Der Teufelskreis von Fast Fashion

sweatshopAm Beispiel des Modekonzerns ZaraVon Max Aurel

Begriffe wie „Fast Fashion“ oder „Sweatshops“ tauchen immer wieder in politischen Debatten auf. Fast Fashion beschreibt dabei eine Art Produktions- und Verkaufstaktik von Modeunternehmen wie Zara, H&M, GAP oder Primark. Das Ziel ist, modische Kleidungsstücke so preiswert wie möglich anzubieten, und gleichzeitig immer neue Auswahl für die Kunden in den Geschäften bereitzustellen. Der Begriff der Fast Fashion ist unmittelbar mit dem Begriff der Sweatshops assoziiert, letztere beschreiben Fabrik- und Produktionseinrichtungen in Schwellen- und Entwicklungsländern, die viele bauliche, ökologische und arbeitsrechtliche Regulierungen umgehen.

Wie können diese Firmen finanziell überleben?

Wirft man einen Blick auf die Website von Zara und schaut man sich die Angebote an Kleidung an, fällt einem auf, dass es viele Kleidungsstücke gibt, die immens preiswert sind. So habe ich dort beispielsweise ein T-Shirt für 4,95 Euro und eine Hose für 19,95 Euro gefunden, auch ein Kleid für 12,95 Euro. Wenn man sich einen 5-Euro Schein nimmt und ihn sich auf den Körper klebt, hat man ein teureres Outfit als mit dem T-Shirt. „Fast Fashion“ steht allerdings nicht nur für sehr preiswerte Kleidung, sondern im wahrsten Sinne des Wortes für „fast“. So ist es beispielsweise Zara’s Geschäftsmodell, neueste Kleidungsstücke innerhalb von drei Wochen in die Geschäfte zu bringen. Vom Reißbrett bis zum Endkonsumenten, das ist eine unfassbar kurze Zeit.

Durch diese enorm niedrigen Preise kann schnell der Eindruck entstehen, dass Zara Probleme damit haben könnte, überhaupt in die Gewinnzone zu kommen. Mitnichten. Der Dachkonzern von Zara, Inditex, steht im Global Fortune 500-Ranking auf Platz 463. Das klingt jetzt nicht überzeugend, doch muss man bedenken, dass in dieser Liste nur die umsatzstärksten Unternehmen der Welt vertreten sind. Inditex ist also das 463-umsatzstärkste Unternehmen der ganzen Welt mit einem Umsatz von 23,053 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2015 hat Inditex 3,171 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Es stellt sich also die Frage: Wie können Firmen profitabel sein, die so billige Ware verkaufen? Die Antwort ist simpel: Durch Masse. Auch wenn es nur kleine Gewinnspannen sind, durch die großen Mengen an verkauften Kleidungsstücken wird Zara enorm profitabel. Doch damit solche Gewinnspannen überhaupt möglich sind, müssen die Kosten reduziert werden.

Sweatshops überall auf der Welt

Und diese Kosten werden vor allem dadurch reduziert, dass Zara die Kleidung billig produzieren lässt. Sehr billig. Dazu werden ihre Produktionsstätten „outgesourced“, eine Unternehmenstaktik, die ich schon einmal in einem Beitrag erklärt habe. Zara lässt seine Waren überall auf der Welt produzieren. In Brasilien, in Argentinien und in Bangladesch. Erstmal ist nichts Schlechtes daran, wenn Firmen ins Ausland gehen und dort billig produzieren lassen. Wie schon erwähnt, geschieht dies meist aus Kostengründen. Nun muss man sich aber überlegen, wieso es so viel preiswerter ist in Brasilien oder Bangladesch zu produzieren. Und nein, niedrige Lohnniveaus sind nicht der einzige Grund.

Der Hauptfaktor, warum das Produzieren in diesen Ländern so preiswert ist, dürften lasche Regulierungen und Kontrollen sein. In Europa herrschen relativ strenge Umweltstandards und ArbeitnehmerInnen genießen nach wie vor Rechte, die sie in einigen Teilen der Welt nicht haben (bspw. bezahlte Karenz oder die Gründung von und die Mitgliedschaft in Gewerkschaften). Doch was der entscheidende Punkt ist: in Europa werden diese Standards auch mehr oder weniger kontrolliert. In Bangladesch gibt es ebenfalls umfangreiche Bauschutzmaßnahmen, doch die Fabrikbesitzer halten sich einfach nicht dran. So fehlen in den Fabriken Notausgänge und Feuerlöscher.

Katastrophen und Tragödien

Regelmäßig kommt es in solchen Sweatshops zu Bränden oder Gebäudeeinstürzen. Die bekannteste dieser Tragödien dürfte der Einsturz des Rana Plaza Gebäudes sein, bei dem mehr als 1.100 Menschen ihr Leben verloren haben und mehr als 2.400 verletzt wurden. Obwohl lokale Behörden das Betreten des Gebäudes am Tag des Einsturzes untersagt haben, befanden sich mehr als 3.000 Menschen in der Fabrik, der Großteil davon Textilarbeiterinnen. Die Produzenten haben immer nur sehr wenig Zeit, die Bestellungen der Textilunternehmen zu erfüllen, deshalb stehen sie unter permanentem Druck die Fristen einzuhalten. Das ist der wahrscheinlichste Grund, warum die Produzenten die Textilarbeiterinnen trotz einer Untersagung der lokalen Behörden in das Gebäude ließen. Marken, die im Rana Plaza herstellen ließen, waren unter anderem Primark, Mango, Benetton oder Accessorize.

Zara (oder Inditex) ließen nicht im Rana Plaza herstellen. Doch auch in ihren Fabriken kam es schon zu Todesfällen und Unfällen. 110 Menschen starben bei einem Brand im Jahr 2013. Und es sind nicht nur Bauschutzmaßnahmen, die von den Produzenten umgangen werden. So wurde Zara bereits mehrmals kritisiert, dass in seinen Fabriken in Brasilien und Argentinien sklavenähnliche Zustände herrschen. In der Produktionsstätte in Argentinien sollen unter anderem illegale ImmigrantInnen beschäftigt worden sein, zu Hungerlöhnen, mit 100 Stunden Arbeitswoche und keiner eigenen Wohnung. Sie mussten in der Fabrik, in der sie tagsüber arbeiteten, nächtigen. Den ArbeiterInnen war es außerdem nicht erlaubt, die Fabrik ohne Einverständnis des Besitzers zu verlassen.

Armut und Ausbeutung auf der einen Seite, Reichtum auf der anderen

Diese Beispiele sollen zeigen, wer den Preis für unsere billige Kleidung zahlt. Es sind vor allem die ArbeiterInnen in den Entwicklungsländern, die dafür Hungerlöhne und miserabelste Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, oft unter akuter Lebensgefahr. Doch wer gedacht hat, Zara und Co. beuten nur die „Dritte Welt“ aus, der täuscht sich. Denn die Industriestaaten werden auch massiv von diesen Unternehmen „verarscht“. So ist die Mutterfirma Inditex ins Visier der Steuerbehörden gekommen, nachdem bekannt wurde, dass sie Gewinne in die Niederlande und die Schweiz transferiere. In diesen beiden Ländern fallen laut Inditex 20 Prozent der Gewinne an, allerdings arbeiten dort nur 0,1 Prozent der Belegschaft. Insgesamt sollen rund 2 Milliarden US-Dollar in diese beiden Länder umgeschichtet worden sein. Außerdem ist der Gründer von Inditex, Amancio Ortega, der zweitreichste Mensch der Welt. Sein Netto-Vermögen soll bei rund 77,8 Milliarden Dollar liegen. Sein Vermögen ist in etwa so groß wie das Bruttoinlandsprodukt von Kroatien, einem EU-Mitglied, in dem mehr als 4 Millionen Menschen leben. Ortegas ArbeiterInnen in Bangladesch bekommen übrigens den dort üblichen monatlichen Mindestlohn von rund 80 US-Dollar.

Es ist mir übrigens kein Anliegen, die Firmen Zara oder Inditex besonders schlecht dastehen zu lassen. Beinahe alle anderen Konkurrenten wie H&M, Gap, Abercrombie&Fitch oder Primark lassen ebenfalls in Dritte-Welt-Ländern produzieren und zahlen ihre Steuern nicht in der Höhe, in der sie eigentlich sollten. Bei Zara ist die Mischung aus Armut und Ausbeutung auf der einen und unfassbarem Reichtum auf der anderen Seite allerdings besonders eklatant. Zara steht eigentlich für alles, was Globalisierung mit sich gebracht hat: Steuervermeidung, Ausbeutung der ArbeiterInnen in ärmeren Staaten und ungewöhnlich große Vermögenskonzentration.

Gibt es keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Wie bei fast allen globalen Problemen heutzutage gibt es keine einfache Lösung der Probleme. Ein Einkaufs-Boykott ist schwer, nicht durchführbar und letztlich sind die Angestellten der Geschäfte die Deppen, denn sie müssen die Suppe ausbaden wenn es wieder zu „Rationalisierungsmaßnahmen und Stellenkürzungen zur Kostenreduktion“ kommt. Aber jeder von uns sollte sich überlegen, ob er durch seine Nachfrage dieses Geschäftsmodell unterstützen will. „Zahl ich vielleicht lieber fünf Euro mehr für mein T-Shirt, weiß aber, dass es in Europa produziert wurde, von einem mittelständischen Unternehmen, welches ordnungsgemäß seine Steuern zahlt?“ Meines Erachtens wäre das sinnvoll.

Aber oft ist es schwierig herauszufinden, wo unter welchen Bedingungen die Kleidung hergestellt wurde. Da kommt die Politik ins Spiel. Wie bei Lebensmitteln sollte es eine eindeutige Kennzeichnungspflicht für Kleidungsstücke geben. Allein das „Made in Bangladesh“ reicht nicht aus. Findest du allerdings ein solches Schild in deinem T-Shirt, kannst du fast schon sicher sein, dass es aus einem der Sweatshops kommt. Wie schon gesagt, niemand geht nach Bangladesch um dort mit dem Know-How der Einheimischen hochinnovative Produkte zu entwickeln.

Ihre Verantwortung für menschenwürdige Arbeitsbedingungen haben auch die Unternehmen zu tragen. Und dazu gehören mehr als nur Lippenbekenntnisse, nämlich, dass man die Produzenten in den einzelnen Ländern genauer überprüft. Die Zauberwörter heißen „Corporate Social Responsibility for Supply Chain Management“. Hinter diesem betriebswirtschaftlichem Fachjargon steckt eigentlich ein relativ simples Konzept. „Corporate Social Responsibility“ (CSR) beschreibt, dass Unternehmen eine soziale Verantwortung für ihre Handlungen haben. So ist es nicht im Sinne der CSR, seinen ArbeiterInnen Löhne zu zahlen, von denen diese nicht leben können. Im Rahmen des „Supply Chain Management“ bedeutet das, dass diese soziale Verantwortung nicht nur für das eigene Unternehmen gilt, sondern auch für Produzenten und andere Mitglieder der Lieferkette. Zara wäre beispielsweise auch für die Einhaltung der Standards in Bangladesch verantwortlich, obwohl die Fabriken dort formal nicht Zara gehören sondern einheimischen Produzenten die von Zara beauftragt werden.

Doch das werden sie nur machen, wenn es gesellschaftlichen Druck gibt oder die KonsumentInnen sich entscheiden, diese Praktiken nicht weiter zu unterstützen. Und auch die Politik wird erst handeln, wenn ihren Wählerinnen und Wählern das Thema offensichtlich wichtig ist. Es liegt also in unserer Hand.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf maxaurel.wordpress.com

Foto: sweatshops across the world (marissaorton; Lizenz: CC BY-SA 2.0); Titelbild: Thousands of workers and their unions rallied across Bangladesh April 24, the one-year anniversary of the Rana Plaza collapse that killed more than 1,100 garment workers. (Solidarity Center; Lizenz: CC BY-ND 2.0)

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