COVID-19 und Nicaragua: Ein Sonderfall?

„Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen den Maßnahmen um die Pandemie zu bekämpfen und jenen um unsere Wirtschaft aufrecht zu erhalten“, sagte Präsident Daniel Ortega in seiner 1. Mai-Ansprache.

Von Gerhard Kovatsch (Nicaragua-Nachrichten)

Drei aktive Fälle der Corona-Virus-Pandemie zählt das tägliche Bulletin des nicaraguanischen Gesundheitsministeriums (MINSA) vom Monatsletzten des April 2020, sowie sieben Genesene und vier Verstorbene. Die Gesamtzahl der bisher registrierten Fälle – 14 – findet sich auch in der Statistik des SICA (Systems der Zentralamerikanischen Integration), das insgesamt 8 Länder umfasst: Die traditionellen fünf die vor 199 Jahren formal von Spanien unabhängig wurden, Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica, sowie Panama und Belize, die im Rahmen der PräsidentInnengipfel zu den Friedensgesprächen in den 80er- und 90er-Jahren dazustießen, und schließlich die Dominikanische Republik, die erst bei den Freihandelsverträgen aller oben genannten mit den USA (CAFTA-RD) und dem Abkommen mit der EU (ADA) sich in das „zentralamerikanische System“ integrierte. Die 8 Staaten beschlossen – bevor die ersten Fälle auftauchten – der Pandemie COV19 gemeinsam im Rahmen eines das SICA umfassenden Plans die Stirn zu bieten, auch wenn sie schließlich – ähnlich wie die Staaten der EU – im konkreten Fall einzelstaatlichen Maßnahmen gegen COVID-19 für ihr jeweiliges Territorium ergriffen.

Wie sieht nun die Situation des COVID-19 in Nicaragua im Vergleich zu den übrigen Staaten des SICA aus: Am 30. April verzeichnete die meisten positiven Fälle der Tests auf das Virus SARS-COV-2 die Dominikanische Republik mit 6.972 Personen, davon starben 301, 1301 gelten als genesen. An zweiter Stelle der betroffenen Länder steht Panama, das 6.378 positive Fälle verzeichnet, 178 Personen die mit oder an Corona starben und 567 Genesene. Dahinter folgen mit großem Abstand die beiden Nachbarländer Nicaraguas Honduras (771 positive Fälle , 71 Tote, 79 Genesene) und Costa Rica ( 719 positive, 6 Verstorbene, 338 Genesene). Es folgen das wesentlich bevölkerungsreichere Guatemala (585 Positive, 16 Tote, 65 Genesene) und El Salvador (395 Positive, 10 Tote, 119 Genesene). Eine fast ähnlich geringe Fallzahl wie Nicaragua weist das wesentlich geringer besiedelte Belize mit 18 positiven Fällen, 2 Toten und 9 Genesenen auf. Die geringsten Fallzahlen hat schließlich Nicaragua.

Beweis für „unterschlagene Fallzahlen“ und „fehlende Sorge des Regimes“ um die Gesundheit der NicaraguanerInnen? Oder Zeichen des Siegs über die Pandemie?

Die COVID-19-Zahlen zu Nicaragua werden gegensätzlich interpretiert. Auf der einen Seite eine Reihe von MedizinerInnen und die außerparlamentarische Opposition, die der Regierung vorwirft, die wahre Zahl der Corona-Virus-Fälle und vor allem die Übertragung unter EinwohnerInnen in Nicaragua ohne Ansteckung von außen zu verheimlichen, oder absichtlich so gut wie keine Personen zu testen: „Wer keine Ansteckungen sucht, findet auch keine!“ Die hohe Fallzahlmortalität von 4 Toten von 14 gefundenen Fällen lasse auf eine hohe Dunkelziffer schließen. Bürgerallianz, Blau-weiße Einheit und die mit ihnen verbundenen Medien erheben die Anklage „das Regime“ provoziere mit Absicht eine große Gesundheitskatastrophe „um seine Macht zu retten“, und in sozialen Medien versteigen sich Oppositionelle zu dem ungeheuerlichen Vorwurf, die Regierung Daniel Ortega bahne nach dem Aufruhr vor zwei Jahren bewusst den Tod von tausenden Personen an, unter anderem um durch die physische Dezimierung der RentenempfängerInnen die schwer defizitäre Pensionsversicherung zu sanieren.

Sandinistische AktivistInnen und Kommentatoren meldeten hingegen bereits Anfang April, das heißt zwei Wochen nach dem Auftauchen der ersten positiv getesteten Personen, einen Sieg über die Epidemie dank des effektiven kostenlosen und basisorientierten Gesundheitssystems, das Nicaragua vor seinen Nachbarn auszeichnet.

Nun hat das nicaraguanische Gesundheitsministerium MINSA in den letzten Wochen mehrmals betont, dass sich das Land (noch) in der ersten Phase der Epidemiebekämpfung befindet (ohne Ansteckungen unter Einheimischen), in welcher die Verfolgung und Isolierung der aus dem Ausland erfolgten Ansteckungen sowie Prävention und Aufklärung im Vordergrund der staatlichen Maßnahmen stehen. Die nicaraguanische Regierung hat sich jedoch geweigert, jene drastischen Maßnahmen zu ergreifen, welche Nachbarländer wie El Salvador, Honduras und Costa Rica bereits umgesetzt hatten, bevor noch der erste positive importierte COVID-19 Fall auf ihrem Territorium aufgetaucht war: komplette Sperre der Grenzen, Lockdown, Schließung von Schulen, Universitäten und Geschäften und Verbot von öffentlichen Veranstaltungen. Diese Maßnahmen mögen in der Phase 2, wenn es Ansteckungen im Land gibt, notwendig werden, räumten Funktionäre des MINSA ein, um eine unkontrollierte Verbreitung der Krankheit zu verhindern; in der Frühphase seien sie unangebracht.

Vorbild El Salvador: Alle einsperren?

Vorbild für die Opposition ist vor allem das Nachbarland El Salvador, wo der letztes Jahr gewählte Präsident Najib Bukele, am 11.März – eine Woche vor der Registrierung des ersten positiven Falls – den nationalen Notstand dekretierte, mit totaler Schließung der Grenzen: Für salvadorianische StaatsbürgerInnen und AusländerInnen mit Aufenthaltsrecht wurde eine dreiwöchige Quarantäne in eigens dazu eingerichteten Isolierungszentren festgelegt und über die EinwohnerInnen des Landes eine totale Ausgangssperre verhängt (nur ein Mitglied eines jeweiligen Haushaltes darf einmal am Tag Einkäufe in Lebensmittelgeschäften und Apotheken machen). Zuwiderhandelnde werden festgenommen und in gefängnisähnliche Anhaltezentren zur Quarantäne eingewiesen. Gleichzeitig haben sich die nach wie vor aktiven Jugendbanden, Maras MS13 und Mara 18, per Kommuniqués auf die Seite des Präsidenten gestellt und erklärt, die vom Präsidenten verhängten Notstandsmaßnahmen mit Gewalt durchzusetzen. Sie würden Leute, welche die Ausgangssperre verletzen, verprügeln und im schlimmsten Fall umbringen. Zum 30. April waren in El Salvador 3.750 Personen in den Quarantänezentren, und 2.380 Menschen, vorwiegend Männer, wurden strafweise in den Anhaltezentren festgehalten.

Was außerparlamentarische Opposition, regierungskritsche Medien und der Unternehmerverband COSEP in Nicaragua nach salvadorianischem Beispiel fordern, sind vor allem Milliarden schwere Subventionen von Seiten der Regierung, Aussetzung von Steuerzahlungen, Kreditrückzahlungen, Gratisbenützung der Elektrizität und der Telekommunikation für drei Monate, sowie direkte Beihilfen für Betriebe und Familien. Präsident Ortega hat in seiner Ansprache anlässlich des Tages der ArbeiterInnen und des 8. Todestages von Kommandant Tomas Borge diesen Wünschen eine klare Absage erteilt. „Das sind Maßnahmen, die von reichen Ländern erfunden wurden, und Programme, die dann wiederum für die Reichen gemacht werden. Nicaragua darf nicht durch extremistische Maßnahmen kaputt gemacht werden und wir werden nicht die ‚maquinita‘ (Gelddruckmaschine) anwerfen!“

„Chano“ Aguerri, seit Jahren Präsident des Unternehmerverbandes COSEP, antwortete auf den Einwand eines Journalisten, dass bei der von ihm verlangten sofortigen Schließung der Schulen über eine Million Kinder ihr Schulfrühstück verlieren würden, mit einer Replik, die den Vergleich mit jenem berüchtigten Ausspruch des Adels in der französischen Revolution „Esst Kuchen statt Brot!“ würdig ist: „Wenn das den Sandinisten so wichtig ist, dann sollen sie halt das Essen jedem Kind nach Hause bringen!“

Hemmungslose Prognosen

Der Höhepunkt der Ausbreitung COVID-19-Krankheit in Nicaragua steht noch bevor. Er wurde von Epidemiologen ursprünglich für die erste Mai-Hälfte vorausgesagt. Nun heißt es, er würde sich bis in den Juni verzögern. Ziel sei es, wie in allen Ländern, die Kurve der Infektionen zu senken und zu strecken. Eine erste interne Studie des nicaraguanischen Gesundheitsministeriums vom Februar 2020 erwartete über einen Zeitraum von 6 Monaten 32.000 positive COVID-19 Fälle und 800 Tote.

Bei den anderen Prognosen von nicaraguanischen Fachleuten, fällt eine Proportionalität auf: Je weiter weg sie sich vom eigenen Land aufhalten, umso höher fallen ihre Angaben zu den erwarteten Opferzahlen der Pandemie aus. Ein Infektionsspezialist in Monterrey spricht von über 40.000 Toten, der ehemalige Chef der Epidemiologischen Departements des MINSA unter der Regierung von Violeta Barrios de Chamorro, heute Arzt in Irland, von mehr Toten als der Aufstand gegen Somoza und der Contrakrieg gefordert haben. Wenn einige Spezialisten außerdem das Anonymat in Anspruch nehmen, das heißt ihren Namen nicht bekannt geben, weil sie angeblich verfolgt werden, dann werden ihre Voraussagen hemmungslos.

Wirtschaftliche Perspektiven

Das gleiche gilt für die Prophezeiungen der aktuellen wirtschaftlichen Perspektiven des Landes die sich in den letzten Monaten vor Ausbruch der Pandemie noch positiv ausnahmen. (Die Nicaragua-Nachrichten berichteten über die Zunahme der Erträge aus dem Export, Verbesserungen der Zahlungsbilanz, Zunahme der internationalen Währungsreserven, langsame Erholung des Tourismus). Auch hier sind die Prognosen der Medien und des zum Unternehmerverband gehörenden Wirtschaftsforschungsinstitut FUNIDES von Schwarzmalerei geprägt. Immerhin sollte die Vorgeschichte Anlass zum Optimismus geben: Von den Prognosen, welche dieselben Medien und Institute nach dem Aufruhr im April 2018 erstellt hatten, hat sich keine bewahrheitet.

Das System der Wirtschaftlichen Integration Zentralamerikas (SIECA, einer Teilinstitution des SICA) schätzt den Wirtschaftseinbruch für die ganze Region für 2020 mit -6,9% und für 2021 mit -1,4% ein. Allerdings sei diese Prognose sehr von der wahrscheinlichen Entwicklung der Weltwirtschaft und des Haupthandelspartners USA abhängig.

Die Pandemie effektiv bekämpfen ohne die Wirtschaft abzuwürgen

Daniel Ortega (Foto: Agência Brasil, Roosewelt Pinheiro/ABr, Lizenz: CC BY 3.0 BR)

„Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen den Maßnahmen um die Pandemie zu bekämpfen und jenen um unsere Wirtschaft aufrecht zu erhalten“ sagte Daniel Ortega in seiner 1. Mai-Ansprache. Nicaragua kann dabei auf ein staatliches Gesundheitssystem zählen, das territorial organisiert ist, über ein professionelles Personal von über 37.000 KrankenpflegerInnen und ÄrztInnen verfügt und außerdem auf 250.000 freiwillige BrigadistInnen zurückgreifen kann und über jahrzehntelange Erfahrungen in der Bekämpfung von Epidemien und Endemien. Im Rahmen der COVID-19 Prävention haben die BrigadistInnen 3 Millionen Hausbesuche absolviert und sind dabei, unter Leitung des Fachpersonals des MINSA, eine jährlich geplante Impfkampagne umzusetzen, bei der fast 2 Millionen NicaraguanerInnen gegen 12 Krankheiten immunisiert werden. Die WHO hat sich ausdrücklich für die Durchführung dieser Kampagne in Zeiten der COVID-19 Epidemie ausgesprochen. Die Einteilung der Gesundheitsversorgung des MINSA in Gemeinschaftssprengel mit 500 Familien erlaubt eine rasche Entdeckung von Verdachtsfällen, ihre Überstellung in Gesundheitszentren und /oder Spitäler sowie die Nachbetreuung von Krankheitsfällen. Daniel Ortega: „Zugleich müssen wir uns aber auch um jene Kranken und Verletzten kümmern, die nicht an COVID-19 leiden, sondern an Niereninsuffizienz, Herz-Kreislaufkrankheiten, Verletzungen aller Art, um die Opfer der Gewalt und der Unfälle des Straßenverkehrs.

In Nicaragua werden 70 % aller Arbeitsplätze in der Wirtschaft von Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen aller Art, kleinen landwirtschaftlichen Betrieben und Kooperativen in vielen verschiedenen Bereichen, gesichert. Der Rest wird vom öffentlichen Sektor, zusammen mit dem privaten Unternehmensbereich einschließlich der Unternehmen in der Freihandelszone, bereitgestellt. Diese Wirtschaftsstruktur bedeutet, dass die Mehrheit der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung von einem Tages- oder Wocheneinkommen abhängig ist, um sich Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs kaufen zu können. Auch der Präsident der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, hat vor wenigen Tagen betont, dass ein Lockdown für die Armen von Ländern mit Wirtschaftsstrukturen wie Nicaragua schädlich und gefährlich ist. Derartige Maßnahmen haben mittelfristig schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit dieser ArbeiterInnen und ihrer Familien.

Der Beitrag erschien zuerst in den Nicaragua-Nachrichten (Nr. 490 März/April 2020), Redaktionsschluss war der 30. April.
Wer an einem Abo der Nicaragua-Nachrichten interessiert ist, schreibt an h.pernerstorfer@tripple.at

Titelbild: pxfuel.com; Public Domain

Aktuelle Zahlen zu COVID-19 in Zentralamerika (Stand: 12. Mai 2020):

 

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2 Gedanken zu „COVID-19 und Nicaragua: Ein Sonderfall?

  • 15. Mai 2020 um 8:21
    Permalink

    Lieber H. Pernerstorfer,
    herzlichen Dank für Ihren sachlichen und fundierten Beitrag. Ich bin Vorsitzender des Nicaragua-Forum Heidelberg und wir sind seit Jahren bemüht die Situation in Nicaragua sachlich und differenziert dar zustellen. Könnten wir Ihren Beitrag auch auf unserer Homepage http://www.nicaragua-forum.de veröffentlichen?

    Herzliche Grüße
    Heinz Reinke

    Antwort
    • 17. Mai 2020 um 14:23
      Permalink

      Wir leiten ihre Nachricht an Hermann Pernerstorfer weiter. Vielen Dank!

      Antwort

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