähe zwischen Initiativen und staatlichen Strukturen ist deutlich spürbar.

Das FIPAN-Festival wird offiziell von mehreren Ministerien unterstützt. Zur Eröffnung erscheinen Minister; rund siebzig Teilnehmende wohnen der offiziellen Gedenkfeier für Sankara bei, die mit militärischen Ehren und einer Rede des Premierministers Jean Emmanuel Ouédraogo begangen wird. Am folgenden Tag lädt Traoré selbst die Aktivisten der verschiedenen Konferenzen zu einer Audienz ein. Die Welt, sagt er, sei in zwei Lager geteilt: die Seite der Unterdrückten und die der Unterdrücker. Neutralität gebe es nicht. Afrika müsse seinen eigenen Weg zur Einheit finden. „Produzieren, transformieren, konsumieren“ – das sei das Ziel. Doch die Bourgeoisie habe ein Problem mit diesem Mentalitätswechsel; sie impfe der afrikanischen Jugend imperialistisches Denken ein.

Banken, Bier und Business

Diese Bourgeoisie zu kontrollieren, erfordert mehr als militärische Macht. Eine Gesellschaft, deren größte Beschäftigungsbasis die Landwirtschaft ist, aus der Umklammerung inländischer und ausländischer Kapitalinteressen zu lösen, verlangt umfassende Maßnahmen. Einige Schritte wurden bereits eingeleitet: So wurden Goldminen unter staatliche Kontrolle gestellt, wodurch Einnahmen entstehen, die etwa in Traktoren investiert werden. Große Infrastrukturprojekte bleiben dennoch schwierig, da sie enorme Investitionen erfordern.

Die Kooperation mit Russland und China wächst, doch reicht sie offenbar nicht aus, um sich aus der neokolonialen Abhängigkeit von IWF und Weltbank zu lösen.

Anfang des Jahres kursierten Falschmeldungen über eine vollständige Schuldenrückzahlung an den IWF – ein Beispiel dafür, wie Schönfärberei den revolutionären Prozess verklären soll, ohne die reale Lage zu verändern. Währenddessen gewinnt der „Feind“ Terrain zurück: Der Mobilfunkanbieter Orange, der zugleich als Bank fungiert, dominiert den Markt. Ohne die Bezahl-App Orange Money auszukommen, ist kaum möglich. Für Besucher bedeutet Bargeld Chaos, denn Wechselgeld fehlt überall; Burkinabè, wie die Einwohner Burkina Fasos genannt werden, zahlen digital – praktisch, aber vollständig von einem französischen Monopolisten kontrolliert. Auch inländische Banken und Versicherungen wie die Coris Bank greifen auf den wenigen Besitz der Menschen zu und locken mit Krediten für die Einschulung der Kinder.

Wer gute Bildung will, schickt seine Kinder auf Privatschulen – staatliche Schulen gelten als Einrichtungen für die Ärmsten. Kirchen und Moscheen betreiben ebenfalls Privatschulen. Eine Aktivistin berichtet, dass einige Privatschulen jüngst geschlossen worden seien; nun benötigen alle Privatschulen Genehmigungen. Bis der Staat genügend öffentliche Schulen aufgebaut hat, wird es dauern. Prioritäten müssen gesetzt werden. Eine FIPAN-Aktivistin sagt, der revolutionäre Prozess erfordere Geduld – wohl wahr. Unterdessen könnte jedoch bereits eine Generation im Geiste des „Feindes“ erzogen werden, während der Staat mit Sicherheitsfragen ringt. Der hybride Krieg zielt vor allem auf die Köpfe der Jugend.

Diese Jugend trifft man abends in Bars – in einem florierenden Sektor, der immerhin lokales Bier ausschenkt. Tagsüber dominiert der Kleinhandel die Stadt und nährt die Träume vom eigenen Business; nachts locken Bier und die digitale Welt, die aus den Handys leuchtet.

Zwischen Revolution, Moderne und Tradition

Kaum jemand versteht es so wie Francis Kéré, Burkina Fasos preisgekrönter Architekt, Vergangenheit und Gegenwart zu einer greifbaren Zukunft zu formen. Das neue Mausoleum für Sankara und seine Gefährten, von Kéré entworfen und dieses Jahr eröffnet, strahlt Selbstbewusstsein, Zuversicht und Souveränität aus. Auch kulturell ist Ouaga lebendig: Das berühmte panafrikanische Filmfestival FESPACO (Pan-African Film and Television Festival of Ouagadougou) zieht Filmschaffende aus ganz Afrika an.

Burkina Faso ist eine junge Gesellschaft voller Aspirationen und Talente. Ob sie für die kommenden Aufgaben mobilisiert werden kann, ist jedoch ungewiss.

Am Ende des ereignisreichen Oktobers blieb ein diffuses Gefühl der Unklarheit zurück. Die Debatten über Panafrikanismus, Industrialisierung oder die Rolle der Diaspora blieben weit hinter dem notwendigen Konkretisierungsgrad zurück. Die Suche nach afrikanischen Identitäten, Werten und Traditionen, die viele Aktivisten beschäftigt, scheint weit entfernt von den realen Problemen, vor denen das Land – und womöglich ein Großteil seiner Jugend – steht.


Aitak Barani beschäftigt sich mit Fragen des Antikolonialismus. Sie stammt aus dem Iran und lebt derzeit in Frankfurt am Main.


Titelbild: RobertoVi/Pixabay

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