Großartige Frauen und ein großer Politik-Schwindel

Zusammenfassung und Filmkritik zu „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ Von Sonja Beier

Die zweistündige Filmbiographie „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ von Theodore Melfi basiert auf einer echten Begebenheit und handelt von drei Afro-Amerikanerinnen, die in den 1960er-Jahren als Mathematikerinnen bei der NASA tätig waren. Der historische Rahmen ist durch das Kopf an Kopf Rennen zwischen den beiden Großmächten USA und Sowjetunion bestimmt, besser bekannt als „Der Kalte Krieg“. Besonders in Wissenschaft, Forschung und Technologie wurde gewetteifert, nicht zuletzt aus militärischen Gründen. Darum gingen die 60er Jahre besonders in die Geschichte der Raumfahrt ein, da damals bahnbrechende Erfolge aufgezeichnet wurden. Darüber hinaus spielt die in den USA vorherrschende Segregation, also Rassentrennung, eine besondere Rolle im Film. Alle öffentlichen Einrichtungen, angefangen von Schulen, Toiletten, Bussen, Bibliotheken bis hin zu Kaffeekannen am Arbeitsplatz waren strikt getrennt in weiß und schwarz, wobei alles für Afro-AmerikanerInnen schlechter oder benachteiligt war. Auch herrschten damals noch viel klarere patriachale Verhältnisse, was das Leben von wissbegierigen Frauen nicht einfacher machte.

 

Die Handlung

Katherine Johnson im Jahr 1966

Die drei überaus intelligenten Protagonistinnen Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson (alle nicht-fiktive Charaktere) werden so wie viele andere Frauen im sogenannten West Area Computing Unit am Langley Research Center als „Rechnerinnen“ eingesetzt, um Ingenieure bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Mit Strom betriebene Computer gibt es zu der Zeit noch nicht – beziehungsweise steckt diese Technologie gerade erst in ihren allerersten Kinderschuhen. Natürlich gibt es separate Bereich für Schwarze. Für Gewöhnlich bekommen die drei Rechnerinnen nur kurze Aufträge, doch das soll sich bald ändern: Katherine, die schon in der Schule überdurchschnittlich in Mathematik begabt war, bekommt eine feste Anstellung in der NASA Space Task Group und Mary, in der das Herz einer talentierten Ingenieurin schlägt, soll ebenfalls länger als Rechnerin beschäftigt werden. Dorothy hingegen muss sich mit einer eitlen weißen Kollegin herumschlagen, die sie einfach nicht zu einer Supervisorin befördern will. Diskriminierung bekommen alle drei zu spüren, auch Katherine, die für jeden Toilettengang über einen halben Kilometer hetzen muss.

Die drei Wissenschaftlerinnen gehen getrennte Wege, treffen sich aber immer gemeinsam in der Früh für die Hinfahrt und am Abend für die Heimfahrt, die sie in einem flotten hell-türkisen Auto erledigen.

Alle drei haben schon eigene Kinder, wobei Katherines Mann verstorben ist. Am Sonntag gehen sie gemeinsam mit ihren Familien in die Kirche, können erstaunlich gut die Gedanken an ihre Arbeit ausblenden, lachen, flirten und genießen.

Im Laufe der Zeit spitzen sich die Situationen zu. Mary geht vor Gericht, weil sie ein Ingenieursstudium absolvieren möchte, dafür aber die Kurse einer Hochschule für Weiße braucht. Dorothy bekommt Wind vom Bau des IBM-Großrechners am Institut, welches die gesamte Abteilung der Rechnerinnen arbeitslos machen wird. Sie besorgt sich daher heimlich ein Buch über eine Programmiersprache und lernt ihren Kolleginnen, Lochkarten herzustellen um den Großrechner zu bedienen. Katherine steht gemeinsam mit der Space Task Group unter Zeitdruck. Im April 1961 ist es der Sowjetunion gelungen, den Astronauten Juri Gagarin im Orbit um die Erde kreisen zu lassen und ihn sicher wieder zurückzuholen. In den USA hingegen gibt es bei allen Prototypen der Raketen Defekte, sodass diese irgendwann in Flammen aufgehen. Eine bemannte Mission ist daher nie zu Stande gekommen. Es herrscht also großer Leistungsdruck für alle Beteiligten, egal ob Ingenieure oder eben RechnerInnen. Der Leiter nennt als Grund für den Erfolg der Sowjetunion, dass sich die WissenschaftlerInnen „mehr reingehaut haben“. Ab sofort stehen massiv Überstunden auf der Tagesordnung – unbezahlt wohlgemerkt, da die US-amerikanische Regierung mit Bezahlung recht knausrig ist, was bei der Sowjetunion vermutlich nicht der Fall war.

John Glenn hebt mit der Mercury-Atlas 6 in seinem Raumschiff Friendship 7 vom Boden ab

Nichtsdestotrotz gelingt es den USA in einem Monat die Bahnen richtig zu berechnen und den ersten Mann, Alan Shepard ins All zu befördern. Getragen von der Erfolgswelle gelingt es dem NASA-Team nicht mal ein Jahr später in der Mission „Friendship 7“ John Glenn in einer Umlaufbahn ein paar Mal um die Erde zu kreisen. Bis auf ein paar kleinere Schwierigkeiten ist diese Mission erfolgreich. Die meisten Rechnungen werden diesmal schon mit dem IBM-Großrechner unter Dorothys Leistung und jener ihrer etwa dreißig ehemaligen Rechnerinnen ausgeführt und Katherine, die inzwischen wieder neu verheiratet ist, drohte daher, überflüssig zu werden. Doch der Leiter der Projekte hält sehr viel von Katherine und ihren Fähigkeiten und behält sie für die nächste Mission, nämlich der ersten Mondlandung, im Team. Mary hat inzwischen ihr Studium als erste Afroamerikanerin an einer Hochschule für Weiße abgeschlossen und alles in allem hat der Film ein sehr episches Ende.

Kritik

Wäre einzig und alleine der Plot und die Spannung des Filmes zu bewerten, wundert es kaum, dass er für den Oscar in drei Kategorien nominiert wurde. Auch die drei Hauptdarstellerinnen verkörpern ohne Zweifel emanzipierte, fortschrittliche Frauen. Es sind die Details, die kritischeren Menschen sauer aufstoßen.

Da wäre einmal die antikommunistische Propaganda. Natürlich gab es sie wirklich, natürlich herrschte in der Bevölkerung die große Angst, Opfer eines atomaren Kriegs zu werden. Doch gipfelte die Verunglimpfung der Sowjetunion und allem Realsozialismus bei einem Originalausschnitt einer Rede von Präsident Kennedy, bei der er verlautbart, das Weltall muss den feindlichen Eroberern wieder genommen werden und dem Land für Friede und Freiheit unterliegen. Mit dem „Land für Friede und Freiheit“ war die USA gemeint, was gerade bei John F. Kennedy nicht frei von Zynismus ist. So trägt die Eskalation des Vietnamkriegs, die Einmischung in Südamerika durch die CIA und die Bekämpfung des sozialen Fortschritts auf Kuba seine Handschrift.

Man muss außerdem kein großer Freund der Sowjetunion sein, um anerkennen zu müssen, dass die Emanzipation der Frau genauso wie die Raumfahrt schon vorangeschritten war. Bestes Beispiel: Die erste weibliche Ministerin der Welt: Alexandra Kollontai.

Weiters fallen die frühen 60er Jahre auch mit den massiven Protesten von Afro-AmerikanerInnen gegen die Rassentrennung zusammen. Diese werden in „Hidden Figures“ recht fragwürdig dargestellt, nämlich als semi-kriminelle Aktionen junger schwarzer Männer, die meinen, mit Anstand alleine bekommt man keine Gleichberechtigung. Obwohl Mary Jacksons Ehemann ebenfalls die Proteste unterstützt, lehnen die drei Protagonistinnen den Weg des öffentlichen Widerstands ab und verlassen sich auf ihren Charme und ihre Intelligenz, um ans Ziel zu gelangen. Historisch gesehen kann man das allerdings als unrichtig bezeichnen, so hat es nie merkliche Verbesserungen für Unterdrückte gegeben, wenn diese nicht ungehorsam waren und auch Regeln und Gesetze gebrochen haben. Mit mangelndem Anstand hat das nichts zu tun. Gesetze sind in vielen Fällen alles andere als gerecht, sie dienen der Intakthaltung des vorherrschendem Systems, so würde jetzt kaum wer behaupten, das BürgerInnen-Wahlrecht sei nicht zu akzeptieren, weil es durch „unanständige“ Mittel wie Massendemonstrationen erkämpft wurde.

Alles in Allem ist der Film dennoch sehenswert und hochaktuell, zumal der Rassismus und die staatliche Gewalt gegen Afro-AmerikanerInnen sowie die Diskriminierung von Frauen zurzeit sein Revival erlebt. Auch ist die mangelnde Präsenz und Bekanntheit weiblicher (Natur-)Wissenschaftlerin bis heute ein Problem, welches sich nur schleppend verbessert.

Alle Fotos gemeinfrei; Titelbild: screenshot (Trailer, youtube.com)

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