Der Nachbar, dem ich einst vertraute

ukraine_polenPolen gilt seit dem Maidan-Umsturz als einer der aktivsten Förderer der neuen ukrainischen Regierung. Dass aber eine historische Tragödie zwischen den Staaten immer wieder in den Hintergrund gestellt wird, ist kaum bekannt.

Von Dario Tabatabai

1943 – das gesamte polnische Staatsgebiet befand sich unter der Kontrolle der deutschen Wehrmacht. Und überall bildeten sich Widerstandsbewegungen, allen voran die polnische „Armia Krajowa“, die Polnische Heimatarmee. Sie operierte im ganzen Land verdeckt und organisierte diverse Aufstände, zum Beispiel auch den berühmten, jedoch auch verlustreichen Warschauer Aufstand. Auf diesen Kampf gegen den deutschen Faschismus ist die polnische Bevölkerung bis heute stolz.

Aber Polen war kein ethnisch homogener Staat. In manchen Gebieten bildeten andere Volksgruppen die Mehrheit – Litauer, Weißrussen, Deutsche, Juden und schließlich auch Ukrainer. Vor allem letztere fühlten sich von den polnischen Machthabern unterdrückt und träumten von einem ukrainischen Staat. Zum Teil stimmte das auch; sie profitierten zwar von den Aufteilungen des polnischen Großgrundbesitzes unter den Bauern, jedoch wurde die ukrainische Sprache an Schulen eingeschränkt und aufständische Bewegungen im Keim erstickt. In Wien wurde schließlich die OUN, die Organisation Ukrainischer Nationalisten, gegründet. Es folgten Sabotagen, Anschläge durch die OUN – und Vergeltungsangriffe und Verhaftungen durch polnische Behörden. Der Hass wurde geschürt…

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach sahen die ukrainischen Nationalisten den Polenfeldzug als ersten Schritt einer Befreiung durch die Deutschen. Es bildeten sich Bataillone aus Ukrainern, die gemeinsam mit der Wehrmacht gegen die Sowjetunion kämpften und sich an den Pogromen an Juden beteiligten. Für die Deutschen waren aber Ukrainer genauso Untermenschen wie andere Slawen. Als die Hoffnung auf einen ukrainischen Staat mit deutscher Unterstützung schwand, bildete sich ein Flügel der OUN unter dem Nationalisten Stepan Bandera zur UPA, der Ukrainischen Aufständischen Armee, die sowohl gegen deutsche, als auch sowjetische Truppen kämpfte. Langfristig jedoch stand das Hauptziel fest – ein homogener ukrainischer Staat sollte entstehen. Und damit begannen gezielte Angriffe auf die polnische Bevölkerung, welche am Land die Minderheit, in den Städten die Mehrheit bildeten.

ukraine_polen2Von da an gab es nächtliche Überfälle auf hunderte polnische Dörfer. Gnadenlos wurden die Bewohner auf brutalste Art und Weise ermordet, und das, obwohl Polen und Ukrainer immer friedlich nebeneinander lebten, sogar untereinander heirateten und Kinder hatten. Sie waren Nachbarn, Schwiegereltern und Ehepartner. Der blinde Hass und Fanatismus führte zu einem Blutbad. Selbst Kinder und schwangere Frauen wurden mit Äxten in Stücke gehackt oder auf Holzpfählen aufgespießt. Auch Ukrainer, die polnisch gesprochen hatten oder „polonisiert“ waren, wurden nicht verschont. Es sollte jeder Hinweis, der auf die polnische Bevölkerung hindeutete, vernichtet werden. Einige Historiker schätzen die Opferzahlen auf bis zu 300.000 und weitere 485.000 wurden zur Flucht gezwungen. Die Vergeltungsaktionen durch polnische Partisanen führten wiederum zu etwa 10.000 – 20.000 Opfern.

Bis heute belastet das sogenannte Wolhynien-Massaker, welches in Polen als „Wolhynisches Gemetzel“ und in der Ukraine als „Wolhynische Tragödie“ als dunkles Kapitel in die Geschichte einging, das Verhältnis der beiden Völker. Viele der geflüchteten Polen erinnern sich an die Schrecken der damaligen Zeit. Viele haben Angehörige und Freunde verloren. Das Misstrauen sitzt bis heute tief in den Menschen. Währenddessen wird vor allem in der Westukraine der „Kampf um die Befreiung“ gefeiert. Bandera und andere Nationalisten werden als Helden geehrt und man will nichts von den Massakern wissen. Vergreiste UPA-Angehörige verteidigen bis heute ihre Taten. Das war eben der Preis für eine „unabhängige“ Ukraine. In der Stadt Lwiw (damals polnisch, Lwow) entstand eine Hochburg des Nationalismus. Organisationen wie der „Rechte Sektor“ und die „Swoboda-Partei“ haben dort ihre Zentren. Die Bevölkerung ist, genau wie die dort ansässigen Parteien, mehrheitlich russophob, aber auch die polnische Geschichte der Stadt wird häufig geleugnet.

Trotz der traurigen Geschichte zwischen den beiden Völkern teilt man sehr viele Gemeinsamkeiten. Selbst die Sprache hat gewisse Ähnlichkeiten. Man sehnte sich nach einer Aussöhnung und Vergebung der schrecklichen Geschehnisse. 2003 fand zum 60. Jahrestag eine Gedenkfeier statt, zu der der damalige polnische Präsident Kwasniewski und sein ukrainischer Amtskollege Kutschma zur Aussöhnung aufriefen. Diese Entwicklung wurde bald jedoch zunichte gemacht, als Präsident Juschtschenko den beiden UPA Führern Bandera und Schuchewytsch posthum den Titel „Held der Ukraine“ verlieh. Nachdem Protest der polnischen Regierung und des EU-Parlaments wurden diese Ehrungen von Wiktor Janukowitsch zurückgenommen. 2013 traf der polnische Sejm einen Beschluss, welches die Gewalttaten als „ethnische Säuberung mit Merkmalen eines Völkermordes“ verurteilte. Dies wurde in der Ukraine kritisiert und relativiert.

steinmeier
(Zum Vergrößern klicken, Quelle: CNN)

Doch gerade heute, wo Ultra-Nationalisten in Kiew herrschen ist Polen still. Sie scheinen wohl einen Verbündeten im Kampf gegen das wiedererstarkende Russland gefunden zu haben. Doch ist es das wert? Ist hierbei „der Feind meines Feindes ein Freund“? Mit der offiziellen Ehrung von Völkermördern spuckt die Ukraine Polen buchstäblich ins Gesicht. Und das mit dem Segen der Europäischen Union. Genauer gesagt war es der deutsche Außenminister Steinmeier, der den Polen davon abriet die polnisch-ukrainischen Beziehungen zu belasten. In seinem Brief (rechts) an die polnische Ministerin für Kultur und polnisches Erbe erklärte er, dass die einheitliche Position der europäischen Mitgliedsstaaten im Ukraine-Konflikt wichtiger sei als die Aufarbeitung und Verurteilung des Massakers. Dafür sicherte er wirtschaftliche Unterstützung zu.

Die neue polnische Regierung, die von den Medien oft als „national-konservativ“ bezeichnet wird, hat ebenfalls wenig dagegen getan. Die Ukraine-Politik der Vorgängerregierung wird ähnlich fortgesetzt; vor allem StudentInnen und ArbeiterInnen aus der Ukraine werden nach Polen eingeladen und gefördert, Stiftungen, die den ukrainisch-polnischen Dialog fördern, werden finanziert und gesponsert. Dafür wird erneut der Flugzeugabsturz von 2010 bei Smolensk, bei dem Lech Kaczynski zusammen mit seiner Frau und ranghohen Regierungsmitgliedern verunglückten, aufgerollt und untersucht, um doch noch Beweise für einen russischen Anschlag finden zu können. Dabei müsste man von einer nationalistischen Regierung einen Gegenkurs erwarten, welcher schließlich die Beziehungen zur Ukraine kappen sollte. Ultra-Nationalisten in Polen, allen voran die ONR (Nationalradikales Lager) und der Europaparlament Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke fordern den Einmarsch polnischer Truppen in der Westukraine und die Rückeroberung der ehemals polnischen Kulturstadt Lemberg (Lwow). Darüber hinaus wird ein Verbot aller kommunistischer Parteien und Organisationen verlangt; andererseits sprechen sich die ONR und Korwin-Mikke für eine Allianz mit dem kapitalistischen Russland aus.

ukraine_polen1Diese Ansichten scheinen dennoch die Minderheit zu bilden. Während die Warschauer ein europäisches Polen wünschen, wird der nationalstaatliche Kurs der Regierung vom Großteil der übrigen Bevölkerung unterstützt. Die breite polnische Öffentlichkeit, vor allem die Landbevölkerung, tendiert sogar zu einem hegemonialen Polen, welches den Einfluss auf die Visegard-Staaten Tschechien, Slowakei und Ungarn festigen will. Und das scheint auch das Ziel der neuen polnischen Regierung zu sein. Die Ukraine sollte langfristig ebenfalls dieser Gruppe angehören. Ob sie sich auch in diese Richtung lenken lässt, ist eine andere Frage. Die ukrainische Bevölkerung, mit Ausnahme im Osten, träumt von einer EU-Mitgliedschaft und eine Abkehr von Russland. Objektiv gesehen wird es aber beim Traum bleiben. Trotz der Annäherung zwischen EU und Ukraine blieben große Veränderungen in der Wirtschaft und Politik aus. Man kann daher nicht von einer „Maidan-Revolution“ sprechen, denn bei einer Revolution verändern sich vor allem die Eigentumsverhältnisse. Stattdessen sind die Oligarchen immer reicher geworden, und die Armen immer mehr. Eine Tendenz, die bereits vor dem Maidan bestand. Neue Politiker – gleiches System.

Noch nie war allerdings der Kampf um Einfluss in der ehemaligen Sowjetrepublik so offensichtlich. Die Ukraine ist ein großes Land – und ebenso groß ist das Interesse mehrerer Staaten, dieses Gebiet unter Kontrolle zu bekommen – wirtschaftlich und militärisch. Momentan stagniert der Konflikt, und eine Lösung ist in den nächsten Jahren nicht zu erwarten.

Welche Rolle Polen dabei spielt ist schwer einzuschätzen. Mit der neuen Regierung in Warschau wird es zu Provokationen in Richtung Russland kommen. Ob die schützende Hand Polens über der Ukraine bleiben wird ist nicht sicher. Die NATO beginnt jedenfalls mit der Aufrüstung der Ostgrenze – vor allem der Raketenabwehrschirm wird in Russland als Bedrohung wahrgenommen. Ob berechtigt oder nicht lässt sich argumentieren. Aber mal ganz ehrlich: Versuche der Deeskalation sehen definitiv anders aus.


Dario Tabatabai
studiert an der Universität Graz Rechtswissenschaften und Geschichte. Die Beziehungen zwischen Polen und Ukraine beschäftigen den 23-Jährigen sehr, vor allem, da seine Mutter Polin und seine Freundin Ukrainerin ist. Sein Großvater mütterlicherseits musste vor den ukrainischen Gewalttaten in die polnische Stadt Thorn flüchten, welche im Norden des Landes liegt. Nach einem Aufenthalt von zwei Monaten in Warschau konnte er die politische Situation in Polen bestens beobachten. Auch besuchte er die Städte Lwiw, Kiew und Odessa; drei äußerst unterschiedliche Städte mit unterschiedlichen Ansichten zum Konflikt.

Fotos: Dario Tabatabai

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