Maulkorbpflicht für alle Hunde?

Aufgrund der Tragödie des tödlichen Beißvorfalls in Wien-Donaustadt wird mancherorts eine generelle Maulkorbpflicht für alle Hunde gefordert. Doch wie sinnhaft ist diese Forderung?

Ein Kommentar von Ines Levy, Hundetrainerin (DOGtime)

Trotz Rasselisten, Hundeführerschein und Sachkundenachweis kommt es jedes Jahr immer wieder zu Beißvorfällen. Auch wenn diese, wie zum Beispiel in Oberösterreich im Jahr 2017 rückläufig sind, ist jeder Mensch, der von einem Hund gebissen wird, einer zu viel. Nun wird aufgrund der Tragödie des tödlichen Beißvorfalls in Wien-Donaustadt, eine generelle Maulkorbpflicht für alle Hunde gefordert. Angesichts der Umstände, wie es zu einem Hundebiss kommt, muss die Sinnhaftigkeit bzw. Effizienz dieser Forderung allerdings in Frage gestellt werden.

Zunächst möchte ich im Namen meines Teams, der Familie von Waris unser aufrichtiges Beileid und herzliche Anteilnahme aussprechen. Dieser Vorfall macht mich zutiefst betroffen und auch die damit verbundene Berichterstattung, lässt mich erschaudern. Als ob diese Tragödie nicht schon schlimm genug wäre, kommt man offensichtlich nicht ohne Bilder von zähnefletschenden und bedrohlich wirkenden Hunden aus. Der Rottweiler, vor gut 20 Jahren noch als Familienhund empfohlen, wird jetzt zur Bestie. Einer steht als Beispiel für alle und die Medien entfachen dieses Feuer noch zusätzlich. Die Panikmache vor sogenannten Kampf- oder Listenhunden wird dermaßen aufgebaut, dass nun eine generelle Maulkorbpflicht für alle Hunde gefordert wird. Doch wie sinnhaft ist diese Forderung?

Um einen Beißvorfall beurteilen zu können reicht es eben nicht, die Rasse zu verteufeln. Wie kam es zu diesem Beißvorfall? Wie ist das Verhältnis zwischen Hund und Betroffenen? Wie waren die Umstände? Diese und weitere Fragen müssen gestellt werden, um einen Vorfall beurteilen bzw. analysieren zu können. Laut der Studie „Analysis of Dog Bites in Children“, welche in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Pediatrics“ veröffentlicht wurde, passieren die meisten Beißvorfälle beim „Spielen“ mit dem Hund, beim Vorbeigehen an dem Hund oder beim „Kuscheln“ mit dem Hund. In 73 Prozent der Fälle war der Hund dem Kind bekannt. Aus dieser Analyse lässt sich also ableiten, dass die meisten Beißvorfälle im privaten Umfeld passieren. Daraus kann man weiter folgern, dass eine generelle Maulkorbpflicht an öffentlichen Plätzen diese Vorfälle nicht verhindert hätte.

Weiters muss festgehalten werden, dass diese Forderung eine enorme Verschlechterung der Lebensqualität eines jeden einzelnen Hundes bedeuten würde, was wiederum zu einem höheren Stresslevel des Hundes führt.

Menschen müssen in die Pflicht genommen werden!

Ich halte nichts davon, Vorschläge und Forderungen nur abzulehnen ohne eine Alternative vorzubringen. Als Hundetrainerin erlebe ich leider nur allzu oft, dass Menschen ihre Hunde kaum oder gar nicht verstehen bzw. lesen können, dass Hund-Mensch-Paarungen nicht stimmig sind oder die rassespezifischen Eigenschaften überhaupt nicht zu den Anforderungen der HalterInnen passen. Ich frage mich also, wie kommt es dazu?

Und hier setze ich an. Alle, damit meine ich HalterInnen, ZüchterInnen, Tierschutzorganisationen und –vereine, HundetrainerInnen, aber auch Menschen, die keinen Hund haben, müssen in die Pflicht genommen werden. Es muss eine flächendeckende Aufklärungsarbeit über die Kommunikation des Hundes und die dementsprechende Handhabe geben. Hierbei schließe ich aber auch Menschen ohne Hund ein. Jedes Kind muss lernen, dass ein Hund kein Spielzeug oder Spielgefährte ist. Ein Hund ist ein Lebewesen und damit darf es sich auch zurückziehen, seine Ruhe einfordern und seine Grenzen ziehen. Es ist die Aufgabe und die Pflicht eines jeden einzelnen Hundehalters/jeder einzelnen Hundehalterin auf das Verhalten des Hundes zu achten, die Signale lesen zu können und dementsprechend zu agieren. Es ist die Aufgabe und Pflicht der hundevermittelnden Stellen, eine korrekte und verantwortungsvolle Auswahl bei der Hundevergabe zu treffen. Eltern sollten ebenso in die Pflicht genommen werden und ihr Kind nicht wahllos zu einem fremden Hund stürmen lassen oder den eigenen als Spielzeug benutzen.

Und es ist die Pflicht eines jeden einzelnen, von uns allen, auf einander Rücksicht zu nehmen und den Hund als Lebewesen wahrzunehmen.

Wir, von der Hundeschule DOGtime, sprechen uns klar gegen eine Maulkorbpflicht aus! Wir wünschen uns Aufklärungsarbeit, Wesenstest für HundehalterInnen und auch für HundetrainerInnen. Wir halten Tests für HundehalterInnen mit laufenden Kontrollen als wesentlich effektiver, als Wesenstests für Hunde. Wenn Mensch seinen Hund lesen kann, weiß was er ihm zumuten kann und ihn entsprechend führt und sichert, dann könnten unserer Ansicht nach, die meisten Vorfälle verhindert werden.

Es geht um Verantwortung, es geht um ein Miteinander und ein verständnisvolles Zusammenleben – und damit geht es uns alle an!

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Mehr über DOGtime – Hundetraining das verbindet: www.dogtime.at

Fotos: Rottweiler “Ragnar” (von Annette Unterweger)

1 Kommentar

  1. Als aufmerksamer Leser dieser Zeitung verfolge ich gerne die differenzierten Artikel. Besonders die Themenauswahl ist gelungen! Andere Zeitungen berichten über royale Hochzeiten, Alkoholproblemen vom B-Prominenten oder den Bartwuchs von Fußballspielern: Einfach nutzlos! Nun zum Artikel „Maulkorbpflicht für alle Hunde?“. Die Autorin meint, dass der Rottweiler vor 20 Jahren als Familienhund empfohlen wurde und nun von den Medien als Bestie dargestellt wird. Abgesehen von diesem extremen Vergleich, vom Familienhund zur Bestie, stimme ich zu, dass hauptsächlich der Mensch eine Verantwortung für das Verhalten seines Tieres hat. Trotzdem halte ich bestimmte Hunderassen, aufgrund ihrer Stärke und Größe, für gefährlich. Oder haben sie schon mal davon erfahren, dass ein Kind von einem Pudel totgebissen wurde? Auch ein gut erzogener Hund bringt keine 100%ige Sicherheit! Daher halte ich die Maulkorbpflicht für bestimmte (große und schwere) Hunderassen für durchaus angebracht. Vor allem in der Nähe von Schulen, Kindergärten oder Spielplätzen ist dies zu empfehlen. Ich bin deshalb nicht gegen Hunde. Wenn die „Herrchen“ ihre Lebewesen nicht unter Kontrolle haben, dann muss präventiv gehandelt werden, denn ein Kind weiß nicht, ob die „Herrchen“ ihre Hunde unter Kontrolle haben. Die Vorschläge der Autorin und der Appell an alle Menschen sind auf jeden Fall zu befürworten und können viel Schaden vermeiden. Doch die Umsetzung der Vorschläge vermindert nur das Risiko, ein Ausschluss ist nicht möglich. Es sollte ein Umdenkprozess bei den Menschen in den Gang gebracht werden. Brauche ich wirklich einen Hund? Habe ich genug Zeit, um mich mit dem Hund zu beschäftigen? Schließlich darf ich auch noch auf jene Züchter hinweisen, die ihre Fantasie nicht mehr unter Kontrolle haben. Es gibt Hunderassen, die eine gewisse Zeit in Mode sind nur weil bestimmte Promis mit dem Hund auftreten. Ein typisches Beispiel dafür ist Paris Hilton mit ihrem Teacup-Hund (https://www.br.de/themen/wissen/teacup-dogs-teetassenhunde-mini-hunde-rassen-hundezucht-qualzucht-100.html). Wir sollten unseren Geist dafür verwenden das Leben der Menschen und Tiere zu verbessern und nicht für egoistische Zwecke zu entwerten.

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