Gedanken über das Sankt-Florian-Prinzip

NIMBYVon Max Sternbauer

Die Wurzel des Wortes Ghetto ist die seiner Verwendung als Begriff für das jüdische Viertel in Venedig. In anderen Bereichen der Stadt war es Juden und Jüdinnen verboten zu leben. Die isländische Stadt Akureyri  wurde sogar in zwei Viertel geteilt. Eines für Handwerker, eines für die Kaufleute. Der Wunsch eines Teils der Bevölkerung sich von einem anderen Teil zu distanzieren gibt es schon lange.

Was macht man mit Menschen, die aus dem Mosaik der Leistungsgesellschaft gefallen sind? Dem Junkie im Park. Dem krakeelenden Besoffenen, der in der Einkaufstraße einen lauten Disput mit sich selbst führt.  In der U-Bahn schafft sich ein Prediger keine größere Anhängerschaft, wohl aber eine biblische Flut aus dem Waggon. Unbestreitbar soll diesen Menschen geholfen werden. Keine Partei würde soziale Verantwortung aus ihren Programmen streichen. Aber wenn es um die Finanzierung geht, dann kommen die Bauchschmerzen. Sicher schreit kaum jemand sofort hurra, wenn in seinem Viertel eine  soziale Einrichtung aufgesperrt  wird. Sei es für Obdachlose oder Drogenabhängige.

Im angelsächsischen  Raum wird für das Sankt-Florian-Prinzip auch das Akronym NIMBY (Not in my back yard) verwendet. Auf den Punkt gebracht sagt das auch schon alles. Schlicht formuliert, es besteht der Wunsch, dass etwas Unliebsames aus der näheren Umgebung verschwindet. Gutes Beispiel, ein Dorf soll eine Schnellstraße  erhalten. Sofort regen sich Fäuste und Protestschilder in die Luft. Auch wenn die Straße eine gute Idee wäre. Das zeigt das Ambivalente an diesem Phänomen.

Um ein Experiment zu wagen, wird nun an die Phantasie appelliert. In einer Nachbarschaft – wir reden hier von Gärten, kleinen Kindern und Einfamilienhäusern – soll eine Suchtberatungsstelle eröffnen. Wie zwei Puzzlesets wollen die Bilder nicht so richtig zusammenpassen. Das eine würde zusammengesetzt das Bild einer Mutter zeigen mit ihren Kindern auf der Schaukel. Das andere einen Menschen mit blauen Lippen, der seine Spritzen von einer Einrichtung holt.

Ist die Angst der Menschen unbegründet? Würden Sie sich Sorgen machen? Ja, genau Sie der oder die das gerade liest. Sie haben doch ein Fenster. Stellen Sie sich vor, es würde diese Nachbarschaft zeigen. Ein Nachbar klopft an. Er bittet Sie eine Petition gegen die Suchtberatungsstelle zu unterschreiben.  Andererseits ist es doch eine wichtige Sache, dass diese Menschen Hilfe finden können. Sind diese Vorwürfe nicht meistens Klischees? Süchtige sind automatisch Verbrecher. Ihr Nachbar sagt Ihnen bei einer Tasse Kaffee, dass er prinzipiell dafür sei, dass Süchtigen geholfen wird. Aber doch nicht in einem Wohngebiet. In urbanen Räumen kann das aber zu einem  Problem werden. Wenn man sich in einer Stadt umsieht, gibt es eine Menge Häuser, in denen Menschen leben. Ihr  Nachbar beugt sich zu Ihnen und fügt noch hinzu: Außerdem haben nicht wir Ihnen die Nadeln in den Arm gerammt.

Gehen wir mal gedanklich weg von den Drogen. Sagen wir, nicht unweit befindet sich ein Straßenstrich. Ihre Nachbarn sammeln jetzt Unterschriften gegen die Prostitution. Im roten Licht bekommt das Ganze eine heuchlerische Attitüde. Natürlich besuchen Ihre Nachbarn nicht diesen Strich, sondern gehen in andere Bordelle. Aber Männer, die das tun, haben oft auch Familien. Dem Selbstverständnis, mit dem Sex gekauft werden kann, steht der Drang die Puffs auf den Nordpol zu verbannen.

In  Wien fand man eine Lösung für den alten Straßenstrich an der Felberstraße, in dem man den Frauen einfach verbot, in Wohngebieten anschaffen zu gehen. Aber Bezirke dürfen sogenannte Erlaubniszonen einrichten, in Gewerbe- sowie Industriegebieten ist dies also noch möglich. Was dazu geführt hat, dass die Prostituierten nun in einem abgelegenen Areal in Wien-Floridsdorf und am Rand von Penzing ihrem Gewerbe nachgehen. In wie weit sich die Verlagerung innerhalb des Rotlichtgeschäftes weg von der Straße in den sogenannten „Indoor-Bereich“, also Laufhäuser, sicherer für die Prostituierten darstellt, ist eine andere Frage.

Auf Facebook findet sich eine Datei auf der Seite „Sobieski-Grätzel“, welche von den  Anhängern einer Protest-Organisation betrieben wird, die gegen ein Suchtberatungszentrum in Alsergrund demonstrieren. Diese Datei beinhaltet einen Brief, in dem Nachbarn der Suchtberatungsstelle „jedmayer“ ihre Ängste äußern. Im Brief werden Einbrüche erwähnt und dass Anrainer bedroht worden seien. Wenn man sich solche Konflikte ansieht, werden meistens die tiefen Gräben zwischen den Positionen deutlich. Die einen sind für, die anderen gegen Betreuungseinrichtungen. Oftmals  gibt es starke Protestorganisationen, die zwar grundsätzlich solche Anlaufstellen befürworten, diese allerdings nicht vor der eigenen Haustüre haben wollen. Wo sich ein Beratungszentrum befinden soll, das ist unklar. Und genau das ist das Ei des Columbus.

In der Nachbarschaft bahnte sich wegen dieser Initiative ein Diskussionsabend an. Geladen war neben dem Bezirksvertreter und dem Leiter der geplanten Einrichtung, eine Stadtplanerin. Es kam zu hitzigen Debatten, die Bewohner argumentierten lautstark, dass sie übergangen worden seien. Man hätte sie schon lange vorher informieren können. Dem Bezirksvorsteher gelingt es zu Wort zu kommen und stellt einen Kompromiss vor. Die Kapazitäten werden halbiert und auf zwei Standorte verteilt. Außerdem sollen mehr Sozialarbeiter eingestellt werden. Einige Bewohner sind aber immer noch dagegen. Eine ältere Frau meldet sich und erklärt, man könne das Problem doch nicht einfach wegschieben. Weil es sonst vor einer anderen Haustür ist. Es ist wie eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Bild: hallo040.nl

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