„Zu Hause bleiben“, wenn es keines gibt: obdach- oder wohnungslos in der Krise

Corona hat das Leben der allermeisten Menschen stark beeinflusst. Aber während die einen darüber klagen, dass sie den gewünschten Urlaub nicht antreten können oder nicht unbeschränkt lange feiern dürfen, sind die anderen in ihrer gesamten Existenz bedroht. Das betrifft besonders armutsbetroffene Menschen und da wiederum noch einmal stärker Obdach- und Wohnungslose.

Von Alexander Machatschke, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) und Lektor an der FH Campus Wien.

Abstand halten, Social Distancing, Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen sind die Schlagworte dieser Krise geworden. Aber was bedeutet das für Menschen, die kein Zuhause haben? Wie Abstand halten, wenn man in einem Mehrbettzimmer schlafen muss? Wie erlebt man Social Distancing, wenn man schon davor an den Rand der Gesellschaft gedrängt war? Die Corona-Krise offenbart strukturelle Probleme im Bereich Wohnen und Armutsbetroffenheit.

Gesundheitliche und soziale Risiken für obdach- und wohnungslose Menschen

Die Begriffe „obdachlos“ und „wohnungslos“ werden in der Alltagssprache oft synonym verwendet. Es ist aber wichtig zu unterscheiden, denn je genauer wir wissen, worüber wir sprechen, desto besser können wir Angebote und strukturelle Lösungen für die unterschiedlichen Gruppen entwickeln und umsetzen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) – der Dachverband der Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Österreich – verwendet die vom Europäischen Dachverband der Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe (FEANTSA) entwickelte sogenannte ETHOS-Definition. Der Begriff steht für die englische Abkürzung der Europäischen Typologie für Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und prekäre Wohnversorgung. Während Obdachlosigkeit das Leben auf der Straße oder die Nutzung von Notquartieren und Tageszentren bezeichnet, verweist der Begriff Wohnungslosigkeit auf betreute Wohnformen in einer Gemeinschaftseinrichtung oder auch in Einzelwohnungen. Gemeinsam ist den Betroffenen ein häufig schlechter Gesundheitszustand durch Vorerkrankungen und/oder die prekären Lebensumstände.

Niedrigere Lebenserwartung

Das Leben auf der Straße führt auch ohne Corona dazu, dass Betroffene im Schnitt in deutlich jüngerem Alter als andere sterben. Statistisch nachgewiesen ist, dass Männer, wenn sie als wohnungslos registriert sind, im Durchschnitt 20 Jahre früher sterben. Die Aufforderung „Stay at home!“, die während des Lockdowns als Schutzmaßnahme ausgerufen wurde, konnte von obdachlosen Menschen de facto kaum umgesetzt werden. Viele von ihnen waren im öffentlichen Raum mit unterschiedlichsten Diskriminierungen konfrontiert. Gleichzeitig waren in dieser Phase auch Angebote der Existenzsicherung wie z. B. Essensausgaben nur eingeschränkt verfügbar, und in Tageszentren war das Abstandhalten aufgrund der Räumlichkeiten oftmals schwierig umzusetzen.

Abstand auf engem Raum?

In Notunterkünften haben die Menschen zwar ein Dach über dem Kopf, die Sache mit dem Abstand ist aber naturgemäß schwierig zu handhaben. Außerdem sind Notunterkünfte im Normalfall nur nachts geöffnet und räumlich und personell kaum für einen Ganztagesbetrieb ausgestattet. Umso erfreulicher war es, dass eine große Zahl von Notunterkünften in Österreich in den ersten Monaten der Pandemie durch den Einsatz von MitarbeiterInnen, BetreiberInnen und FördergeberInnen trotzdem einen Ganztagesbetrieb anbieten konnte.

Zwar ist das Abstandhalten in vielen stationären Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe einfacher, weil es private Rückzugsräume gibt, trotzdem sind die BewohnerInnen in ihrem täglichen Leben stark eingeschränkt. So wurden Besuche von außen beispielsweise massiv eingeschränkt. Derartige Maßnahmen können natürlich bei der Verhinderung von Neuinfektionen hilfreich gewesen sein. Gleichzeitig gilt es, im Hinblick auf den Schutz von Grund- und Freiheitsrechten besonders sensibel zu sein und überschießende Einschränkungen sowie Diskriminierungen zu verhindern.

Corona macht sichtbar, was beim Wohnen schon vorher problematisch war

Wenn uns diese Krise etwas gelehrt hat, dann war es die Erkenntnis, was in unserer Gesellschaft alles schiefläuft. Das betraf Bereiche der Schulbildung genauso wie der Kindererziehung, das Gesundheitssystem, die Abhängigkeit von Importen aus aller Welt, die niedrigen Löhne, die dann zu noch niedrigeren Versicherungsleistungen führen, und eben auch das Problem mit dem Wohnen.

Und dieses Problem geht über Obdach- oder Wohnungslosigkeit weit hinaus. Denn Obdach- und Wohnungslosigkeit ist „nur“ die Spitze des Eisbergs.

Beim Wohnen wird vorgeführt, was passieren kann, wenn ungezügelte Marktkräfte walten und Wohnen eine Ware wie jede andere wird – mit Konsequenzen für breite Schichten der Bevölkerung.

Der massive Anstieg der Wohnkosten (besonders in den Städten) war schon vor Corona ein großes Problem, insbesondere wenn er im Verhältnis zu den – vor allem im untersten Einkommensbereich – stagnierenden Lohneinkommen gesehen wird.

Wohnen und Armut

Wohnen und Armut stehen in einem engen Zusammenhang. Laut den EU-Daten zu Einkommens- und Lebensbedingungen besteht ebenfalls ein sehr deutlicher Zusammenhang zwischen dem Rechtsverhältnis an der Wohnung (Miete/Eigentum) und der subjektiven Wohnkostenbelastung einerseits sowie der Armutsgefährdung andererseits. Durch – relativ zum Einkommen – hohe Wohnkosten gehen dauerhafte Armutsrisiken oft mit Mietverhältnissen einher.

41 Prozent der Armutsgefährdeten wenden mehr als 40 Prozent ihres gesamten Einkommens für Wohnen auf, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 7 Prozent.

Die relativ hohen Wohnkosten gehen für armutsgefährdete Menschen häufig mit nachteiligen Wohnverhältnissen wie Überbelag und dem Bewohnen feuchter und dunkler Räume einher. Insgesamt lebten laut EU-SILC 2019 etwa 7 Prozent aller EinwohnerInnen bzw. 623.000 Menschen in Österreich in einer überbelegten Wohnung. Die Quote bei Armutsgefährdeten war mit 16 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Die wohl massivste Ausprägung der stagnierenden Einkommen in Kombination mit den massiv gestiegenen Wohnkosten spiegelt sich in den Zahlen zu Obdach- und Wohnungslosigkeit wider. So verzeichnete die Statistik Austria 2018 insgesamt 22.741 registrierte Obdach- bzw. Wohnungslose (ohne Doppelzählungen) in Österreich, davon waren 6.116 Personen (26,9 Prozent) ganzjährig und 16.625 Personen (73,1 Prozent) nicht ganzjährig betroffen. 86 Prozent aller Obdach- bzw. Wohnungslosen waren in Gemeinden mit einer EinwohnerInnenzahl von mehr als 100.000 (inklusive Wien) registriert. Männer sind mit einer Zahl von 15.729 (69,2 Prozent) klar in der Mehrheit. Etwa zwei Drittel aller Betroffenen waren zwischen 25 und 64 Jahre alt und 12.721 (55,9 Prozent) waren ÖsterreicherInnen.

Leistbares Wohnen sichern

Die massive Schieflage beim Wohnen zeigt deutlich: Es muss sich dringend etwas ändern. Wohnen muss für alle leistbar, dauerhaft und inklusiv sein – diese drei Dimensionen stellen daher auch die Kernbereiche der Forderungen der BAWO dar.

Leistbar heißt, dass genug Geld fürs Leben übrig bleibt, nachdem die Wohnkosten bezahlt wurden. Ein dauerhaftes Mietverhältnis bedeutet, dass MieterInnen eine unbefristete Wohnperspektive haben. Inklusiv meint, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es allen Menschen ermöglichen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Besonders berücksichtigt werden müssen die am stärksten exkludierten Menschen bzw. Menschen mit einem großen Bedarf an Unterstützung.

Um diese Ziele zu verwirklichen, müssen zahlreiche konkrete Maßnahmen gesetzt werden, die die Schieflage beim Wohnen effektiv bekämpfen. Einige davon sind:

  • Das Menschenrecht auf Wohnen umsetzen.
  • Das Mietwohnungssegment stärken.
  • Die Wohnkosten senken und Profite durch die Vermietung von Wohnraum wirksam begrenzen.
  • Befristungsmöglichkeiten reduzieren und klar regulieren.
  • Den diskriminierungsfreien und inklusiven Zugang zu (gefördertem) Wohnen sicherstellen.
  • Mehr leistbaren, dauerhaften und inklusiven Wohnraum schaffen.
  • Maßnahmen für existenzsichernde Einkommen setzen.
  • Das Sicherungssystem durch die Sozialversicherungen stärken.
  • Existenzsichernde Sozialhilfeleistungen auf Bundes- und Länderebene umsetzen.
  • Monetäre Leistungen für Wohnen vereinheitlichen und erhöhen.
  • Durch ein gutes Wohnumfeld die Wohnqualität und -stabilität heben.
  • „Housing first“ und andere mobile Unterstützungsangebote ausbauen.

Fazit

Corona hat das Leben der allermeisten Menschen stark beeinflusst. Aber während die einen darüber klagen, dass sie den gewünschten Urlaub nicht antreten können oder nicht unbeschränkt lange feiern dürfen, sind die anderen in ihrer gesamten Existenz bedroht. Das betrifft besonders armutsbetroffene Menschen und da wiederum noch einmal stärker Obdach- und Wohnungslose.

Obdach- und Wohnungslosigkeit sind aber keine Naturgesetze oder unabwendbare Katastrophen. Die Vorschläge, wie wir sie verhindern können, liegen auf dem Tisch. Jetzt braucht es nur den politischen Willen, diese durchzusetzen.

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