Kampf ums Europacamp: Erben der Holocaust-Überlebenden schalten sich ein

Enkel der ursprünglichen Eigentümer, ein jüdisch-sozialdemokratisches Geschwisterpaar, das von den NS-Faschisten enteignet und verfolgt wurden, schaltet sich besorgt über das Erbe seiner Großmutter und über die Zukunft des Europacamps in die Debatte rund um das SJ-Camp am Attersee ein. 

Ein Gastbeitrag von Nina Andree

Seit Monaten kämpft die Sozialistische Jugend gemeinsam mit unterschiedlichsten Organisationen, Vereinen und Personen für den Erhalt ihres Camps in Weißenbach am Attersee (OÖ) mit freiem Seezugang. Der freie Seezugang ist am Attersee keine Selbstverständlichkeit, denn nur mehr 13 Prozent des Seeufers sind frei zugänglich.

Dazu gehört auch das Europabad und das dazugehörige Europacamp der Sozialistischen Jugend (SJ). Seit 1962 kann man dort kostenlos parken, baden, Beachvolleyball spielen, Sonne tanken oder die barrierefreien Sanitäranlagen nutzen. Grund dafür ist der Pachtvertrag, den die SJ mit dem Land Oberösterreich einst abgeschlossen hat. Dahinter steht der vertraglich festgeschriebene Wille eines jüdisch-sozialdemokratischen Geschwisterpaars, das ihren – unter dem NS-Faschismus enteigneten Grund – der SJ für ihre antifaschistische Arbeit und für den freien Seezugang überlassen wollten. Deshalb verkauften sie es an das Land OÖ mit der klaren Auflage im Vertrag es für 99 Jahre an die Sozialistische Jugend für einen Anerkennungszins zur verpachten.

Seit mehreren Jahrzehnten werden das Europacamp und das Europabad deshalb auf dieser Grundlage geführt und sind gemeinsam ein Ort, der sich klar zum Ziel gesetzt hat, für Alle offen zu sein. Ein Ort frei von Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie. Ein Ort wo man auch Urlaub machen kann, wenn man nicht die fette Kohle im Geldbörserl hat. Wo Familien, NachbarInnen ohne Seezugang, junge Menschen, Sozialvereine, Sportbegeisterte, Jugendorganisationen oder einfach alle Personen, die den Attersee genießen wollen aufeinandertreffen. Ein Ort, der Oberösterreich ein Stück internationaler macht. Doch die weitere Entwicklung des Europacamps ist unklar.

Angefangen hat das Ganze mit einem Absatz zum Europacamp im Bericht des Landesrechnungshofs des Landes Oberösterreich 2018, der eine höhere Pacht forderte. Mittlerweile urteilte auch das Bundesverwaltungsgericht, dass es sich um eine Parteispende handle. Die SPÖ hat nun angekündigt vor die Höchstgerichte zu ziehen.

Bereits 2019 äußerte sich dazu auch die Restituitionsforscherin und Grüne-Abgeordnete Eva Blimlinger in der ORF-Sendung Hohes Haus:

„Historisch geht es da nicht um eine Parteienfinanzierung, sondern um den Willen der NS-Vertriebenen und Enteigneten. Spricht man von Parteienfinanzierung vergisst man den historischen Kontext.“

Die Sozialistische Jugend ist noch immer schockiert, dass der vertraglich festgehaltene Wille der NS-Überlebenden missachtet und mit Füßen getreten wird. Gleichzeitig erbringt sie mit dem freien und kostenlosen Seezugang eine wichtige Leistung für das Land OÖ, das freie Seezugänge vor einigen Jahren auch als Ziel in die Landesverfassung geschrieben hat. Die Sozialistische Jugend betonte auch immer wieder, mit dem Europacamp keinen Gewinn für die SJ zu erwirtschaften. Jeder Cent der erwirtschaftet wird fließt wieder in die Instandhaltung des Europacamps zurück.

In diese Debatte schaltete sich nun auch Anthony Cohn, der Enkel der ehemaligen Eigentümerin des Grundstücks am Attersee, Gertrude Webern (geborene Pollak) ein. In einer schriftlichen Stellungnahme spricht Cohn von einer Ungerechtigkeit “nicht nur im rechtlichen, sondern auch im sozialen und moralischen Sinne” und zeigt sich sichtlich besorgt um das Vermächtnis seiner Familie und die Zukunft des Europacamps.

“Der Wunsch unserer Familie, insbesondere der unserer Großmutter, wird ignoriert. (…) Unsere Großmutter hat zu Lebzeiten immer wieder deutlich gemacht, dass es ihr Wunsch war, dass die Sozialistische Jugend ihr ehemaliges Grundstück für ein Jugendlager mit freiem Zugang zum Attersee für die Öffentlichkeit nutzt. Dieser Wunsch wurde in einem Vertrag, den meine Großmutter, mein Großonkel und das Land freiwillig abgeschlossen haben, rechtlich festgehalten, wobei letzteres diesen jedoch nun einseitig bricht,” so Cohn in seiner schriftlichen Stellungnahme.

Das jüdisch-sozialdemokratische Geschwisterpaar Pollak wurde 1938 von den NS-Faschisten enteignet und musste nach 1945 hohe Ablösen für ihre einstigen Grundstücke zahlen. Wohl auch um diese zu finanzieren, verkauften sie Teile ihres eigentlichen Besitzes an das Land Oberösterreich.  Ohne diese Klausel im Vertrag hätte das Land Oberösterreich nie die Möglichkeit bekommen, jenes Grundstück zu einem derartig niedrigen Preis zu kaufen.

Nicht nur für die Sozialistische Jugend ist die aktuelle Debatte vor allem vor dem Hintergrund der österreichischen Geschichte eine relevante. Die Sorge um das Vermächtnis der Holocaust-Überlebenden sorgt bei vielen für Unmut und viele hoffen, dass es in Anbetracht der österreichischen Geschichte endlich respektiert wird.

Das Statement von Anthony Cohn ist unter folgendem Link online abrufbar: www.europacamp.at/europacamp/statement-erben

Nina Andree ist Landesvorsitzende der Sozialistischen Jugend Oberösterreich


Titelbild: Das Europacamp aus der Vogelperspektive (Quelle: SJ Oberösterreich)

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