Bernhards musikalische Rumpelkammer – Oktober 2017

Der Herbst wartet weiter mit tollen Alben auf und zaubert gerade im Metal-Bereich einige der Highlights des Jahres hervor. Doch auch ruhigere und fröhlichere Töne können überzeugen, während sich die Enttäuschungen in überschaubaren Grenzen halten.

TOP 5

  1. Bell Witch – Mirror Reaper
  2. Julien Baker – Turn Out The Lights
  3. Amenra – Mass VI
  4. Myteri – Ruiner
  5. Iron Chic – You Can’t Stay Here

BELL WITCH legen mit „Mirror Reaper“ das wahrscheinlich beste Metal-Album des Jahres vor. Das Funeral-Doom-Duo verarbeitet darauf den plötzlichen Tod des früheren Schlagzeugers Adrien Guerra in einem einzigen 83-minütigen Song, der keinen Moment Langeweile erzeugt. Trotz der repetitiven Struktur des Genres und seiner zähflüssigen, mehr als nur verschleppten Geschwindigkeit wartet „Mirror Reaper“ mit unglaublich vielen Stimmungswechseln auf. Ein emotionales Highlight ist eine Gesangsspur von Adrien zur Mitte des umwerfend durchkomponierten Stücks Musik.
Anspieltipp:


JULIEN BAKER hat bereits auf ihrem ersten Album „Sprained Ankle“ ihr Innerstes nach Außen gekehrt. Musikalisch setze die Musikerin auf minimalistische, zerbrechliche Arrangements, die sie mit ihrer eindringlichen Stimme unterstützte. Ihr zweites Album „Turn Out The Lights“ ist deutlich aufwändiger produziert und setzt neben ruhigen Gitarrentönen verstärkt auf Klavier und eine emotionale Streicheruntermalung. Textlich werden Ängste, Depressionen und der Kampf mit persönlichen Dämonen poetisch und eindringlich aufgearbeitet. Bedrückend schöne Gänsehautmusik.
Anspieltipp:


AMENRA, die Hohepriester des belgischen Musik- und Kunstkollektivs Church Of Ra, laden zur nächsten Messe. Ihr neues Album „Mass VI“ ist durchgängig in einem verschleppten Tempo gehalten, in dem ruhige Parts auf pure Gewalt sowie gigantische Flächen auf zurückgenommene Töne treffen. Obwohl die Belgier bereits auf den Vorgänger-Alben eine Laut-Leise-Dynamik eingesetzt haben, verleiht die Prominenz des Klargesangs „Mass VI“ einen ganz speziellen Charakter. Ein überwältigendes Album zwischen Sludge, Doom und Post Metal.
Anspieltipp:


MYTERI veröffentlicht mit „Ruiner“ ihr zweites Album. Darauf setzen die Schweden den Weg des selbstbetitelten Vorgängers nahtlos fort. Ihr mitreißender Crust Punk zeichnet sich durch eine druckvolle Produktion, ein treibendes und polterndes Schlagzeug, knackigen Bass und melodisch-eingängige Gitarrenmelodien aus. Der tiefe, gebrüllte Gesang passt dabei wie die Faust aufs Auge. Trotz mangelnder Schwedisch-Kenntnissen wird alleine durch die Attitüde der Band ihre linkspolitische Ausrichtung der Musik zu jeder Zeit klar.
Anspieltipp:


IRON CHIC spielen eine tanzbare Mischung zwischen Alternative Rock, Punkrock US-amerikanischer Schule und einem guten Einschlag der Midwestern-Emoschule. Mit „You Can’t Stay Here“ setzen die Amerikaner ihrem plötzlich verstorbenen Gitarristen Rob McAllister ein Denkmal. Musikalisch schaltet die Band dabei nicht runter und anstelle verzweifelter, trauriger Nummern wird das Leben in allen Facetten besungen und gefeiert. In der Tradition von Bands wie Hot Water Music oder The Gaslight Anthem klingt das Ergebnis oft vertraut und fühlt sich an wie eine dringend nötige Umarmung.
Anspieltipp:


Außerdem:

MINE & FATONI haben mit „Alle Liebe nachträglich“ ein Album über die Liebe gemacht – genauer, über die dunklen Seiten einer Beziehung, deren Ende und ihr Verarbeiten. Trotz dieser klaren Befindlichkeitsfixierung sind beide MusikerInnen so wortgewandt, dass das Ergebnis zu keiner Sekunde platt klingt. Fatonis intelligenter, teils atemloser Rap und Mines R’n’B-ähnlicher Gesang verbinden sich zu einer stimmigen Mischung zwischen Deutschrap und Pop. Abgerundet wird das Ganze von einer tollen Produktion, die Indie-Rap-Klischees gekonnt umschifft.

KRALLICE haben sich für ihr neues Album „Loüm“ Dave Edwardson von Neurosis als Gast geholt, der den Gesang übernimmt sowie Synthies eingespielt hat. Musikalisch liefert die Band aus New York ein weiteres Feuerwerk für die Synapsen ab. Zwischen Black Metal, (Post-)Hardcore, Progressive Metal und Thrash Metal werden Takte gebogen, Rhythmen gebrochen und Dissonanzen mit gutaralen Gesang und elektronischen Klangflächen vermengt. Durchgehend verstörend, alles andere als eingängig, oft überfordernd und hypnotisierend. Ein beeindruckendes Album.

AND SO I WATCH YOU FROM AFAR spielen instrumentale Rock-Musik und veröffentlichen mit „The Endless Shimmering“ bereits ihr fünftes Album. Die Band aus Belfast entzieht sich seit Beginn gängigen Post-Rock-Strukturen. Anstelle von Laut-Leise-Spielereien und vorhersehbaren Songverläufen besitzen die vier Musiker einen stärkeren Punk-Einfluss. Ihre quirlige Musik sprudelt nur so über vor Energie und schnappt stellenweise regelrecht nach Luft. „The Endless Shimmering“ überrascht in dieser Hinsicht nicht, sondern führt den Stil der Band konsequent weiter und begeistert wie eh und je.

FARIN URLAUB hat schon lange kein neues Album mehr veröffentlicht, weder mit seinem Racing Team noch mit der Band mit dem großen Ä. „Berliner Schule“ präsentiert ebenfalls nichts „Neues“, sondern bisher unveröffentlichte Demos von 1984-2013. Die Ergebnisse sind entsprechend rumpelig produziert – inmitten einiger durchaus zurecht unter Verschluss gehaltener Nummern finden sich allerdings einige textlich wirklich lustig und melodisch beeindruckende Stücke. Insgesamt allerdings eine Compilation, die sich vornehmlich an Komplettisten und Die-Hard-Fans richtet.

ZUGEZOGEN MASKULIN melden sich mit „Alle gegen Alle“ zurück. Ihren Hip-Hop-Sound haben Grim104 und Testo dieses Mal mit deutlich mehr Trap, Autotune und Pop garniert, was die sehr gelungenen und direkten gesellschaftskritischen Texte konterkariert. Dabei ist es falsch, die Band auf ihre eindeutige linkspolitische Haltung zu beschränken, die sie mit ebenfalls überzeugenden, ironisch-übersteigerten Rap-Klischees verbinden. Die aufgeblasene Produktion ist bewusst gewählt, ermüdet allerdings auf Albumlänge trotz vieler Highlights ein wenig.

KETTCAR haben sich einige Jahre zurückgezogen, in denen viel passiert ist. Mit „Ich vs. Wir“ legen die Hamburger ihr bisher politischstes Album vor, was bereits der Titel andeutet. Das ruhige und leider auch sehr unspektakuläre „Zwischen den Runden“ wird dabei vergessen gemacht: Scharfzüngig, druckvoll und musikalisch oft auf die Vorgängerband „… But Alive“ schielend spürt man die Wut aufgrund des politischen Rechtsrucks. Man spürt, dass hier eine Band nach vielen Jahren ihren eigenen Sound und ihre eigenen Themen gefunden hat.

STICK TO YOUR GUNS sind eine der derzeit größten Bands aus dem Bereich des Modern Hardcore. Diesen Status untermauern sie auch mit ihrem neuen Album „True View“. Einflüsse aus dem Post-Hardcore treffen auf heftige Mosh-Parts, tanzbare Two-Step-Momente und brachiale Breakdowns. Trotz ihres unüberhörbaren Metal-Einschlags gerät das sechste Album der Band somit zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Im Gegensatz zu stumpfen Parolen und Härte um der Härte willen hört man der Band aus Kalifornien an, dass sie ihre Musik und ihre Texte zu jeder Zeit ernst meinen.

LYVTEN setzen ihren Weg auf „Bausatzkummer“ konsequent fort. Auf dem Debütalbum hat melodischer, relativ geradliniger Deutschpunk dominiert. Diese Musikrichtung bestimmt auch den Nachfolger, was sich besonders im markanten, gepressten Gesang von Sänger Thorsten bemerkbar macht. Auch wenn die intelligenten Texte und die Energie überzeugen können, spielen LYVTEN nicht ganz in der obersten Liga eines momentan an großartigen Bands reichen Genres. Ein Grund dafür ist in diesem Fall auch die etwas blecherne Produktion.

JOHN MAUS fühlt sich, wenn man nach seiner Musik urteilt, eher in den 1980ern als im 21. Jahrhundert zu Hause. Sein neues Album „Screen Memories“ steht knietief in verhallten Synthies, die mit elektronischen Drumsounds und verhalltem Gesang verbunden werden. Zwischen Elektro-Pop, Post Punk und einer Spur Indie-Rock dominiert durchgehend ein Retro-Feeling. Obwohl diese Hommage an eine spannende Epoche der Popmusik Spaß macht, gerät „Screen Memories“ in einigen Momenten doch etwas arg affektiert und zu gleichförmig.

THE DARKNESS haben vor mehr als einer Dekade gezeigt, dass selbstironischer Glam Rock auch im 21. Jahrhundert Spaß machen kann. In der Zeit darauf ging die mediale Aufmerksamkeit trotz regelmäßiger Alben zurück. Mit ihrem neuen Album „Pinewood Smile“ will es die Band noch einmal wissen. Großspurige Gitarrensoli, breitbeinige Hard-Rock-Gitarren, ein simples Schlagzeug und Justin Hawkins‘ Falsettgesang funktionieren auch 2017. Selbstverständlich braucht man dabei weder auf Innovation noch auf ausgefeilte Songwriting-Künste hoffen – aber darum geht es auch nicht.

WEEZER hatten es mit dem „White Album“ endlich geschafft, nach vielen halbgaren Veröffentlichungen wieder zu begeistern. Mit „Pacific Daydream“ wird dieser gute Eindruck zunichtegemacht. Zwar setzt die Band um Frontmann Rivers Cuomo ihre Hommage an Kalifornien fort, verabschiedet sich allerdings vom poprockigen 60s-Flair. Stattdessen dominieren erschreckend glatt produzierte, geradlinige Popsongs mit R’n’B-Einschlag. Während einige Lieder durchaus funktionieren („Mexican Fender“), kann man bei anderen Nummern nur irritiert den Kopf schütteln („Happy Hour“).

Bernhard Landkammer schreibt auch für metal1.info. Dort könnt ihr weitere Rezensionen und teilweise ausführlichere Meinungen zu den hier besprochenen Alben lesen.

Bisher:

Titelbild: Bernhard Landkammer/Unsere Zeitung

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