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Renata Schmidtkunz: „Warum fürchten sich JournalistInnen?“

Am 4. November 2026 wurde die österreichische Journalistin Renata Schmidtkunz mit dem Ari-Rath-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet. Ihre bewegende Dankesrede macht deutlich, wie hochverdient diese Auszeichnung ist. Unsere Zeitung gratuliert und bedankt sich für die Möglichkeit der Veröffentlichung.

Dankesrede Ari-Rath-Preis von Renata Schmidtkunz

Zunächst möchte ich mich sehr herzlich bei den Damen und Herren der Jury dafür bedanken, dass sie mich für würdig befunden haben, mir den nach Ari Rath benannten Preis zu verleihen. Ich danke Gertraud Auer-Borea, Alexandra Föderl-Schmid, Fritz Hausjell und Oliver Rathkolb.

Und ich danke von ganzem Herzen Heide Schmidt, dass sie sich die Mühe angetan hat, eine Laudatio zu halten. Ich verehre sie seit 25 Jahren. Welch ein Glück, liebe Heide, dass Österreich für viele Jahre so eine großartige Politikerin hatte wie Dich!

Ich danke auch allen, die heute zu dieser Feier gekommen sind. Viele von ihnen haben mich in meiner Arbeit unterstützt. So z.B. meine anwesenden Kolleginnen Mag.a Sandra Knopp und Dr.in Ulrike Schmitzer von Ö1, Dr.in Christa Hofmann vom Weltjournal und Dr.in Katja Gasser aus der Fernseh-Kulturabteilung. Kritischer Journalismus geht nicht ohne Solidarität der Kolleginnen.

Sehr unterstützend war auch, dass die österreichischen Erwachsenenbildungs-Einrichtungen Sandra Knopp und mich zwei Mal mit dem Radiopreis für Sendungen ausgezeichnet haben, die im ORF und auch außerhalb sehr kritisiert wurden.

Damit will ich sagen: Preise helfen!

Ich freue mich über die Auszeichnung aus zwei Gründen:

Zum einen, weil ich mit Ari Rath viele Jahre befreundet war. Gertraud Auer-Borea, die heute leider nicht hier sein kann, hat uns 2006 zusammengebracht. Ich habe damals für 3sat einen Film über den aus Wien stammenden Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek gemacht. Und da Ari viele Jahre dessen linke und rechte Hand war, konnte er mir viel erzählen und helfen.  

Ari war es auch, der mich viel über die Geschichte des Zionismus und der Landnahme lehrte. Oft genug begleitet von sehr kritischen Kommentaren und Analysen, die mir halfen, die israelisch-palästinensische Situation auch aus der Geschichte heraus zu verstehen.

Das führte dazu, dass ich sehr schnell verstand, dass der Satz „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ nichts als Propaganda ist.

Je älter Ari wurde, desto kritischer wurde er der Politik seines Landes gegenüber. Mit ihm konnte ich über all meine wachsenden Bedenken zur israelischen Politik gegenüber den internationalen Institutionen und der palästinensischen Bevölkerung offen sprechen. Leider kann ich das aus zeitlichen Gründen nicht weiter ausführen.

Ich wollte nur klar machen, dass Ari kein Apologet, der sich vom Friedenspfad abwendenden israelischen Politik unter Ariel Sharon und Benjamin Netanjahu war.

Diese Haltung lebte er auch in seinen Freundschafts-Beziehungen. Einer seiner langjährigsten und besten Freunde war der palästinensische Wissenschaftler Salah, dessen Nachnamen ich leider vergessen habe. Mehr zur Biographie von Ari Rath finden Sie in dem Buch „Ari heißt Löwe“, das Ari Rath gemeinsam mit der Berliner Journalistin Stefanie Oswalt 2011/12 verfasst hat.

Zum anderen freue ich mich über die heutige Ehrung, weil sie – in beiden Fällen – eine Journalistin, einen Journalisten auszeichnet, der und dem man nachsagt, dass sie und er „kritischen Journalismus“ betrieben.

Und das in einer Zeit, in der der Begriff „kritischer Journalismus“ fast schon in Verruf geraten ist.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, was an meiner Arbeit so kritisch ist, dass ich dafür ausgezeichnet werde.

Immer wieder nachzufragen, ob Dinge wirklich so sind, wie sie einem oder einer dargestellt werden, war bis vor ein paar Jahren die Grundessenz – nicht nur meines journalistischen Denkens.

Aber seit dem Jahr 2020 mehren sich Sprech- und Schreibverbote für Journalistinnen und Journalisten. Oder vielleicht so formuliert: die Scheren im Kopf nehmen rasant zu.

Zunächst in Bezug auf Corona und die adäquaten Maßnahmen.

Wer zu viele Fragen stellte, wurde schnell als anti-wissenschaftlich, rechtsradikal oder Aluhut-Träger/in bezeichnet. Das habe ich selbst erlebt, als ich den Tropen-, Hygiene-, Reise- und Impfarzt Dr. Martin Haditsch in meiner Sendung „Im Gespräch“ zu Gast hatte.

Ich erspare Ihnen die prominenten und weniger prominenten Namen jener Kollegen und Vorgesetzten, die nach jener Sendung über mich hergefallen sind. Ohne journalistische Argumente, aber mit vielen unangenehmen Emotionen und unter völliger Ignoranz meiner jahrelangen journalistischen Expertise.

Dann brach zu allem Unglück der Ukraine-Krieg aus. Auch da interessierten mich auch andere Sichtweisen und Meinungen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass mir z.B. verboten wird, den katholischen Theologen Eugen Drewermann in meine Sendung „Im Gespräch“ (Ö1) einzuladen. Drewermann setzt sich für Frieden ein, was ihm den Titel „Putin-Freund“ einbrachte. Dass Journalistinnen in solche Propaganda-Fallen tappen, habe ich bis dahin für unmöglich gehalten.

Welcher Druck nach dem verhängnisvollen, bitterdramatischen und traurigen 7. Oktober 2023 auf Journalistinnen und Journalisten in vielen europäischen Ländern – allen voran aber in D und Ö – ausgeübt wurde, hat alles übertroffen, was ich in meinen fast 40 Jahren im ORF und im Journalismus insgesamt erlebt, gehört und gelesen habe.

Die ORF-Leitung gab dem Druck von außen in den meisten Fällen nach.

Von außen und innen wurden Drohungen gegen einzelne JournalistInnen ausgesprochen, wurden Sendungen entweder im Vorhinein verboten oder verändert. Klagen gegen einzelne Redaktionen des ORF wurden lanciert. Kompetenzen wurden den Wissenden von Vorgesetzten abgesprochen, und die Unwissenden wurden zu Experten erklärt.

Übrigens: In Gaza wurden seit Oktober 2023 etwa 270 Journalist:innen und Medienmitarbeiter:innen getötet. Das wiederholt sich nun im von Israel seit 1967 besetzten Westjordanland. Schweigen im europäischen journalistischen Wald.

Jene, die den vor den Augen der Welt stattfindenden Genozid in Gaza benennen, werden als gefährlichere Verbrecher eingestuft als jene, die den Genozid immer noch – während wir hier sprechen -begehen und zu verantworten haben.

Auch wenn im Moment noch keines der in Gaza verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wie z.B. die zu-Tode-Vergewaltigung des Kinderarztes Dr. Adnan al-Bursh – geahndet wird, werden sie – die Verbrechen – doch eines Tages geahndet werden, werden viele Menschen Verantwortung übernehmen müssen. Nicht nur in Israel, sondern auch in Ö und D, in den USA und in UK.

Wie aber, das habe ich mich oft gefragt, ist es möglich geworden, dass der kritische Journalismus, der Journalismus, der nachfragt, der recherchiert, der sich klug macht und der seine gesellschaftlich so wichtige Arbeit entlang der Linien der Menschenrechte, des Völkerrechtes und ganz allgemein des Humanismus macht, so unter Druck kam und kommt?

Und ich frage mich auch, was dazu geführt hat, dass der Journalismus auf der anderen Seite – z.B. beim Springer-Konzern der BILD-Zeitung – sogar bereit ist, Komplizenschaft einzugehen, Krieg zu verherrlichen, die Waffenindustrie zu loben und die Kriegstüchtigkeit zu propagandieren?

Wer hat die Macht, die zu Recht kritische UNO-Sonderberichterstatterin und einen seine Pflicht tuenden Präsidenten des Internationalen Gerichtshofes mit Sanktionen zu belegen?

Sanktionen, die die Betroffenen gesellschaftlich, ökonomisch, beruflich vernichten!

Wer hat die Macht, unsere Gesellschaften zu spalten und all jene, die widersprechen, mundtot zu machen?

Warum fürchten sich JournalistInnen? Woher kommt ihr fehlender Mut?

Das müssen die Fragen einer Journalistin und eines Journalisten sein. Und zwar in jedem Bereich unserer Gesellschaften.

Cui bono? Das ist die Frage aller Fragen.

Wer hat was davon??

Mich kritisch mit der Gesellschaft und der Welt, in der ich lebe, auseinanderzusetzen, ist für mich normal. Sich nicht kritisch den Ereignissen unserer Zeit zu stellen und nicht entsprechend den schon genannten ethischen Werten (Menschenrechte, Völkerrecht, 10 Gebote) zu denken, zu recherchieren und zu handeln, ist für mich das Abnorme.

Am Ende meines in bestimmten Kreisen sehr umstrittenen und von anderer Seite sehr gelobten Gespräches mit der UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese in der Sendung „Im Gespräch“ (Ö1) sagte sie:

„Haben Sie keine Angst, Ihre Stimme zu erheben. Verteidigen Sie den Verteidiger!“

Mit Verteidiger meint Albanese

den Verteidiger des Menschenrechtes,

die Verteidigerin des Völkerrechtes,

den Verteidiger des Respektes und

die Verteidigerin der „Zärtlichkeit der Völker“, wie Che Guevara es genannt hat.

Und diesen Satz möchte ich Ihnen allen heute mitgeben. Was immer noch kommen mag in den nächsten Jahren:

Haben Sie keine Angst, Ihre Stimme der Menschlichkeit und der Vernunft zu erheben!

Verteidigen Sie die Verteidigerinnen und Verteidiger des Guten!                

Ich danke Ihnen!


Titelbild: Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog/Verleihung des Ari-Rath-Preises für kritischen Journalismus (youtube/screenshot)

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