„Bierzelt-Rassismus“ am Popfest und kaum jemand sagt was

Laser_show_discoEin Erfahrungsbericht von Sonja Beier


Zugegeben ein emotionaler Text von mir. Ich bin keine große Freundin von Moralisierung und Instrumentalisierung einzelner Vorfälle, da ich nicht glaube, dass Rassismus und Sexismus ihren Ursprung in mangelnder Moral und mangelndem Mitgefühl, sondern gesellschaftliche und ökonomische Ursachen haben. Aber in ihrer Realität zeigen sie sich vulgär, asozial und strunzdumm wie es nur geht.

Endlich habe ich eine gute Freundin von mir, meine beste Freundin, meine Quasi-Schwester kann man sagen, nach langer Zeit wieder getroffen. Es war schon spät, nach Mitternacht. Wir trafen uns am „Popfest“ am Wiener Karlsplatz, nutzten die Gelegenheit um auf gute Freundschaft, lustige Erlebnisse und gemeinsames Einander-Inspirieren anzustoßen. Aufgrund der Urzeit wurde das kostenlose Fest in den Hof und das Gebäude der TU Wien verlagert. Es war bummvoll, dementsprechend eng und langwierig war es auch an der Bar.

Einiges ist man vom Fortgehen ja gewohnt, so war es wenig überraschend, dass die Hälfte der Getränke schon aus war, anzügliche Blicke und Sprüche sowieso. Doch der „Dialog“ der sich dann mit einem etwa 40-jährigen ereignete übertraf dann doch meine Erwartungen. Meine Freundin besorgte die Getränke, sie stand vor mir und daneben ein Typ mit einem Bacardi-Strohhut, eindeutig nicht stockbetrunken. Aufgrund der Lautstärke konnte ich zu Beginn nur Wortfetzen wahrnehmen: „Ah, eine Chinesin, kann man dich kaufen?“, „ Seids ihr auch solche Refugees Welcome?“. Ein paar mal hintereinander, immer das Gleiche, aus heiterem Himmel. Meine Freundin ist eine asiatische, aber nicht chinesische Schönheit und obendrein wirklich kontaktfreudig, aber sofort merkte ich, dass etwas nicht stimmte. So drängte ich mich weiter zu ihr nach vorne, neben den bevormundenden, sexistischen und rassistischen Mann. Wieder konnte ich sein Geraunze von „Flüchtlingen, Ausländern, refugees welcome“ hören, gekontert wurde von uns nach einem diplomatischen „Lassen Sie uns bitte in Ruhe!“ mit einem situationsgerechterem „Können Sie jetzt endlich mal die Goschen halten!“. Auch mit körperlicher Nähe zögerte der unerwünschte Nachbar an der Bar nicht, immer näher beugte er sich über, neben, zu mir, dann zu meiner Freundin, sie hatte kaum noch Platz um auf ihren Zehenspitzen zu stehen. Sein nationales Schubladendenken spitzte sich weiter zu, so wurde ich aufgrund meiner Haarfarbe zur „Was hast du hier überhaupt zu suchen“-Schottin, die doch erst einmal lernen sollte, wie studieren geht. Sein Hass und seine Verachtung gegenüber jungen StudentInnen war augenscheinlich, man fragt sich was so einer dann auf einem Fest mit hoher studentischer Teilnehmerzahl zu suchen hat. Geistige Gleichgesinnung fände er vermutlich eher bei einer blauen Bierzelt-Party, wo ein Haufen Überprivilegierter auf ihre erfolgreiche Kürzung von Sozialleistungen und ihren etablierten Nationalismus anstößt. Denn der Herr hat uns immerhin seine noble Visitenkarte angeboten, also ganz so schlecht dürfte es ihm finanziell nicht gehen.

Wie bereits angemerkt, war es sehr voll beim Popfest, es standen auf engstem Raum rundherum um uns mindestens zwanzig Menschen an der Bar. Haben andere das laute Wortgefecht mitbekommen? Einer ja, danke an den jungen Mann, der den aufdringlichen Kerl ebenfalls darum gebeten hat, die Klappe zu halten. Als „Psychopath, der die chinesische und die schottische Psychopathin verteidigt“ wurde er darauf vor den anderen wartenden Leuten bezeichnet. Sonst war es der Menge offenbar egal, dass ein aufdringlicher, sexistischer und plump-rassistischer Typ junge Frauen belästigt. Als er seine Getränke erhalten hat, zog er sich endlich aus der Warteschlange zurück.

Das Schlimme ist: mich wundert es nicht. Nach jahrelanger politischer Erfahrung musste ich schon oft schmerzhaft miterleben, dass so etwas wie Zivilcourage scheinbar aus den Köpfen zu vieler Menschen verschwunden ist. Getriggert wird dieses Phänomen meiner Meinung durch steigende soziale Spannungen, die sich allerdings (noch) nicht in sozialen Unruhen offen zeigen. Jeder lebt und agiert isoliert von seiner Umgebung.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Rassismus, Frauenverachtung und überhaupt diese ganze Spaltung nicht nur ein abstraktes Phänomen ist, sondern sich eben auch im alltäglichen Leben abspielt. Mir selbst passiert es selbst zu oft: Ich sehe Diskriminierung in Zeitungsberichten, Zahlen und Lohnunterschiede. Es ist auch ganz wichtig, dass man das Thema nicht immer nur aus einer gefühlsbetonten, individuellen Perspektive sieht und auch weiterhin sehe ich mein Kampffeld gegen solche Missstände in der Interessenvertretung anstelle von Moral-Apellen. Aber dennoch ist mein heutiger Gedanke beim zu Bett gehen: Diskriminierung am eigenen Leib, das fühlt sich grauslich an.

Foto: Laser Show Disco (Chmee2; Lizenz: CC BY-SA 3.0); Titelbild: Karlskirche Wien Popfest 2011 (Manfred Werner – Tsui; Lizenz: CC BY-SA 3.0

3 Kommentare

  1. die rechtsextreme drecksbagage wird immer frecher; es wird zeit, sie in die schranken zu weisen. ab in den häfn mit diesen wiederwärtigen idioten.

  2. danke, sonja beier, für diesen wichtigen text zu einer immer wieder aktuellen situation.

    mir fällt zu dieser begebenheit gerade sehr viel ein – oft genug habe ich in ähnlichen situationen fassungslos auf ein zeichen der (wenigstens) mit-betroffenheit oder „sogar“ auf beherztes einschreiten meiner mitbeobachter_innen gewartet.

    ich finde das „emotionale“ des textes vollkommen gerechtfertigt und hoffe, er bringt viele von uns zum nachdenken.
    auf dass wir schon bei der nächsten gelegenheit mehr an der zahl sind, die derartig menschenverachtenden stunkmachern entschieden die stirn bieten.
    es kann nicht oft genug gesagt werden und wenn das jemand degradierend als missionieren missverstehen will…so what?

    dass sich bei einer eher alternativen veranstaltung niemand einmischt, ist leider auch meine erfahrung.
    im zweifel kann ja ein „papp’n halten“ beigesteuert werden, das wäre ein anfang. zivilcourage ist lernbar, sie ist jedes mal eine herausforderung und sicher keine komfortzone.

    mit etwas übung ist die frage bald nicht mehr „ob“ sondern „wie“ wir uns wehren, auch für andere und mit anderen.

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