„Trumps rassistische, waffenliebende Mobs stehen schon Gewehr bei Fuß“

Vor 68 Jahren überquerte Victor Grossman die Donau und schwamm in den Kommunismus. Im Interview mit Unsere Zeitung erzählt der 92-jährige von seinem Abenteuer, vom Leben in der DDR und analysiert die heutige Situation der USA

Unsere Zeitung: Du warst bereits als Student an der Harvard University in der kommunistischen Bewegung aktiv? Wie kam es dazu? Was waren deine Beweggründe sich der KP der USA anzuschließen und welche Konsequenzen hatte das für dich persönlich?

Victor Grossman: Kurz nachdem ich an die Universität ankam traf ich einen, der wie ich aktiv in der linken Organisation American Youth for Democracy war (der Nachfolgerin des Jungkommunistenverbands, in den ich mit 13 oder 14 eingetreten war). Eines Tages fragte er mich: „Du bist doch ein Roter, nicht?“ „Klar“ habe ich geantwortet. „Dann unterschreibe hier!“, sagte mein Freund. „Was ist das?“ – „Eine Bewerbung zur Mitgliedschaft in der KP-USA“.

Ich zögerte. Der Kalte Krieg hatte sich schon angemeldet und die Repression gegen Linke – durch das Kriegsbündnis der USA-UdSSR teilweise unterbrochen – wurde wieder aufgenommen, noch ehe der Krieg zu Ende war. Was könnte eine solche Mitgliedschaft für meine Zukunft bedeuten?

Ich bin ja gegen Ende der „roten dreißiger Jahre“ in den USA aufgewachsen, wo Kommunisten den großen kämpferischen Gewerkschaftsverband CIO (Congress of Industrial Organizations) maßgeblich aufgebaut hatten, den frühen Kampf für die Rechte der Schwarzen mitgeführt hatten (symbolisiert durch die Rettung der neun zu Tode verurteilten schwarzen „Scottsboro Boys“),  sich beim Einsatz der heroischen Freiwilligen im Kampf um Spaniens Freiheit hervorgetan hatten – und beim Kampf gegen die Nazis – innerhalb Deutschland, bei den Guerillas und vor allem in der UdSSR im Weltkrieg, wo ihr opferreicher, führender Kampf beim Sieg über die Nazis die Welt erstaunte (und nebenbei auch mich vor dem Einzug rettete, anders als bei meinem etwas älteren Cousin, der als Kriegsgefangener – und Jude – von den Nazis ermordet wurde). All das hat mein Denken geformt.

„Nun, bist du ein Roter oder bist du nicht?“. Ich überlegte nicht lange, unterschrieb, gab ihm die Eintrittsgebühr (50 Cent) und machte beim Aufbau einer erstaunlich klugen, aktiven, witzigen und lehrreichen – wenn auch fast geheimen – Gruppe an der Uni mit. Wir unterstützten Gewerkschaftsgruppen, sammelten Unterschriften für schwarze Kandidaten, demonstrierten gegen Franco und gegen Atomdrohungen, bekämpften erfolgreich den Rassismus einer Studentenkneipe und organisierten Diskussionen über Marxismus und Weltpolitik. Wir luden auch Pete Seeger, Woody Guthrie, Leadbelly und anderen großen Sänger nach Harvard.  

Auf Vorschlag der Partei begann ich nach dem Abschluss (wie zwei andere der Gruppe) als Ungelernter in Fabriken zu arbeiten – die politisch wichtigsten Standorte, wie wir meinten. Und dabei wurde ich 1951 durch den Koreakrieg in die Armee eingezogen.

Crossing the River: A Memoir of the American Left, the Cold War, and Life in East Germany
by Victor Grossman (goodreads.com)

Mit 24 Jahren hast du als US-Soldat in Linz auf abenteuerliche Weise deine Heimat hinter dich gelassen und einen bemerkenswerten Schritt gewagt. Wenn du dich an jenen 17. August 1952 erinnerst, was ging dir damals durch den Kopf?

Am 17. August 1952 war mein Hauptgedanke nur, nicht in einem US-Army-Militärgefängnis zu landen. Man hat nämlich herausgefunden, dass ich bei meinem Einzug in die Armee (sehr ängstlich) unterschlagen hatte, dass ich in mehreren tabuisierten linken Organisationen Mitglied war – auch kommunistischen oder „getarnt kommunistischen“ (“fellow traveler“). Ein solches Unterschlagen konnte zu einer Strafe von bis 10.000 Dollar und fünf Jahre im Knast führen. Da zog ich das Überwechseln vor, zumal ich starke Sympathien für die UdSSR hatte. Von schriftlicher Ankunft der Aufforderung, mich beim Militärgericht zu melden, bis auf mein Herauswaten am nördlichen Ufer der Donau (damals also in der Sowjetzone), war ich in äußerster Panikstimmung. Auch noch beim Schwimmen.

Wie entwickelte sich danach dein Leben in der DDR? Was sind die positiven Momente, welche Erfahrungen haben dich enttäuscht? Wie hast du das Ende der DDR miterlebt?

Diese Frage richtig zu beantworten bräuchte ein Buch (ein kleines auf Deutsch und ein großes auf Englisch und Deutsch habe ich schon geschrieben (siehe Buchtipps im Anschluss, Anm.).

Ich habe mich mit fünf Monaten recht schwerer Arbeit in einer wichtigen Fabrik etwas akklimatisiert, dann eine Sonderlehre (für eine Gruppe von verschiedenartigen Deserteuren) als Dreher absolviert, vier Jahre lang Journalistik in Leipzig studiert – womit ich mich zum einzigen Menschen der Welt mit Diplomas von Harvard und der Karl-Marx-Uni hervortat (ich werde diese Ehre wohle behalten, da sich der Name der einen verändert hat). In Berlin arbeitete ich bei einem sehr klugen englischsprachigen Bulletin über Deutschland, Ost und West, beim Nordamerikaprogramm von Radio Berlin International und war der Direktor des „Paul und Eslanda Robeson Archivs“ an der DDR-Akademie der Künste. Ab 1968 wurde ich freischaffender Journalist und Vortragsredner über Entwicklungen in den USA, wodurch ich in alle Ecken des Landes reiste.

UZ-Redakteur Michael Wögerer mit Heinz Langer (li.), ehem. Botschafter der DDR in Kuba; und Victor Grossman (re.), Berlin, Juli 2019 (Foto: privat)

Positiv waren folgende Momente: 

Erstens: Eine grundlegende Ablehnung des Faschismus und der Entfernung der Faschisten aus den Schulen, Gerichtssälen, Polizeirevieren und anderen wichtigen Orten, plus die hohe Bewertung von Anti-Nazi Kämpfern und sonstigen Fortschrittlichen der deutschen Geschichte in den Schulen, Theatern, Kinosälen, Buchläden und auch in der Volksarmee.  

Zweitens: Die sozialen Fortschritte; die für einen US-Amerikaner besonders beeindruckend waren. Völlige Deckung aller medizinischen und zahnärztlichen Behandlung, aller Rezepten, völlig freie Bildung von Kleinkindesalter bis zu Doktorarbeiten, immer verbessernde Bedingungen für Arbeitende – betreffend Urlaub, Kranksein, Mutterzeit, Urlaubskosten, Wohnkosten (Exmittierung [Zwangsräumung, Anm.] verboten, also keine Schläfer auf der Straße oder in der U-Bahn) und keine Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit. Also die immer erfolgreichere Annäherung an einer Gesellschaft ohne Armut!

Drittens: Gleiche Löhne und gleiche Rechte für Frauen, was zwar nicht die Überbelastung von Ehefrauen eliminieren konnte, aber eine Selbständigkeit wie fast sonst nirgendwo (plus solche Extras wie der monatliche bezahlte „Haushaltstag“). (Über meine Miete für eine 3-Zimmer-Wohnung – von 1961 bis 1990 immer 114 Ostmark) und das Fahrgeld – 20 Pfennig in der Stadt und 8 Pfennig das km) kann ich nur milde lächeln.)

Viertens: Die Solidarität der DDR – auch in Taten – mit den Freiheitskämpfern in Algerien, Vietnam, Spanien, Palästina, Chile, Nicaragua, Kuba und vor allem, besonders hervorragend, mit den Anti-Apartheid-Kämpfern und Freiheitskämpfern in Südafrika, Namibia, Guinea-Bissau, und anderen. Bei allen stand die BRD auf der anderen Seite.

Fünftens, wohl am allerwichtigsten: Die Enteignung sowohl der Kriegsverbrecher, die durch mörderische Ausbeutung von Gefangenen und Zwangsarbeitern in der Kriegswirtschaft Milliarden verdient hatten, und der Junker, die seit Jahrhunderten Landarbeiter, oft auch aus Polen und anderswo ausbeuteten. Ihnen wurde praktische eine Barriere gegen die Expansion nach Osten (und Südosten) errichtet – was allerdings nicht nur ihre Wut entflammte, sondern auch ihre Entschlossenheit, doch zurückzukehren, und ihre mächtige Kraft dafür einzusetzen – was ihnen am Ende auch gelang.  

Negativ war (mitunter), dass es in Ostdeutschland jenen, die gekämpft und gelitten haben, um den Faschismus zu beseitigen, nie richtig gelungen war eine erfolgreiche Gegenwehr zu entwickeln. Mit so vielen der besten getötet, gelang es den Verbliebenen nie ausreichend, einen Rapport mit großen Teilen der Bevölkerung zu festigen,  stark genug, um die ständige Verlockungen (und Unterwanderung) der alten Kräfte, die so immens reicher waren, mit deren großen geographischen und historischen Vorteilen erfolgreich zu kontern. Geformt und auch gehärtet durch ihre persönlichen Erfahrungen im Exil, in Spanien, in der Résistance oder eingekerkert und erzogen in den mittel-schwachen Methoden der Stalin-Zeit. Sie haben zwar etliche große Erfolge erreicht, um manchmal wohl sogar eine Mehrheit für die DDR zu gewinnen (etwa in  den 60er und früh 70er Jahre). Aber am Ende, wirtschaftlich geschwächt durch die Forderungen des Militärs, der Notwendigkeit eine Elektronik-Industrie allein aufzubauen – also kleine DDR gegen IBM und Sony und ein riesiges Wohnungsbauprogramm (fast 2 Millionen moderne Wohnungen bis 1989), konnten sie mit dem Konsumsortiment des Westens nie konkurrieren. Sie fanden nie den Weg, dagegen zu wirken, dass Bananen und Orangen, VW und Opel, Reisen nach Mallorca, Florenz und San Francisco schwerer wogen als soziale Erfolge, die besonders von den Jüngeren als selbstverständlich angesehen wurden. Dazu kamen die immer lahmeren und unglaubwürdigeren Erfolgsmeldungen in der meist todlangweiligen Tagespresse und den Fernsehnachrichten.

Durch die Entwicklungen in Polen, Ungarn und vor allem in der UdSSR wurden sie auch zunehmend isoliert. Eine Gegenwehr war notwendig – und jedes Land hat so etwas (die USA mit dem FBI erst recht!), doch die Methoden, etwa der Stasi, machten die Situation nicht sicherer, sondern immer schwieriger.

Ich sah mit Trauer wie es abwärts ging, versuchte bis zuletzt meine Worte dagegen zu setzen, und blieb am Ende – 1990 – sehr bitter. Ich meinte – und meine – es war nicht der bösere oder falsche Weg, der unterging, sondern vor allem der durch historisch schlechtere Bedingungen – und mancher Fehler auch – der Schwächere.

Mehr dazu im Gespräch mit Richard D. Wolff „Economic Update: Living in a Socialist Economy“:

Mit 66 Jahren (1994) bist du erstmals wieder in die USA gereist. Das muss mit großen Emotionen verbunden gewesen sein?

Es war schön, die Heimat wieder zu sehen, meine Verwandten und alte Freunde zu besuchen, und das vielerorts so schöne Land, von der Ost- bis zur Westküste zu bereisen. Wegen US-Filme, AFN-Rundfunk (US-Soldatensender), Post und Besuche meiner Familienmitglieder war alles nicht so fremd, ja, eigentlich kaum fremd. Am schönsten war es, überall von Menschen umringt zu sein, die so redeten wie ich – sprachlich, meine ich! Und von den Problemen und Konflikten, Siegen und Niederlagen in den USA wusste ich ja vorher auch; sie waren ja immer „mein Thema“

Meine wunderbare oberlausitzer Frau, die ich gottseidank früh gefunden hatte, schützte mich vor allzu großes Heimweh, wie auch ihre und unsere Familie.

Wenn du die heutige Situation der Vereinigten Staaten betrachtest, was macht dir Sorgen, was gibt dir Hoffnung? 

Trump macht mir große Sorgen! Um doch noch eine zweite Amtszeit zu erreichen ist er zu allem fähig. Schon jetzt ist er dabei, das Postsystem der USA zu dezimieren, und seine rassistischen, waffenliebenden Mobs stehen schon fast buchstäblich Gewehr bei Fuß. Die allergrößte Gefahr wäre, wenn es Leute wie Pompeo und manchen Generälen gelingt, irgendeinen Konflikt auszulösen, um eine Mehrheit „patriotisch“ hinter sich zu bringen. Das könnte gegen den Iran, Venezuela, Russland, Kuba, in Syrien oder nun zunehmend gegen China gelingen, mit unvorstellbaren Folgen.

Leider steht die Führung der Demokratischen Partei (mit Biden und Harris) gar nicht weit entfernt von der gleichen Politik. Wie ich es sehe ist es zwar dringend nötig, Trump zu schlagen, doch gleichzeitig – und wer auch immer gewinnt – die verschiedenen Bewegungen, die in den letzten Jahren entstanden sind – mutig, fortschrittlich, farbenmäßig gemischt – nicht nur weiter zu stärken sondern in eine große Bewegung zusammen zu bringen – und dabei, was bei den meisten noch fehlt, ein Verständnis dafür aufzubringen, dass die Kriegsgefahr, auch die eines Nuklearkriegs – allen anderen Fragen überwiegt und auch mit ihnen verbunden ist; das Militärbudget ist unvorstellbar groß, während ein viel zu großer Teil der Kinder Hunger kennt – und die Signale immer schlimmer werden.

Weltweite stecken dahinter eine kleine Zahl von Milliardären – im Waffengeschäft, Pharma-, Saatgut-, Öl und Gas-, Auto-, Fastfood und anderen Industrien und mit am gefährlichsten, jene die, wie Amazon, Facebook, Microsoft und Google, das Leben und die Gedanken von  Millionen und Milliarden von Menschen zunehmend beherrschen. Am Ende, aber möglichst bald, muss man diese loswerden, damit jene, welche die Milliarden durch ihre Arbeit schaffen, sie auch besitzen, planen und zum Guten von allen einsetzen können.

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Bücher von Victor Grossman:

Auf Deutsch:

Auf Englisch:

Interview: Michael Wögerer
Titelbild: Communist Party USA (twitter)

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