Die Corona-Krise als Konsumwendepunkt – was bleibt und was kommt danach?

Die einschneidenden Veränderungen im Alltag durch die Corona-Krise betreffen natürlich auch massiv unseren Konsum: Lebensmittel, Kultur, Freizeit, Tourismus, Mobilität. Was hat sich während des Lockdowns bis heute in unserem Konsumalltag verändert und was könnte bestehen bleiben? Erst in Zukunft wird sich zeigen, wie weit die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche weiter vorangetrieben wurde und inwieweit sich nachhaltigere Konsummuster bewähren und positive Auswirkungen auf die Klimakrise haben könnten.

Von Nina Tröger, Konsumforscherin und Referentin in der Abteilung KonsumentInnenpolitik der AK Wien

Lockdown als Veränderungskatalysator

Durch die Einschränkungen im öffentlichen Raum während des Lockdowns veränderte sich quasi über Nacht das Konsumverhalten: Lebensmittel wurden nicht mehr bei aktuellem Bedarf gekauft, sondern es wurde mehr im Voraus geplant und in Großeinkäufe verlagert. Bargeldloses Bezahlen war zum Schutz des Supermarktpersonals erwünscht und wurde auch vereinfacht (Bezahlen ohne PIN wurde von 30 auf 50 Euro erhöht). Durch die Schließung der Gastronomie wurde vermehrt zu Hause gekocht, regionale Direktvermarkter (also z. B. Ab-Hof-Verkäufer oder die Zusteller von Obst- und Gemüsekisten) verzeichneten höhere Absätze.

Die Umsätze im Lebensmittel-Online-Handel haben lang gestockt und erlebten plötzlich große Zuwachsraten. Dieser Boom bedeutete oft mehrere Tage Wartezeit auf ein Lieferfenster. Überhaupt wurden digitale Angebote stark nachgefragt und etablierten sich so zunehmend als attraktive Alternative: Streaming-Plattformen sind weiterhin im Aufwind und wurden viel genutzt. Um Netzüberlastungen zu vermeiden, drosselten sogar Streaming-Anbieter die Bit-Raten, um den Datenverkehr im Netz nicht zu überlasten. Der Zeitvertreib mit Videospielen nahm zu, aber auch Online-Sportangebote erfreuten sich aufgrund geschlossener Fitnessstudios vermehrter Beliebtheit. Kulturevents wurden ins Internet verlagert und Museumsrundgänge virtuell angeboten. Kommunikationsformen wie Telefonieren oder Instant-Messaging-Dienste ersetzten eine Zeit lang persönliche Kontakte zu Freund*innen und Verwandten. Beim Online-Handel gab es ambivalente Entwicklungen: Wurde zu Beginn der Krise in diesem Bereich eher Verzicht geübt und weniger gekauft, stieg der Umsatz in den letzten Wochen stark an. So vermeldete die Post ein Paketaufkommen ähnlich wie zu Weihnachten, davon konnten auch lokale Online-Plattformen profitieren. Beim Kaufen übten sich die Österreicher*innen aber generell in Zurückhaltung, nicht alltäglich notwendige Dinge wie Mode- und Kosmetikartikel wurden weniger erworben. Die Reisebranche erlebte einen kompletten Einbruch, Reisetätigkeiten sind möglicherweise noch auf längere Sicht nur eingeschränkt möglich. Viele Aktivitäten verlagerten sich durch die Ausgangsbeschränkungen auf den Haushalt – Entrümpeln oder handwerkliche Tätigkeiten sowie Garten- oder Balkonarbeit waren logische Folgen und wurden intensiv betrieben, wie auch der Run auf Baumärkte in der ersten Öffnungsphase zeigte.

Frage der sozialen Teilhabe verschärft sich

Diese grobe Zusammenschau zeigt ein stark verändertes Konsumverhalten in den vergangenen Wochen. Zugleich wurden rasch viele Ersatz- und Alternativhandlungen gefunden, auch das Angebot adaptierte sich erstaunlich schnell, wozu die Möglichkeiten der Digitalisierung wesentlich beitrugen. Dies verdeutlicht eine zumindest kurzfristige Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft. Was von diesen Veränderungen bestehen bleiben wird, ist schwierig zu prognostizieren und auch abhängig von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Bestimmte Praktiken, die mittlerweile im Alltag eingeübt sind und dabei positiv erlebt wurden, haben gute Aussichten, auch künftig Bestand zu haben – dies ist z. B. eine Chance für regionaleres Kaufverhalten. Ereignisse wie im Kunst- und Kulturbereich leben natürlich auch von der direkten Erfahrung und dem Gemeinschaftserlebnis, das digitale Angebot kann hier nur ein kurzfristiger Ersatz sein. In der Krise ist vielen Menschen bewusst geworden, dass nicht jedes Konsumgut unbedingt notwendig ist. Laut einer Umfrage planen mehr als ein Viertel der Befragten, in den nächsten Monaten weniger einzukaufen. Tendenzen zu bewussterem Konsum wurden in den letzten Jahren bereits sichtbar und haben jetzt eine gute Chance, mehrheitsfähig zu werden. Gleichzeitig ist diese Reduktion aber für viele Menschen nicht freiwillig, sondern aufgrund von Arbeitsplatzverlust und damit einhergehenden großen finanziellen Einschränkungen entstanden. Für viele wird es schwierig sein, allein die monatlichen Fixkosten wie Miete oder Kreditzahlungen abzudecken. Die soziale Ungleichheit wird sich auch verschärft anhand künftiger Konsummöglichkeiten zeigen, die über soziale Teilhabe und Integration mitentscheiden. Der soziale Druck, sich bestimmte Dinge kaufen zu können, ist in der bestehenden Konsumgesellschaft nach wie vor hoch. Mit gleichzeitigem Blick auf die Klimakrise ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Konsumgesellschaft, in der wir leben, notwendiger denn je.

Ambivalente Erfahrungen durch Einschränkungen

Im Tourismus werden die beiden Seiten der Medaille besonders deutlich. Einerseits sind von „Overtourism“ betroffene Regionen durch Lärmreduktion und geringere Luftverschmutzung entlastet, was sich auch positiv auf die ansässige Bevölkerung auswirken kann. Andererseits fehlen durch die ausbleibenden Gäste Einnahmen für die Unternehmen und dadurch Arbeitsplätze. Die Krise öffnet weiters den Blick auf die Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften, die zu niedrigsten Löhnen und fragwürdigen Arbeitsbedingungen Konsumgüter für den europäischen bzw. österreichischen Markt produzieren, wie beispielsweise die Situation der Erntehelfer*innen in der Lebensmittelbranche zeigte. Auch anderswo tritt ein Dilemma in Erscheinung: Die Modeindustrie klagt über massive Einbußen und zeigt damit gleichzeitig auf, wie sehr Bekleidung zu einem Wegwerfprodukt verkommen ist, weil die Mode des heurigen Frühjahrs sich nächstes Jahr nicht mehr verkaufen lasse. Ebenso verdeutlichen sich globale Auswirkungen: Wird in Europa weniger Kleidung gekauft, leiden vor allem Menschen im globalen Süden durch den Verlust ihrer Arbeitsplätze.

Was ist jetzt möglich und nötig?

Es werden aktuell viele Ideen eingebracht, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. „Öko-Prämien“, um den Autoverkauf zu steigern oder Fluglinien ohne einschneidende Klimaschutzmaßnahmen zu retten, sind ökologisch und gesellschaftlich die falsche Richtung. Gerade im Hinblick auf die Klimakrise, die jetzt nicht in den Hintergrund rücken darf, ist eine einfache Rückkehr zum Vorkrisenniveau nicht erstrebenswert. Es braucht genau jetzt einen anderen Weg, der – so abgedroschen das klingt – im Einklang mit Mensch und Natur steht. Das heißt, dass es aktuell die Chance gibt, bezüglich Massentourismus, Mobilitätsverhalten, Ernährungsweise, Produktionsbedingungen etc. auf wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Ebene etwas zu ändern. Auch das Konsumniveau insgesamt muss thematisiert werden. Im Kontext des „guten Lebens für alle“ braucht es einen breiten gesellschaftlichen Dialog, wie viel und welcher Konsum für eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Gesellschaft notwendig und erstrebenswert ist. Die Verantwortung darf jedoch nicht auf die individuellen Konsument*innen abgewälzt werden. Es bedarf eines Umbaus unserer gesamten Lebens- und Wirtschaftsweise im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation – wie z. B. durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und nachhaltiger Energiepolitik. Auch die Bestrebungen auf europäischer Ebene im Kontext der Nachhaltigkeit, die durch den „Green Deal“ und das „Kreislaufwirtschaftspaket“ eingeleitet wurden, dürfen jetzt nicht der Gesundheitskrise zum Opfer fallen.

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