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Kandahar: Schaltzentrale der Taliban

In den 1990er-Jahren wurde Kandahar zum Gründungsort der Taliban. Während des langen Krieges war die Stadt Schauplatz von Anschlägen und Kämpfen. Heute gilt sie als ideologisches Zentrum der Bewegung, von dem aus Taliban-Führer Haibatullah Achundsada das Land lenkt. Unser Autor hat die Machtzentrale im Süden Afghanistans besucht.

Von Jan Ritter, Kandahar (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft V/2025)

Kandahar ist mit über 500.000 Einwohnern die wichtigste Stadt im Süden Afghanistans und das kulturelle sowie politische Zentrum der Paschtunen – Afghanistans größter ethnischer Gruppe. Mit der Gründung der Taliban rund um Mullah Omar erlangte die Stadt internationale Bekanntheit und gilt bis heute als spirituelles Zentrum der Bewegung. Am paschtunischen Charakter hat sich seither kaum etwas geändert. Kandahar wird oft als De-facto-Hauptstadt bezeichnet, da der vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesuchte Taliban-Führer Haibatullah Achundsada von hier aus die Geschicke des Landes lenkt.

Ankunft in der Taliban-Hochburg

Märtyrerplatz im Zentrum der Stadt (Foto: Jan Ritter)

Meine Uhr zeigt kurz vor sieben, als der LKW, der mich die letzten 200 Kilometer zwischen Herat und Kandahar mitgenommen hat, den Arghandab-Fluss überquert und die Straße die letzten Kilometer kerzengerade ins Zentrum führt. Unweit des bekannten Märtyrerplatzes im Herzen der Stadt kommt der in die Jahre gekommene blaue Mercedes-Truck plötzlich zum Stehen. Ein provisorischer Schranken aus Holz versperrt uns die Weiterfahrt. Direkt daneben steht ein Container, auf dem die Fahne der Taliban im Morgenwind weht. Ein junger Taliban mit schwarzem, langem Bart und der für die Region typischen, kunstvoll bestickten Kopfbedeckung steckt seinen Kopf durch das Fenster und mustert uns kurz. Er wünscht uns einen guten Morgen und gibt uns mit einer raschen Handbewegung zu verstehen, dass wir weiterfahren können. Ganz in der Nähe des zentralen Platzes heben wir mein trotz holpriger Straße heil gebliebenes Fahrrad von der Ladefläche. Ich bedanke mich bei meinen Fahrern, und während ich mein Fahrrad fertig mache, verschwindet der blaue Truck im noch überschaubaren Morgenverkehr Kandahars. Wenige Fahrminuten später, nach einem ersten Eindruck von der Stadt, gelange ich durch ein tonnenschweres Metalltor in den Innenhof meines Hotels, in dem ich die nächsten Tage verbringen werde. Nach einer kurzen, aber intensiven Nacht auf der Straße bin ich froh, mich für den restlichen Tag im von hohen Mauern mit Stacheldraht umgebenen Betonbau ausruhen zu können.

Verschleierte Frau auf dem Basar (Foto: Jan Ritter)

Am nächsten Morgen bin ich voller Tatendrang und bereit, mich in den lebendigen und lauten Gassen der Stadt zu verlieren. Mein erster Weg führt über den Märtyrerplatz nach Norden. Auf einem kleinen Kreisverkehr werden schon am frühen Morgen Granatäpfel in jeder Form angeboten, für die Kandahar in Afghanistan Berühmtheit erlangte. Mein Blick wandert über die unzähligen Essensstände, die am Rand aufgebaut wurden und den vorbeifahrenden Autos das Durchkommen erschweren. Dazwischen patrouillieren Taliban in unauffälligen Uniformen – umso auffälliger sind ihre langen, dunklen Bärte. Einzig die Kalaschnikows in ihren Händen zeigen, dass sie hier offenbar für die Sicherheit verantwortlich sind. Schnell zieht meine Kamera die Aufmerksamkeit auf sich, und ich werde von einem Taliban mit tiefsitzenden, grauen Augenbrauen angehalten und über meine Absichten befragt. Wie so oft versuche ich, mich in meinem freundlichen Persisch zu erklären, was auch in diesem Fall wieder einwandfrei funktioniert – und zumeist erstaunte Blicke erntet. Nach einer kurzen Pass- und Visakontrolle kann ich meinen Erkundungsspaziergang fortsetzen, auch wenn es mir schwerfällt, mich aus der Menschenglocke, die sich in kürzester Zeit um mich gebildet hat, wieder herauszuwinden. Es dauert nicht lange, um mir bewusst zu werden, welchen Kontrast Kandahar zu Herat darstellt.

Der öffentliche Raum wird fast ausschließlich von Männern dominiert, Frauen sieht man nur selten, und falls doch, werden sie zumeist durch eine Burka vor den Blicken anderer abgeschirmt.

An allen Ecken sieht man schwer bewaffnetes Sicherheitspersonal, das den Bewohnern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln soll. Das Stadtbild dominieren niedrige Lehmbauten, flache Dächer und enge, staubige Gassen, die von offenen Abwasserkanälen begleitet werden. Über der Stadt schwebt eine Wolke aus Staub und Sand.

Mein erster Stopp für den heutigen Tag ist das Ministerium für Information und Kultur. Ableger dieses Ministeriums gibt es in jeder afghanischen Provinz, sie sind für den Tourismus zuständig. Hier registriert man sich, um Sehenswürdigkeiten und kulturelle Einrichtungen zu besichtigen. „Welcome to Afghanistan. Welcome to Kandahar“, werde ich in gebrochenem Englisch von einem jungen Taliban begrüßt, der hinter seinem dunkelbraunen Holztisch sitzt und eifrig einige Papiere stempelt. Im Raum stehen ein paar schwarze Ledersessel, an den Wänden hängen einige verstaubte Bilder Afghanistans, und vor mir auf dem Tisch liegt eine etwas verblichene, in die Jahre gekommene Broschüre, die einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt schmackhaft machen soll. Nach den obligatorischen 15 Minuten Smalltalk überreicht mir der Mitarbeiter meine Genehmigung und wünscht mir eine schöne Zeit in Kandahar.

Kinder auf einer Schaukel vor einer Schule (Foto: Jan Ritter)

Im Schatten des Gründers

Ahmad Shah Durrani-Mausoleum (Foto: Jan Ritter)

Mit meiner Genehmigung in der Hand mache ich mich auf den Weg zum Mausoleum von Ahmad Shah Durrani und zur angrenzenden Freitagsmoschee. Ein Taliban am Eingang weist mich in scharfem Ton darauf hin, keine Fotos von Frauen zu machen, danach darf ich eintreten. Der wunderschöne, achteckige Bau mit seiner grünen Kuppel erhebt sich in einer ruhigen Parkanlage und ist die letzte Ruhestätte des Begründers des modernen Afghanistans. Auf der Südseite vor einer schlichten Holztür entdecke ich eine Gruppe von Mädchen und Jungen, die von einem Geistlichen unterrichtet werden. Als sie mich erblicken, winken sie mir eifrig zu – das Strahlen in ihren Augen ist nicht zu übersehen. Für einen Moment setze ich mich zu ihnen und frage den Geistlichen, was er den Kindern beibringt. „Lesen und Schreiben“, antwortet er.

„Nach über 40 Jahren Krieg ist Bildung unerlässlich, um unser Land wieder aufzubauen.“

Geistlicher unterrichtet Kinder vor dem Durrani-Mausoleum (Foto: Jan Ritter)

Mich verwundert die Aussage des Geistlichen, ist doch Afghanistan das einzige Land der Welt, in dem Frauen nur rudimentäre Schulbildung gestattet wird und jeder Unterricht über die sechste Klasse hinaus verboten ist. Ich verabschiede mich und bin froh, dass es auch innerhalb der afghanischen Geistlichkeit Stimmen gibt, die Bildung für wichtig halten. Über den Innenhof der Freitagsmoschee, in dem Kinder gerade Fußball spielen, geht es für mich zurück in Richtung Hotel. Den Abend lasse ich gemeinsam mit der Belegschaft bei Kabuli Palau, dem afghanischen Nationalgericht, und bei einer Cricket-Übertragung im Fernsehen ausklingen.

Nach einer erholsamen Nacht will ich mich heute im Basar umschauen. In traditioneller afghanischer Kleidung und mit meiner Kamera ausgestattet, besuche ich das riesige Marktareal, das sich über große Teile östlich des Märtyrerplatzes erstreckt. In den staubigen, engen Gassen werden alle erdenklichen Waren angeboten. Händler besprühen ihr Gemüse immer wieder mit Wasser, Metzger präsentieren ihr Fleisch, der Geruch von frisch gebackenem Brot liegt in der Luft. Ein junger Paschtune lädt mich zum Tee ein. Ich betrete seinen kleinen Laden und mache es mir in der kleinen Sitzecke bequem. Während mir Abdul ein Glas Grüntee einschenkt, frage ich ihn, was sich seit der Machtübernahme der Taliban verändert habe. Abdul ist Mitte zwanzig, trägt einen dichten schwarzen Bart und lässt seine bernsteinfarbene Gebetskette durch die Finger gleiten. „Seitdem die Taliban ganz Afghanistan kontrollieren, ist es endlich wieder sicher in Kandahar. Wir können uns frei bewegen, und Anschläge gibt es nur noch ganz selten. Nach Jahrzehnten haben wir endlich Frieden“, antwortet er mir und nimmt einen Schluck von seinem Tee. Die positive Haltung gegenüber den Taliban überrascht hier wenig – der Basar gilt als das konservative Rückgrat der Gesellschaft.

Wie mir in vielen Gesprächen berichtet wird, hat sich das Sicherheitsgefühl seit der Machtübernahme der Taliban tatsächlich verbessert. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass in den Jahren zuvor oftmals eben jene Taliban für Anschläge und Terror verantwortlich waren.

Deutlich kritischere Stimmen hört man dagegen im neuen Teil der Stadt, wo die Einschränkungen der Taliban oft überwiegen und das gestiegene Sicherheitsempfinden für viele nur ein schwacher Trost ist.

Wir sind keine Opfer

Ausblick von Chil Zena über den östlichen Teil der Stadt (Foto: Jan Ritter)

Am Nachmittag verabrede ich mich mit Hania, einer jungen Paschtunin, die hervorragendes Englisch spricht und ihr Wissen an Mädchen im Grundschulalter weitergibt. Mit einer für die Stadt üblichen, blauen Rikscha fahren wir einige Kilometer in den Osten, um die historische Stätte Chil Zena zu besuchen. Über 40 in den Berg gehauene Stufen geht es hinauf zum Aussichtspunkt, von dem man einen beeindruckenden Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Felder hat. Während unser Blick über die niedrigen Lehmbauten der Randbezirke schweift, frage ich Hania, wie sie die Situation junger Frauen in Kandahar einschätzt. „Kandahar war stets konservativer als andere afghanische Städte. Wir mussten schon immer nach gewissen Regeln und Normen leben“, sagt sie. „Durch die Taliban ist es sicherer geworden, das große Problem ist aber das Verbot der weiterführenden Schulausbildung. Glücklicherweise konnte ich meine Schule kurz vor der Machtübernahme der Taliban abschließen. Mein großer Traum war es, Computer Science zu studieren – unter den aktuellen Umständen bleibt das wohl ein Traum.“ Ihre Stimme ist ruhig, doch der traurige Unterton ist unüberhörbar. Als die Sonne vom dichten Dunst verschluckt wird, steigen wir wieder ab und beobachten Kinder, die ihre selbstgebastelten Drachen geschickt durch die Luft sausen lassen. An der Hauptstraße verabschieden wir uns. In betont kämpferischem Ton sagt Hania zum Abschied:

Ich bin es leid, dass die Welt afghanische Frauen immer nur als Opfer sieht. Ich wünschte mir, dass mehr Menschen unsere mutige und selbstbewusste Seite wahrnehmen.“

Stadttor mit Taliban-Fahne (Foto: Jan Ritter)

Meinen letzten Abend lasse ich mit traditionellem afghanischen Eis ausklingen – ein kleines Ritual, das sich während meines Aufenthalts etabliert hat. Wenige Tage später wird das gesamte Internet in Afghanistan für 48 Stunden abgeschaltet. Äußerungen führender Taliban, künftig das gesamte WLAN im Land zu verbieten, wecken große Besorgnis in der Bevölkerung. Gerade für junge Frauen wäre das ein weiterer Schlag ins Gesicht, denn das Internet ist ihr Sprachrohr zur Welt und der letzte Ausweg, um sich wenigstens online weiterbilden zu können. Wir im Westen müssen mit einem gewissen Pragmatismus auf Afghanistan blicken. Die Taliban haben mittlerweile eine jahrzehntelange Geschichte und gehören heute zur Realität des Landes. Dennoch dürfen wir die jungen, motivierten Frauen nicht vergessen, die vom fundamentalistischen Gender-Apartheid-Regime bewusst ausgeschlossen werden. Mehr denn je benötigen sie Plattformen, die den Stimmen junger Afghaninnen international Gehör verschaffen.


Jan Ritter studierte Global Studies mit dem Schwerpunkt „Friedens- und Konfliktforschung im Nahen und Mittleren Osten“ an der Universität Graz.

Titelbild: Paschtunische Basarhändler in Kandahar (Foto: Jan Ritter)

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