Corona, eine Krankheit der Weißen?

Dieses Mal ist es umgekehrt als gewohnt. Während Afrika gemeinhin als großes Ansteckungsrisikogebiet von allerlei Krankheiten und Seuchen gilt, droht nun die Gefahr für Afrika aus den Metropolen des Weltkapitalismus. Es ist höchste Zeit die Corona-Frage in eine kapitalismuskritische, also letztlich in eine Systemfrage zu überführen.
 
Ein Gastbeitrag von Klaus Hecker

Seuchenherd Europa bedroht Afrika

„Das sei „eine Krankheit der Weißen“, sagt Kenny Tokwe. Er sagt es ohne Bitterkeit, eher als Feststellung. Tokwe trägt ein Trikot des FC Liverpool und sitzt auf einer Bank vor einem Kreisverkehr im Süden Kapstadts. Der Kreisverkehr ist so etwas wie der Sozialäquator. Nimmt man die rechte Ausfahrt, fährt man in die schönen Hanglagen und Gated Communities, hinter Elektrozaun verbarrikadierte Wohnsiedlungen. Biegt man nach links ab, dann kommt man in die Township Imizamo Yethu, ein paar Tausend Quadratmeter für 30.000 Menschen, Blechhütten und kleine Steinhäuser dicht an dicht. Nach rechts biegen am Kreisverkehr auch Porsches und SUVs ab. Nach links nur Minibusse und ein paar alte Toyotas.
„Es gibt bei uns das Gefühl, dass die Weißen, die das Geld haben zu reisen, den Virus mitbringen“, sagt Tokwe. Er sagt es mit einem Lächeln – woanders fliegen auch mal Steine. In Äthiopien wurden Europäer angegriffen, in Kenia Chinesen verprügelt und in Kamerun Deutsche beschimpft.“ (Afrika ist auf sich allein gestellt, sueddeutsche.de, 27.03.2020)
 
Aber stimmt das? Und lässt sich die Krankheit geographisch bzw. der Hautfarbe zuordnen oder gar eingrenzen. Das Gegenteil ist doch offensichtlich der Fall. Diese wie jede andere Krankheit legt bloß, in welchen ökonomischen Umständen und sozialen Bedingungen man leben muss und welches Gesundheitssystem mit welchen Prioritäten um einen herum existiert. Auch dieses ist nicht einfach klein oder groß, entwickelt oder nicht entwickelt, sondern gibt in seiner Gesamtheit darüber Auskunft, welches Interesse an einer einigermaßen gesunden Bevölkerung besteht, bzw. ob das überhaupt der Fall ist.
 
Zusammengefasst: Die gleiche Krankheit ist nicht die gleiche Krankheit. Sie blüht, wächst und gedeiht unter unterschiedlichen ausbeuterischen Lebensbedingungen sehr unterschiedlich.
 
So gesehen wird das Coronavirus – wie von Experten leider befürchtet – sich wie eine Feuerwalze über Afrika hinwegbewegen. Dass die Pandemie Afrika erreichen wird, steht außer Frage. „Bislang meldeten dort 27 Länder Erkrankungen, inkl. der Staaten Nordafrikas. Zuletzt kamen Benin, Liberia, Somalia und Tansania hinzu. Noch sind die Fallzahlen gering. Bis gestern waren laut der Weltgesundheitsorganisation WHO auf dem Kontinent 417 Menschen infiziert. Sieben von ihnen starben, doch 42 haben sich wieder erholt. Außer in Ägypten, Südafrika und Algerien, wo sich längere Infektionsketten bildeten, traten nur vereinzelte Fälle auf. „Afrika wird die Pandemie extrem schwer treffen“, warnt Senait Bayessa, Regionalleiterin der SOS-Kinderdörfer in Süd- und Ostafrika. Denn selbst besser entwickelte afrikanische Staaten hätten kein ausreichendes Auffangnetz für die humanitären Konsequenzen des Coronavirus.“ (Tickende Zeitbombe: Afrika vor Corona-Pandemie, sos-kinderdoerfer.de, 29.03.2020)
 
So habe beispielsweise Südafrika zwar eines der besten Gesundheitssysteme Afrikas, aber dennoch lediglich 1.000 Betten auf Intensivstationen für 56 Millionen Einwohner. In Malawi seien es sogar nur 25 Betten für 17 Millionen Menschen – und einige afrikanische Staaten verfügen über keinerlei Intensivstationen. Aber auch die afrikanischen Stellvertreterkriege dynamisieren das Geschehen in unguter Weise:
„Vor allem in den Sahelstaaten sind die Gesundheitssysteme auch durch den anhaltenden Terrorismus unter Druck. Aktuell ist Burkina Faso besonders betroffen. Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) schätzt, dass rund 765.000 Menschen vor Terrorangriffen und Überfällen auf der Flucht sind. Nach Einschätzung der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist das Gesundheitssystem in den betroffenen Gebieten „komplett zusammengebrochen“. (Massenausbruch würde Systeme überfordern, domradio.de, 16.03.2020)
„Die Virustoten dürften noch die kleinste Sorge sein, Senait Bayassa (SOS Kinderdörfer)“
Wie sollen geringste Schutzmaßnahmen, für die in Europa allüberall geworben wird – Händewaschen und einen Mindestabstand von 1,5 m einhalten -, auch nur ansatzweise durchgeführt werden können?
– Ist das so selbstverständlich, dass Seife unerschwinglich ist?
– Ist es selbstverständlich, dass in Nigeria riesige Ländereien in der Größe Hessens mit Erdöl geflutet sind, das aus undichten Ölleitungen stammt, die internationale Ölkonzerne bei dem Abtransport einfach leck liegen lassen?
Ob Seife und ausreichend Wasser vorhanden sind, ist schon fraglich. Wie sich in Slums, den Massenunterkünften oder in dem ehemals größten Flüchtlingslager der Welt „Dadaab“ in  Kenia mit 300.000 Personen Abstand gehalten werden soll, ist nicht vorstellbar.
Der deutsche Virologe Drosten schaut mit Sorge nach Afrika. „In den afrikanischen Ländern wird in diesem Sommer der Peak der Infektionen auftreten. Ich mag mir gar nicht ausmalen, welche Bilder man sehen wird. Wir werden noch erleben, dass die Leute daran auf den Straßen sterben in Afrika. Die Situation wird schlimm sein, sehr schlimm.“
 

Hilfe von Deutschland – Pustekuchen!

Eine systematische Hilfe von Deutschland kann Afrika nicht erwarten. Es sind die Kirchen, es sind Hilfsorganisationen, die aufopferungsvoll unter höchstem persönlichen Einsatz, letztlich unwirksam per Spendenaktionen vor Ort tätig sind. Sie helfen nach Kräften und weit darüber hinaus, aber eine Abhilfe können sie naturgemäß nicht leisten.
Systematisch und in großem Stil sind es die Chinesen, die Hilfsgüter, medizinisches Material und Experten tonnenweise einfliegen und dafür – mittlerweile hochoffiziell – von Deutschland und der EU den Vorwurf kassieren, sich Einflusssphären verschaffen zu wollen.
So wird die Krankheit, die Seuche auch dieses Mal dort abgewickelt, wo der Kapitalismus seine Ausbeutungsspur durchs Land zieht. Es ist keine Seuche der Weißen.
 

Chinesischer Flughund, oder das seltsame Schuppentier Pangolin contra Kapitalismus

Auch wenn das Corona-Virus einem chinesischen Flughund oder einem anderen Getier entstammt, es ist in seinen Auswirkungen eine Seuche, die sich durch bereits eingetretene Schäden des Kapitalismus exponentiell ausbreitet. Noch sind die Zahlen der Corona-Infizierten und Corona-Toten überraschend  gering. Eine Vermutung lautet: Wenn wenig getestet wird, gibt es auch wenige Fälle. Eine zweite Vermutung, gegen die möglicherweise auch in Europa verstoßen wird, lautet: Korrekterweise sollten die gezählten Verstorbenen differenzialdiagnostisch tatsächlich am Corona-Virus gestorben sein. Das klingt selbstverständlich. Führende Kritiker führen allerdings ins Feld, dass bei vielen Toten zwar das Corona-Virus auffindbar, aber nicht zwingend als Todesursache anzusehen war. Die enormen hohen Totenzahlen in der Lombardei dürfe – so die Kritiker – nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dieser Industrieregion eine enorm hohe Kontamination bestehe und schon viele, viele Lungenkranke und auch Tote produziert habe. Nun würde dies, weil auch das Corona-Virus nachweisbar sei, pauschal und ursächlich diesem Virus zugeordnet.
 
Die industriell-kapitalistischen Lebensbedingungen sind nun fein raus und als Generalursache tritt nun seltenes Getier diverser Art an. Die Einbeziehung der afrikanischen Länder in die kapitalistische Weltwirtschaft sorgt ebenso wie für die Erodierung einer heimischen Wirtschaft, wie auch für ein dahinsiechendes Gesundheitswesen zu einer Dynamik, die Ausgangskrankheit betreffend. Den Standpunkt einer Volksgesundheit gibt es in Afrika in der Regel so nicht, weil das Volk zum großen Teil gar nicht gebraucht wird und gesundheitliche Versorgung sich von daher oft nur gleich auf die Hauptstadt und deren Umgebung beschränkt
 
Kenny Tokwe hat Unrecht: Weiß oder schwarz ist diese Krankheit nur unter ideologischem Blick- sonst nicht,- ebenso wenig wie die anderen Krankheiten und Seuchen.

Klaus Hecker, geb. 08.09.1954 in Wetzlar, dort 1973 Abitur. Studium Der Fächer Deutsch, Politik, Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Von 1985 – 2017 Gymnasiallehrer an der Carl-Strehl-Schule (Deutsche Blindenstudienanstalt), einem Gymnasium für Sehbehinderte und Blinde. Als politischer engagierter Mensch hat er Zeit seines Lebens in vielen sozialen Initiativen gearbeitet und tut das immer noch.

Titelbild: Bjoern-Owe Holmberg (SOS-Kinderdörfer weltweit)


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