Zirngast: „Ich bin Sozialist und Schriftsteller und stehe hinter allem, was ich gemacht habe.“

Brief aus dem Gefängnis von Max Zirngast (Quelle: freemaxzirngast.org)

In einem längeren Brief aus dem Gefängnis beschreibt der österreichische Journalist Max Zirngast seine Situation in türkischer Haft und bedankt sich für die Solidarität, die ihm entgegengebracht wird. – Von Michael Wögerer

 „Ich bin euch allen zu Dank verpflichtet; euch allen tausend Dank und viele Grüße. Im Angesicht eurer Freundschaft und eurer Solidarität finden sich keine Worte“, schreibt Max Zirngast aus dem türkischen Gefängnis Sincan 2, wo er nach seiner Festnahme am 11. September in Untersuchungshaft sitzt. Der Brief, den er am 18. Oktober 2018 verfasste, wurde kürzlich auf freemaxzirngast.org veröffentlicht. Ein paar Auszüge:

Die „Säuberungen“ gehen immer noch weiter

„Alles fing an wie eine „ganz normale“ Razzia, schreibt Zirngast über den Tag seiner Verhaftung. „Wir wurden alle separiert voneinander festgehalten, Kommunikation war sehr beschränkt. Im Gegensatz zum Gefängnis ist der Polizeigewahrsam sehr schlecht. Statt auf einem Bett schläfst du auf einem Stück Holz, mit einer dünnen Decke, ohne Kissen, es ist stickig und zugleich sehr kalt und in meiner Zelle war 24 Stunden am Tag das Licht an. Dieses hässliche weiße Licht. Essen gab’s wenig und wenn auch nur eiskaltes. Nach ein paar Tagen hatte ich einen verdorbenen Magen, Krämpfe, Sodbrennen, Durchfall, das ganze Programm eben. Es gab nichts zu lesen und unterhalten konnte man sich zum Großteil ebenfalls nicht.“ […] Jeden Tag kommen neue Gefangene hinzu, die „Säuberungen“ gehen immer noch weiter. Von einem menschlichen Standpunkt aus werden lauter wütende, hoffnungslose und deklassierte Elemente hervorgebracht. Das derzeitige „Terrorverständnis“ der Türkei und was darunter zermalmt wird, wird sich in den nächsten Jahren rächen, nehme ich an.“

„…man hat eben auch an meiner Tür geklingelt.“

„Wenn wir uns den Prozess anschauen, das Geschehene analysieren und uns die allgemeinen Bedingungen in der Türkei vor Augen führen, lassen sich, finde ich, einige Punkte festhalten“, schreibt Zirngast in seinem ersten längeren Brief. „Im Zuge des Versuchs, die gesamte demokratische Opposition in Ankara zum Schweigen zu bringen, hat man eben auch an meiner Tür geklingelt. Ich hatte meine Stimme für eine demokratische Republik erhoben und die demokratischen Kämpfe unterstützt. Die Polizei nahm während der Durchsuchung auch sehr viele Bücher mit aus meiner Wohnung, insbesondere diverse Politikbücher und Bücher zur türkischen Linken. Es ist durchaus normal, dass ein Politikwissenschaftler diese Bücher liest. Der Staatsanwalt fokussierte sich sehr auf diese Bücher und frage mich auch nach einem von mir verfassten Jacobin-Artikel aus. […]

Was ich sagen will, ist, dass sie im Zuge des Prozesses versucht haben, „herauszufinden“ wer ich bin. Aber es gibt da nichts „herauszufinden“. Wie ich schon gesagt habe, bin ich Sozialist und Schriftsteller und stehe hinter allem, was ich gemacht habe.“

Die Zeit so produktiv wie möglich nutzen

„Wenn wir schon aufgrund unserer politischen Ansichten bestraft werden, dann werden wir diese Zeit so produktiv wie möglich nutzen, uns weiterentwickeln, alles lernen, was wir lernen können, um gestärkt, gereift, mit mehr Wissen und Fähigkeiten wieder hier rauszukommen. Warum sollen wir unsere Zeit verschwenden mit unnützen verbalen Schlagabtäuschen?“, so die Reaktion von Zirngast auf die Provokationen der Gefängniswärter.

„Ich werde in den nächsten Wochen nochmal mehrmals schreiben. Es dauert eh ein paar Wochen, bis die Briefe bei euch ankommen, darauf ist zudem kein Verlass (angefangen bei der Brieflesekommission). Ich werde ein wenig vom Leben hier berichten“, kündigt Zirngast an und schloss mit den Worten: „Noch einmal großen Dank und viele Grüße an alle. Passt sehr gut auf euch auf, ich umarme euch, Liebe Grüße, Max“

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Titelbild: freemaxzirngast.org

 

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