Pandemischer Jahresrückblick 2020: Am Ende wird alles wieder gut, aber nicht besser
Dieses Jahr war mehr als chaotisch und man blickt mit Hoffnungen auf das Jahr 2021. Die Weihnachtszeit ist auch eine Zeit des Nachdenkens. Welche Schlussfolgerungen sollten wir aus den letzten Monaten ziehen? Florian Maiwald unternimmt einen Versuch. Passend zu Heiligabend. Frohe Weihnachten.
In der ersten Episode der australischen TV-Serie The Slap – Nur eine Ohrfeige – basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Christos Tsiolkas – steht der Protagonist Hector kurz vor seinem 40. Geburtstag. Hector selbst ist Vater zweier Kinder und scheint mit seiner Frau Aisha, welche eifrig darauf bedacht ist seine sich anbahnende Geburtstagsfeier vorzubereiten, ein relativ glückliches Familienleben zu führen. Hector selbst wird uns in der ersten Folge mit relativ gut durchtrainierten Oberköper präsentiert und wir erfahren zudem, dass seine morgendliche Routine zunächst darin besteht einige Situps und Liegestütze zu machen. Nach seinem Workout läuft Hector auf lässige – oder vielmehr gesagt vulgär anmutende – Art und Weise mit geöffnetem Oberhemd durch das Haus, ohne dass weder seine Frau noch seine Kinder danach fragen, warum er die ganze Zeit mit geöffnetem Hemd durchs Haus läuft.
Die Message für die Zuschauer*innen scheint bis zu diesem Zeitpunkt relativ klar zu sein: Hectors Physis steht symbolisch für die scheinbare Perfektion seiner Lebensumstände: Er hat ein Haus im sonnigen Australien, eine Frau die den ganzen Haushalt schmeißt und ist Vater zweier Kinder. Diese scheinbare Perfektion droht jedoch bald zu erodieren. Wir bekommen als Zuschauer*innen jedoch schon zu Beginn der ersten Episode implizite Hinweise, dass jene Vorstadtidylle durch eine ihr innewohnende Ambivalenz geprägt ist. Diese Ambivalenz wird nicht nur dadurch deutlich, dass Hector – mit einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit – seine Frau Aisha danach fragt wo sein Valium ist (er scheint die anstehende Party mit Freunden und Verwandten einfach nicht anders überstehen zu können), sondern auch daran, dass er drauf und dran ist, eine Affäre mit der Nanny seiner eigenen Kinder einzugehen (welche wohlbemerkt weitaus jünger ist als Hector selbst).
Dass unter der Oberfläche der Vorstadtidylle emotionale Abgründe lauern wird auf Hectors Geburtstagsfeier umso deutlicher, da die Zuschauer*innen mit dem Umstand konfrontiert werden, dass nahezu jeder der Gäste irgendetwas zu verbergen hat. Hinter der Freiheit von jeglichen finanziellen Sorgen, durchtrainierten Oberkörpern und einem scheinbar intakten Familienleben schlummert die Midlife-Crisis, welche sich durch die gesamte australische Mittelschicht zu ziehen scheint. Interessant ist daran, dass jene emotionalen und psychischen Abgründe, welche unter der Oberfläche des scheinbar perfekten Familienlebens Hectors (und seiner Gäste) lauern, jene Symbolik der Perfektion immanent scheint. Wir merken bald, dass Hector sich von seiner Frau genervt und gegängelt fühlt, was ihm immer stärker zu jener Erwägung verleitet eine Affäre mit der Nanny seiner Kinder einzugehen.
Den wirklichen Ausgangspunkt des gesamten Handlungsstranges, oder – um Alain Badious Terminologie zu verwenden – das eigentliche Ereignis, dessen Symbolik die gesamte Handlungsstruktur der Serie prägt, findet gegen Ende der ersten Episode statt, als Hectors Cousin den verzogenen Sohn einer Bekannten Hectors ohrfeigt, nachdem dieser ihm vor das Schienenbein getreten hat. Daraufhin entfacht ein heftiger Streit zwischen den anwesenden Partygästen, welcher diese in zwei Lager spaltet. Man kann die Symbolik der Ohrfeige auf zwei unterschiedliche Weisen interpretieren. Die erste Interpretation würde die Ohrfeige lediglich als eine kontingente Disruption innerhalb eines ansonsten stabilen sozialen Strukturzusammenhangs einordnen. Anders formuliert: Die Ohrfeige stellt nicht weiter als einen unglücklichen Zufall innerhalb eines von Perfektion geprägten Milieus der gehobenen australischen Mittelschicht dar.
Die zweite Interpretation – welche weitaus zutreffender scheint – würde die Ohrfeige als ein Symptom auffassen, welche die der perfekten Vorstadtidylle innewohnende Ambivalenz expliziert. Anders formuliert: Die zweite Interpretation würde darauf hinweisen, dass die Ohrfeige nicht als Ursache für die daraufhin entstehenden Spaltungen und Empörungen der Partygäste aufzufassen ist, sondern vielmehr als ein Ereignis, welches die bereits zuvor vorhandenen Spaltungen lediglich explizit zum Vorschein bringt. Lässt sich nicht eine ähnliche Interpretation im Hinblick auf die durch die Covid-19-Pandemie verursachten sozialen Ungleichheiten vornehmen?
Das Virus als Ohrfeige…nur für wen eigentlich?
Auch in diesem Zusammenhang kann man die zwei zuvor erwähnten Interpretationen vornehmen. Die erste Interpretation würde dementsprechend davon ausgehen, dass die Corona-Pandemie als Ursprung der gegenwärtigen, immer weiter zunehmenden sozioökonomischen Ungerechtigkeiten aufzufassen ist. Nach dieser Lesart wäre das Virus nichts weiter als ein unglücklicher Zufall, von welchem wir alle heimgesucht wurden und welcher für eine Destabilisierung eines ansonsten perfekt funktionierenden gesellschaftlichen Systems gesorgt hat.
Die zweite Interpretation – welche hier ebenfalls weitaus zutreffender scheint – würde die derzeit eklatant sichtbar werdenden sozialen Ungerechtigkeiten nicht kausal auf die Pandemie zurückführen. Vielmehr wäre die Zunahme an sozialen Ungerechtigkeiten ebenfalls als ein Symptom zu begreifen, welches auf eine Fehlfunktion hinweist, welche fest in den Koordinaten des derzeit bestehenden Systems implementiert ist und zuvor bereits vorhandene Ungleichheiten – wie es historisch betrachtet bei Pandemien nahezu ausnahmslos der Fall ist – ungemein verstärkt. Jule Govrin weist in diesem Zusammenhang treffend auf Folgendes hin:
„Am Anfang der Pandemie schien es, als würde uns das Virus gleich machen, als würde man sich im Moment der Bedrohung eines warmen Wir gewiss werden, als könne man Anzeichen einer neu aufkommenden Solidarität erspüren. Inzwischen sind …

