Die Dämonen im Kopf verschwinden nie

Oliver Suchanek über Depressionen, jene Zeit, wenn sich die Füße weigern zu glauben, dass es einen Schritt nach vorne gibt

Ich bin mir sicher, wir alle können uns an eine Situation erinnern, in der wir traurig, entmutigt oder niedergeschlagen waren. Abfuhr, schlechte Note, ein Streit mit einem Familienmitglied. Das ist normal. Eventuell vergehen ein Tag, eine Woche oder ein paar Monate bis sich eine Besserung zeigt und man sich wieder okay fühlt.

Wenn man mit Depressionen lebt, vergeht das nicht einfach. Das Gefühl kann zurückkommen – nach einer Tragödie, oder viel schlimmer, völlig aus dem Nichts. In sozialen Netzwerken oder den Nachrichten sieht man nicht viel davon. Es ist eben kein lustiges oder leichtes Thema. Und, was fast noch schlimmer ist, Depressionen äußern sich immer unterschiedlich und sind nicht immer so klischeehaft oder emotional, wie viele vielleicht anfangs denken.

Manchmal bedeutet Depression, es für drei Tage nicht aus dem Bett zu schaffen, weil sich die eigenen Füße weigern, zu glauben, dass es einen Schritt nach vorne gibt. Manchmal bedeutet Depression auch den fehlenden Willen, um überhaupt wach zu bleiben und die Wäsche zu machen. Manchmal bedeutet Depression, dass jeder einzelne Knochen im Körper schmerzt, aber man trotzdem zur Bewegung gezwungen wird, weil psychische Krankheit in vielen Familien und Köpfen immer noch keine Entschuldigung für das Fehlen in der Arbeit ist.

Manchmal bedeutet Depression auch, jede Nachricht und jeden Anruf für einen ganzen Monat zu ignorieren – weil die Nummer zwar die richtige ist, aber die Person dahinter derzeit trotzdem keinen Anschluss hat, nicht mal wirklich existiert. Und manchmal bedeutet Depression, dass das Leben als Ganzes die schwierigste Hürde ist, die jemals von der Welt geschaffen wurde.

Das Gegenteil von Depressionen ist nicht Glück, sondern Vitalität und gerade die Vitalität schien in letzter Zeit aus mir heraus gesickert zu sein. Alles, was zu tun war, schien zu viel Arbeit, zu viel Anstrengung, zu sein. Jedes Mal, wenn ich aufwachte und das kleine, blaue Licht meines Handys blinken sah, war ich nicht begeistert von meinen Freunden zu hören, sondern dachte: Das sind viele Leute, denen ich zurückschreiben muss. Oder ich entschied zu Mittag zu essen und dann dachte ich, dass ich dafür das Essen rausholen und es auf einen Teller tun muss – alleine das fühlte sich für mich wie eine Bergwanderung an.

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Wenn über Depressionen diskutiert wird, wird oft übersehen, dass man als Betroffener weiß, wie lächerlich sie sind. Ich weiß, dass es lächerlich ist, während ich es selbst erlebe. Ich weiß, dass die meisten Menschen es schaffen, ihre Nachrichten abzuhören, Mittag zu essen, sich selbst um ihre Hygiene zu kümmern und aus dem Haus zu gehen. Ich weiß, dass ich – objektiv gesehen – ein wirklich schönes Leben lebe, es nicht besser haben könnte und meine Freiheiten habe, alles zu tun, was ich machen möchte. Was es für mich noch schlimmer macht, ist, dass egal wie sehr ich mich selbst leiden kann, mich wohl in meinem Körper fühlen mag und wie oft ich auch sagen könnte, dass ich glücklich bin, die Dämonen im Kopf verschwinden nie und kommen immer zurück.

Und – ich weiß das.

Ich weiß, dass es vorbeigeht und wiederkommt. Ich weiß, dass die Welt nicht so schwarz und dunkel ist, wie ich zuerst mit 11 Jahren dachte. Ich weiß, dass das Leben wert ist und mir viele Möglichkeiten offen stehen. Die eigenen Depressionen zu schätzen, verhindert keinen Rückfall, aber es kann die Aussicht auf einen Rückfall und sogar den Rückfall selbst manchmal leicht erträglicher machen. Es geht nicht so sehr darum, einen tieferen Sinn zu finden und darüber zu entscheiden, ob meine Depressionen einen triftigen Grund haben oder nicht. Es geht darum, wenn sie erneut kommen, zu denken: Das wird die Hölle, aber dadurch werde ich wieder etwas lernen. Ich habe während meiner Depressionen bis jetzt gelernt, wie stark eine Emotion sein kann, wie sie wahrhaftiger sein kann als Fakten, und ich merkte, dass diese Erfahrung, mir erlaubte positive Emotionen intensiver zu erleben. Obwohl ich es hasste depressiv zu sein und es hassen würde, wieder depressiv zu werden, aber darüber zu schweigen verschlimmert die Depressionen noch.

Was ich euch ans Herz legen will: Schaut genauer hin, wenn ein Freund von einem Tag auf den anderen nicht mehr der ist, der er sonst war. Fragt nach, wenn er oder sie es ohne triftigen Grund mehrere Treffen absagt, oder wenn eure Freunde und Kollegen (falls überhaupt) nur mit tiefen Augenringen auftauchen.

Ich sage nicht, dass man auf jede Kleinigkeit achten und jedes Zeichen überinterpretieren muss, aber ein bisschen Aufmerksamkeit von den richtigen Menschen kann manchmal die ganze Welt verändern – zumindest für diejenigen, die es von sich aus nicht mehr schaffen.

Fotos: Oliver Suchanek – THE JOY OF CREATION 

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2 Gedanken zu „Die Dämonen im Kopf verschwinden nie

  • 25. Juli 2018 um 14:29
    Permalink

    Welche Gründe bedarf es „Opfer“ oder besser gesagt Leidtragender von Depressionen zu werden, deiner Ansicht nach?

    Antwort
  • 8. Februar 2021 um 4:03
    Permalink

    Zu aller erst, ein sehr schöner Text zum Thema Depression.
    Ich selbst würde von mir nicht behaupten ein schwieriges oder gar unschönes Leben zu führen.
    Allerdings verändern sich in den letzten Jahren viele mir bedeutene Beziehungen.
    Dazu gehört sowohl die Familie als auch der Freundeskreis.
    Meine Art von melancholie äußert sich meistens wenn ich an mir selber zweifle.
    Ich verliere mich in meinen Gedanken, und kann auch nicht von Ihnen ablassen.
    Sie halten mich wach und sie machen mich müde.
    Ich selbst halte mich nicht für einen schlechten Menschen bis die Dämonen in meinen Kopf alles nochmal auf den Kopf stellen um jedes Detail mir zu schaden nochmal auszukauen.
    Ich führe hitzige Diskussionen in meinem Kopf die mich meistens noch mehr runtrrziehen oder so aggressiv vor trauer machen dass ich mich genauso intensiv bewegen muss um die ganze Energie los zu werden bevor ich gefühlt einen Nerven zsm.Bruch erleide.
    Das Gefühl das Leben in einem Gefängnis zu führen obwohl ich weiß dass ich mich oder mein Umfeld ändern könnte.
    Aber wäre ich mir dann noch treu?
    Ist es nicht auf eine Art egoistisch?
    Könnte so zu leben falsch sein im Vergleich zu dem wie alle anderen leben?
    Warum sollte ich einen Trost ernst nehmen wenn ich doch selbst in der Hand habe diese Hölle zu verlassen?
    Und die schlimmste Frage wofür das alles in die Hand nehmen wenn das Leben doch eh nur aus Konsequenzen und undankbarkeit besteht?

    Ich fühle mich manchmal nicht mehr wie ein Individuum.
    Ich habe immer geglaubt dass es das ist was mich von anderen Menschen unterscheidet. Was mich vielleicht sogar besonders macht?
    So hat die Depression mich auch auf eine Art demut gelehrt.
    Ich weiß jetzt dass ich winziges Staubkorn im Kosmos bin. Damit habe ich abgeschlossen.
    Je älter ich werde umso grauer scheint manchmal die Welt.
    Aber auch ich habe meine Lichtpunkte die mich irgendwann wieder, freudenstrahlend an das Leben binden.

    Antwort

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