Fußball-EM 2021: Regenbogen statt Rassismus

Es war ein besonderes Turnier, das die UEFA anlässlich 60 Jahren Fußball-Europameisterschaft der Männer in ganz Europa veranstaltete. Besonders aber nicht nur im positiven, sondern auch im negativen Sinne. Vier Aspekte einer Fußball-Europameisterschaft mit viel Licht und noch mehr Schatten.

Von Moritz Ettlinger

1. Zum Sportlichen, das lange völlig unwichtig war

Die Fußball-Europameisterschaft der Männer im Jahr 2021 war noch keine 24 Stunden alt, da rückte jeglicher sportlicher Wettkampf völlig in den Hintergrund. Beim zweiten Spiel des Turniers zwischen Dänemark und Finnland brach der Däne Christian Eriksen in der 43. Minute ohne Fremdeinwirkung zusammen. Er musste auf dem Feld reanimiert und anschließend ins Krankenhaus gebracht werden. Wie diese Situation ausgehen würde, war da noch völlig ungewiss, die ganze Fußballwelt zitterte um das Leben des Dänen.

An eine Fortsetzung des Turniers war zum damaligen Zeitpunkt eigentlich nicht zu denken. Und doch dachte die UEFA offenbar daran. Denn nur kurz nach der Meldung, dass Eriksen bei Bewusstsein und außer Lebensgefahr sei, etwa zwei Stunden nach dem Vorfall, wurde das abgebrochene Spiel fortgesetzt. Die Mannschaften wurden seitens des europäischen Dachverbandes vor die Wahl gestellt, die Partie entweder am selben Abend oder am Folgetag um 12 Uhr zu Ende zu spielen.

„Es war besser, zu sagen: Wir bringen es jetzt hinter uns.“ Mit diesen Worten erklärte Dänemarks Cheftrainer Kasper Hjulmand die Entscheidung seines Teams, noch am Samstag so zu tun, als hätte dieses Spiel auch nur ansatzweise eine sportliche Bedeutung. Die Einhaltung des Spielplans war der UEFA augenscheinlich wichtiger, als den Teams zumindest ein paar Tage Pause zur Verarbeitung dieses Schocks zu „gönnen“. Klaus Reese vom Deutschlandfunk bezeichnete das Vorgehen der UEFA – völlig zurecht – als ethisch-moralische Bankrotterklärung. Dänemark verlor das Spiel schlussendlich mit 0:1, doch das war an diesem Abend vollkommen egal. Eriksen überlebte seinen Herzstillstand, das – und nichts anderes – zählte.

Es fällt auch etwas mehr als vier Wochen nach diesem Vorfall schwer, diese EM sportlich angemessen zu bewerten. Es sind Situationen wie diese, die eine_n erkennen lassen, dass Fußball eben doch nur Fußball ist und es Dinge gibt, die das alles überragen. Dabei war es ein Turnier, dass auf rein sportlicher Ebene durchaus das Prädikat „überragend“ verdient hat.

Mit insgesamt 142 Toren und einem Schnitt von 2,8 Toren pro Spiel war die EM 2020 die torreichste aller Zeiten, sogar ins eigene Tor trafen so viele Kicker wie noch nie zuvor (11). Das zeigte sich aber nicht nur auf dem Papier, attraktive, hochspannende Spiele waren in diesem Jahr die Regel, öde null-zu-null-Partien die Ausnahme. Es war kein Vergleich zum ergebnisorientierten „Rasenschach“ der EM 2016, als man sich nicht nur einmal das Ende der Begegnung frühzeitig herbeisehnte.

Gemeinsam hatte diese Endrunde mit der vorhergehenden, dass sie für viele „große“ Nationen kein allzu gutes Pflaster darstellte. Underdogs wie Dänemark, Schweden, die Schweiz oder die Ukraine stellten von Beginn an unter Beweis, dass sie ihr EM-Ticket nicht geschenkt bekommen hatten. Schweden verwies Top-Favorit Spanien in der Gruppe E auf den zweiten Rang, die Ukraine stieß als Dritter der “Österreich-Gruppe” bis ins Viertelfinale vor, genauso wie die Schweizer, die im Achtelfinale überraschend Weltmeister Frankreich aus der Turnier warfen. Und dass sich die furiosen Dänen nach dem Eriksen-Drama bis ins Halbfinale vorarbeiteten, war genauso unglaublich wie die knappe Niederlage gegen England bitter.

Fast schon sinnbildlich für dieses sportlich hochklassige Turnier wurde Italien schließlich Europameister. So wirklich gerechnet hatten vor dem Sommer die wenigsten mit der Squadra Azzura, umso härter strafte das Team von Roberto Mancini seine Kritiker_innen Lügen. Mit Ballbesitzfußball von der schönsten Sorte, attraktivem Offensivspiel, einer kompakten Defensive und einem alles überragenden Kollektiv verzauberte Italien nicht nur die eigenen Fans und kann sich nun verdientermaßen Europameister nennen – auch, wenn schlussendlich zwei Elfmeterschießen her mussten.

Angesichts dieser Tatsache erscheint das Achtelfinal-Aus Österreichs umso bitterer, war man doch nur eine Zehenlänge davon entfernt, den späteren Titelträger aus dem Turnier zu kegeln. Nach einer mäßigen Vorrunde war kaum jemand davon ausgegangen, dass Alaba & Co. dem überlegenen Sieger der Gruppe A auch nur ansatzweise das Wasser reichen können würde. Doch die Foda-Elf legte im Laufe des Turniers eine einmalige Wandlung hin und scheiterte am Ende denkbar knapp erst in der Verlängerung. Dass man Italien nach zehn Spielen als erstes Team wieder einen Treffer einschenken konnte war an jenem Abend ein schwacher Trost, historisch war der erste Einzug in eine K.O.-Runde bei einer Europameisterschaft aber allemal.

2. Zum Gesundheitlichen: Die Pandemie ist noch nicht vorbei

Der Grundgedanke war ja kein schlechter: Um 60 Jahre Fußball-Europameisterschaft einerseits und die Einheit Europas andererseits zu zelebrieren, schlug der damalige UEFA-Präsident Michel Platini vor, man solle die EM 2020 doch in ganz Europa, ohne festes Gastgeberland austragen. Nur kurze Zeit nach der Vorstellung der Idee wurde diese dann auch fixiert.

„Wenn man wie wir in Europa den besten Fußball hat, mit den besten Stadien und den schönsten Städten, werden wir die größte Party aller Zeiten organisieren, überall in Europa, im Sommer 2020“, jubelte Gianni Infantino, zu diesem Zeitpunkt noch UEFA-Generalsekretär und heute Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, im Dezember 2012.

Doch aus der Party wurde im Jahr 2020 nichts. Eine Pandemie kam der UEFA dazwischen, und so musste das Fußball-Großereignis um ein Jahr verschoben werden. Im Frühjahr 2021 war zwar dank erster Impfungen zumindest in der „westlichen“ Welt Besserung in Sicht, eine sichere Europameisterschaft mit Fans in vollen Stadien war dennoch in weiter Ferne. Die UEFA gab sich nichtsdestotrotz optimistisch und forderte in Person von Präsident Aleksander Ceferin bereits im März Zusagen von allen Gastgeber-Städten, dass Fans in den Stadien zugelassen werden müssten.

Dabei wurde seitens des Verbandes hart durchgegriffen: Die spanische Stadt Bilbao, eigentlich für mehrere Spiele vorgesehen, wurde kurzerhand durch Sevilla ersetzt, weil sie sich weigerte, so früh fixe Zusagen zu machen. Gleiches galt für Dublin, die dort geplanten Spiele wurden auf andere Städte aufgeteilt. Einzig München kam ohne Fan-Garantie durch; eine großen Player wie den DFB wollte man in der UEFA dann wohl doch nicht verprellen.

Als das Turnier dann im Juni nach langer Wartezeit begann, hatte sich die Corona-Lage zwar in einigen Teilen Europas etwas beruhigt, eine EM ohne Zwischenfälle war unter diesen Umständen aber schwer vorstellbar – Reisen quer durch Europa und (halb-)volle Stadien trotz noch lange nicht ausgestandener Pandemie boten den perfekten Nährboden für Cluster und steigende Zahlen.

Befürchtungen, die sich leider bestätigten: Anfang Juli gab die Europäische Gesundheitsbehörde bekannt, dass sich mehr als 2500 Corona-Infektionen direkt auf die Fußball-Europameisterschaft zurückführen lassen. Knapp 2000 Fälle davon betreffen schottische Fans, die unter anderem zu Spielen nach London gereist waren. Und auch in Deutschland gibt es seit Kurzem Berichte von Infektionen, die in Zusammenhang mit der EM stehen.

Die UEFA muss umgekehrt sogar froh sein, dass (bisher) noch nicht mehr passiert ist, denkt man an die Bilder aus dem randvollen Stadion in Budapest oder an die tausenden Zuschauer_innen im russischen St. Petersburg, wo kurz vor dem dortigen Viertelfinale die höchsten Todeszahlen seit Pandemiebeginn registriert wurden.

Dass im Londoner Wembley-Stadion in den beiden Halbfinal-Partien genauso rund 60.000 Menschen im Stadion waren wie im Finale am Sonntag, lässt viele Beobachter_innen angesichts der hohen Inzidenzwerte in England verwundert zurück.

Auch die WHO, die die EM mitverantwortlich für die steigenden Corona-Zahlen in Europa macht. Den Vorwurf, diese Pandemie auf die leichte Schulter zu nehmen, muss sich die UEFA gefallen lassen.

3. Zum Nachhaltigen: kreuz und quer durch Europa

Aber auch ohne Pandemie bietet die in ganz Europa ausgetragene Europameisterschaft der Männer Anlass zur Kritik – vor allem aus der Nachhaltigkeitsperspektive. Ein kurzes Beispiel zur Veranschaulichung: Die Spiele der Gruppe A fanden einerseits in Rom, und andererseits in Baku statt. Während Italien aber alle drei Gruppenpartien in der eigenen Hauptstadt austragen durfte, mussten die anderen Teams zwischen den beiden Städten hin- und herjetten.

Besonders hart erwischte es die Schweiz: Nach dem Auftaktmatch gegen Wales in Aserbaidschan ging es zum zweiten Spiel gegen Italien nach Rom, nur um danach für die Partie gegen die Türkei wieder zurück nach Baku zu fliegen. Distanz für eine Strecke: 3.105,83 km. Schon aus sportlicher Perspektive drängt sich dabei der Fairness-Gedanke auf, angesichts der Klimakrise stehen solche Flugdistanzen zurecht massiv in der Kritik.

Dass die UEFA bereits 2019 angekündigt hat, das durch die vielen Reisen während der EM ausgestoßene CO2 kompensieren zu wollen, ist zwar lobenswert, aber ein schwacher Trost – besser wäre es wohl gewesen, diese Emissionen gar nicht erst in diesem Ausmaß zu verursachen.

Immerhin hat UEFA-Präsident Aleksander Ceferin mittlerweile selbst eingesehen, dass die Idee seines Vorgängers, ein paneuropäisches Turnier zu veranstalten, nicht die allerbeste war, wenngleich er die Probleme eher in den Reisestrapazen als im CO2-Ausstoß sieht: „Ich denke, es ist zu herausfordernd und nicht korrekt, dass zum Beispiel manche Teams mehr als 10.000 Kilometer reisen müssen und andere nur 1.000.“  

Was man dem paneuropäischen Turnier hingegen zugutehalten kann, ist, dass durch die Austragung in verschiedenen Ländern und Städten Stadien-Neubauten oder aufwendige Renovierungen größtenteils vermieden werden konnten. Arenen wie die Münchner Allianz-Arena, das Olympiastadion in Rom oder die Johan-Cruyff-Arena in Amsterdam werden das ganze Jahr über von den dort ansässigen Vereinen bespielt und sind daher in vielen Fällen auf dem neuesten Stand der erforderlichen Technik.

Das liegt allerdings nicht daran, dass die UEFA kein neues Stadion wollte. Beginnen sollte das Jubiläums-Turnier eigentlich in der „Hauptstadt“ Europas, in Brüssel. Das Problem: Ein Stadion, das den Ansprüchen des Ausrichters genügt hätte, fehlte. Eine neue Arena sollte her, 62.613 Plätze fassen, 300 Millionen Euro kosten und zum modernsten Stadion Belgiens werden. Ein Mix aus belgischer Bürokratie und machtpolitischen Kämpfen verhinderte schließlich den Bau. Die ganze Geschichte kann hier nachgelesen werden.

Umweltpolitische Gründe hatte diese Art der Turnier-Organisation jedenfalls nie. Große Sponsoren wie Qatar Airways, die staatliche Fluglinie des Wüstenstaats Katar, der russischen Erdgaskonzern Gazprom oder der deutschen Automobil-Konzern Volkswagen verfestigen das Bild einer UEFA, die sich Nachhaltigkeit maximal oberflächlich auf die Fahnen heftet, solange es den eigenen Profit nicht beeinträchtigt.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die UEFA beim Namen „Euro 2020“ blieb, um keinen zusätzlichen Abfall zu produzieren, der bei einer Änderung des Namens auf „Euro 2021“ angefallen wäre, wie die UEFA im April 2020 mitteilte.

4. Zum Politischen: zwischen Regenbogen-Verboten und „Respect“- Heucheleien

„Die Politik soll sich aus dem Fußball heraushalten!“ Erhielte man jedes Mal, wenn dieser Satz fällt, einen Cent, wäre man mittlerweile wohl schon so reich wie der eine oder andere Profi-Fußballer. Fakt ist, dass Fußball noch nie unpolitisch war und es auch in Zukunft nicht sein wird. Die diesjährige EM zeigte das einmal sehr deutlich.

Das beginnt schon mit der Auswahl der Städte, in denen gespielt wird. Dem autokratisch regierten Aserbaidschan und seiner Hauptstadt Baku trotz Vorwürfen von massiven Menschenrechtsverletzungen drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale zuzuschanzen, ist eine politische Entscheidung seitens der UEFA. Bilbao und Dublin hingegen alle Spiele zu entziehen, weil sie die Pandemie ernst nehmen und keine fixen Fan-Zusagen für unsichere Zeiträume machen wollen, ist eine ebenfalls politische Entscheidung.

Mindestens genauso politisch ist die Entscheidung der UEFA, München die Bestrahlung der Allianz-Arena in Regenbogenfarben zu untersagen oder gegen die Regenbogen-Kapitänsbinde von Deutschlands Manuel neuer zu ermitteln (auch wenn diese Ermittlungen schließlich eingestellt wurden).

Sich von Qatar Airways sponsern zu lassen, der staatlichen Fluglinie eines Landes, in dem Homosexualität unter Strafe steht, ist eine politische Entscheidung, ebenso wie die Anordnung der UEFA, die Banner-Werbung bei den Viertelfinalpartien in Baku und St. Petersburg im Gegensatz zu anderen Spielen nicht in Regenbogenfarben zu zeigen.

Der Journalist Felix Tamsut fasst diesen Sachverhalt in einem Tweet treffend zusammen:

Aber auch im Positiven zeigte sich der politische Charakter des Fußballs während dieser EM-Endrunde – zumindest symbolisch. Mannschaften, beispielsweise jene aus Belgien und England, knieten vor jedem Spiel als Zeichen gegen Rassismus, durch den Regenbogen-Vorfall in München wurde die enorm wichtige Debatte über Homophobie und Queerfeindlichkeit im Fußball weiter angefacht.

Sogar die UEFA selbst positioniert sich seit Jahren medienwirksam gegen Rassismus, alle Kapitäne trugen eine Binde mit der Aufschrift „Respect“. Wie ernst die UEFA es damit meint, darf angesichts der vorhin beschrieben Vorfälle zwar bezweifelt werden. Die erst kürzlich verhängte Strafe gegen Ungarn wegen rassistischer Gesänge und Sprüche ihrer Fans bei der EM ist aber zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch zwei Geisterspiele und eine Geldstrafe von 100.000 Euro das absolute Minimum darstellen.

Härtest mögliche Sanktionen verdienen sich jedenfalls auch die englischen „Fans“, die jene Spieler, die ihre Final-Elfmeter verschossen haben, auf Social Media aufs Übelste rassistisch beleidigten. 

Egal, ob im positiven oder negativen Sinn: Fußball ist und bleibt politisch. Jedes Fußballspiel zwischen zwei Nationen, bei dem sich die jeweiligen Staatschefs stolz auf den Ehrentribünen präsentieren, bei dem mit voller Inbrunst Nationalhymnen geträllert werden und oftmals ganze Länder in Ekstase verfallen, ist ein Politikum für sich.

Es ist besser, die riesige Bühne des Fußballs für die richtigen Anliegen zu nutzen. Regenbogen statt Rassismus, sozusagen.


Titelbild: Joshua Hoehne auf Unsplash/Collage (Unsere Zeitung)

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