Konrad-Kartoffeln-Kapital

Unfaire Abgaben, Missernten, weltliche wie geistliche Bevormundung: LandwirtInnen sind seit jeher Widrigkeiten ausgesetzt. Seit jeher wehren sie sich dagegen.

In der letzten Folge dieser Miniserie zu Demonstrationen war von den Freien in Limonta am Comer See die Rede. Wir blickten in die Schweiz, zum Rappenkrieg. Das Motiv bildeten als zu hoch empfundene Abgaben an Lehnsherren und Staat. Davor ging es um die Gottfriedensbewegung: Geistliche mobilisierten dabei ihre Gläubigen zu Protesten gegen Krieg und banden auch den Hochadel ein. Am Anfang der Serie zwangen die „Fischweiber“ den französischen Hof, nach Paris zurückzukehren. All diese Demonstrationen haben trotz der großen Zeitspannen, die sie mitunter trennen, doch eines gemeinsam: Sie wurden von Bäuerinnen und Bauern getragen.

 

Armer Konrad

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Herzog Ulrich von Württemberg, MalerIn unbekannt, gemeinfrei. Quelle: wikipedia.

1514 ist Herzog Ulrich von Württemberg pleite. Er will Krieg, hat die Staatskasse zuvor aber exzessiv geplündert. Anstatt das Geld für den Feldzug bei Vermögenden einzuheben, erhöht er Verbrauchssteuern und lässt die Maße ändern, sodass städtische wie ländliche Unterschichten und -klassen Einkommenseinbußen erleiden, weniger für ihr Geld erhalten. Am 2. Mai wirft dann angeblich ein Peter Gaiß aus Protest die neuen Gewichte in einen Fluss. Gaiß gilt, wie andere mit oft ähnlich klingendem Namen, als Führer des konspirativen Vereins Armer Konrad. Diesem gelingt es, in mehreren schwäbischen Städten Protestmärsche gegen die Obrigkeit zu organisieren.

Ulrich, der sich nicht allzu viele Söldner leisten kann, lässt sich auf Kompromisse mit den RebellInnen ein, um Zeit zu gewinnen. So verspricht er ihnen ein Anhörungsrecht. Unterdessen kommen den Aufständischen immer mehr MitstreiterInnen abhanden, wodurch es gelingt, den Armen Konrad ohne Gewalt zu zerstreuen. Ulrich siegt, hält sich aber nicht lange: 1524 bricht der Bauernkrieg aus, der auch auf Württemberg übergreift.

 

Sture Gälen

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Zwangsräumung in Irland während des Land War, 1880er oder 1890er. Quelle: Lawrence Collection – National Library of Ireland. Nach: wikipedia. FotografIn unbekannt, gemeinfrei.

Irland ist seit dem Mittelalter unter britischer Herrschaft. 1800 wurde nach einem Aufstand das lokale Parlament abgeschafft, die grüne Insel seither von London aus zentral regiert. Aufgrund einer wirtschaftsliberalen Politik überlässt man die Menschen in sozialen Fragen sich selbst; Weizen und Vieh wird nach England verschifft, den Einheimischen bleibt die Grundbirne. Leider ist diese anfällig für einen Pilz, der sich gerade in den 1840ern ausbreitet. Die Folge sind Missernten. Es kommt zur Großen Hungersnot, damit zu einem massiven Exodus.

Der Irische Landbund schart Bauern um sich und ruft 1870 den Landkrieg aus. Das ist eine Protestbewegung, welche für einen fairen Pachtzins und langfristige Verträge, für Handelslizenzen für die PächterInnen und gegen willkürliche Zwangsräumungen agitiert. Der Verwalter Charles Boycott etwa ärgert sich über die sturen Gälen und ihre Weigerung, seine Ernte einzufahren, seinen Zins zu zahlen. Weder wollen irische Eisenbahner seine Produkte transportieren noch irische Händler sie kaufen. Zahlreiche Landarbeiterstreiks und Demos finden statt. Nicht mal nordirische Streikbrecher helfen dagegen. Boycott gibt auf. Dies schafft das von seinem Namen abgekupferte Verb boykottieren. Der Landkrieg endet mit weitreichenden Reformen ab den 1890ern.

 

Schwarze Masken

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Quelle: Facebook-Auftritt der EZLN, FotografIn unbekannt.

Ein turbulentes, blutiges Jahrhundert vergeht, dann ist Neujahr 1994: Aus dem lakandonischen Urwald in Südmexiko strömen plötzlich dutzende, hunderte Männer und Frauen, mit Knüppeln und AK47-Gewehren bewaffnet. Wer keine schwarze Sturmhaube trägt, hat sich ein Tuch vor Mund und Nase geschnürt. Das ist keine Gang.

13 Prozent aller MexikanerInnen sind direkte Nachkommen der Azteken und anderer eingeborener Kulturen. Sie sind am stärksten von Rassismus und Armut betroffen und wollen sich 500 Jahre der Unterdrückung, des Völkermords nicht mehr gefallen lassen. Sie fordern Grund, ein Dach über dem Kopf, Selbstbestimmung, sie wollen Freiheit, Arbeit, Bildung, ihre Würde. Sie, Mitglieder der EZLN, wollen als vollwertige Menschen anerkannt werden. Der Jänner 1994 endet mit einem Waffenstillstand.

Wo Staatsmacht und von Konzernen engagierte Paramilitärs EZLN-Dörfer durchstreifen, stellen sich Menschenketten auf Äckern dagegen. Unerschrocken, aufrecht, immer maskiert. Sie fahren landesweite soziale Kampagnen. Und leisten bis heute Widerstand.

 

Kaputter Imbiss

Die Opposition zur Globalisierung ist Kern moderner bäuerlicher Proteste in der ganzen Welt. Der Kalte Krieg endete spektakulärer als der Landkrieg, doch die soziale Frage bleibt auch im globalisierten Kapitalismus mit seinen Agrarkonzernen ungelöst. Gemildert, sicher, aber nicht gelöst.

In Millau, Südfrankreich sollte 1999 eine McDonald’s-Filiale eröffnen. Ein Attac-Mitbegründer fuhr mit Bauern auf die Baustelle, wo sie mit ihren Traktoren den fast fertigen Imbiss demolierten. Die Polizei verhaftete einige von ihnen, der Attac-Aktivist kam vor Gericht und für drei Monate in Haft. Die Aktion richtete sich gegen Hormonfleisch bei McDonald’s. Sie ist damit eine Referenz für heutige französische TTIP-GegnerInnen.

 

Dieser Artikel ist der vorletzte Teil einer kleinen Serie. Lesen Sie hier die anderen Teile:

Teil 3: See-Schweiz-Salz zu Steuerboykotten.

Teil 2: Gott-Grüne-Georgsband zur Friedensbewegung.

Teil 1: Paris-Prater-Parlament zu Frauenrechten.

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