Im Zeichen der Windrose

Wie die USA die italienische Demokratie aushöhlten.

Von Andreas P. Pittler

Im aktuellen Konflikt um die Ukraine steht in der allgemeinen Debatte vor allem der völkerrechtswidrige Angriff der Russischen Föderation auf ihr Nachbarland im Vordergrund. Allerdings weisen einige Kommentatoren auch darauf hin, dass die Ostexpansion der NATO diesen Schritt Russlands quasi provoziert habe. Dabei wird auch daran erinnert, dass die USA selbst oftmals in anderen Staaten interveniert hat, um die Politik dieser Länder auf die Befriedigung US-amerikanischer Interessen auszurichten. Als Beispiele für diese Vorgangsweise fallen immer wieder der Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Chiles Salvador Allende 1973, die militärische Invasion Grenadas zum Sturz der dortigen Linksregierung um Maurice Bishop, die von Präsident Kennedy angeordnete Invasion in der Schweinebucht zur Beseitigung der kubanischen Revolution um Fidel Castro, die Finanzierung rechtsextremer Contras zur Beseitigung der sandinistischen Regierung in Nicaragua oder die militärische und logistische Unterstützung der islamistischen Taliban zur Zurückdrängung des sowjetischen Einflusses in Afghanistan.

In einem von der CIA nahestehenden Autoren herausgegebenen Buch namens „Reclaiming Democracy“ wird unverhohlen zugegeben, dass die USA auch die „Volksaufstände“ gegen fragwürdige Regimes wie jene von Slobodan Milosevic in Jugoslawien, Viktor Janukowitsch in der Ukraine (orange Revolution), Edward Schewardnadse in Georgien (Rosenrevolution) und Askar Akajew in Kirgisien (Tulpenrevolution) organisierte und orchestrierte. Gemein war diesen Regierungen nicht nur ihre fragwürdige Haltung zu Meinungsfreiheit und Pluralismus, sondern vor allem ihre Skepsis gegenüber den USA und ihre politische Nähe zu Russland. Zudem zeichneten sich diese Staaten durch strategische und/oder ökonomische (Stichwort: Rohstoffe) Bedeutung aus. Auch der „arabische Frühling“ wurde relativ rasch von den USA ideologisch gekapert und sorgte schließlich dafür, dass die Rohstoffe Libyens, wenn auch unter instabilen und latent gewalttätigen Rahmenbedingungen, den USA zur Verfügung standen.

Was aber in all diesen Diskursen praktisch nie zur Sprache kommt, ist die Tatsache, dass die USA jahrzehntelang mitten in Europa dieselbe Strategie verfolgte, und, wenn man so will, auch dabei Erfolg hatte. Die Rede ist von Italien.

Italien war neben Jugoslawien der einzige Staat Mitteleuropas, das sich – zumindest teilweise – selbst vom Faschismus befreien konnte. 1945 waren die bürgerlichen Parteien völlig diskreditiert und das Land objektiv reif für eine sozialistische Umgestaltung. Die 1921 gegründete Italienische Kommunistische Partei war eine Massenorganisation mit beinahe zwei Millionen Mitgliedern (die größte kommunistische Partei nach jener der UdSSR), der die italienischen Sozialisten in enger Solidarität verbunden waren. Die zentrale Lehre aus einem Vierteljahrhundert Faschismus lautete, dass mit dem Mussolini-Regime auch seine ökonomischen Wurzeln überwunden werden müssten, weshalb die Zeichen eindeutig in Richtung „rotes Italien“ wiesen.

Allerdings bremste Moskau – wie übrigens auch im Fall Jugoslawiens – den Zug zum Sozialismus mit all seiner zur Verfügung stehenden Gewalt. Stalin hatte seinen kapitalistischen Bündnispartnern zugesagt, dass es außerhalb des eigenen Einflussbereichs keine sozialistischen Störungen geben werde, verschriftlicht übrigens auf einer berühmten Serviette, auf der Stalin und Churchill Europa unter West und Ost aufgeteilt hatten. Dementsprechend ungelegen kam Stalin die revolutionäre Stimmung in Griechenland und in Italien, Staaten, die der Georgier den Kapitalisten „geschenkt“ hatte.

Die IKP, einst eine Zierde der Arbeiterbewegung, war 1945 freilich von Moskau völlig auf Linie gebracht worden. Apparatschiks wie Palmiro Togliatti oder Umberto Terracini waren aus einem anderen Holz geschnitzt als die Gründer der Partei, die wie Amadeo Bordiga oder Antonio Gramsci einen ebenso originären wie originellen Beitrag zur marxistischen Theorie geleistet hatten. Ganz nach dem Willen Stalins traten die Vertreter der IKP, anstatt ein Rätemodell als Grundlage für ein sozialistisches Italien zu initiieren, in eine Koalitionsregierung mit den eilig reorganisierten bürgerlichen Parteien ein – und das noch dazu mit dem Segen eines Königs.

Die IKP machte von Anfang an deutlich, dass sie sich einer Rekonstruktion eines kapitalistischen Italien nicht in den Weg stellen werde, was seinen personellen Ausdruck darin fand, dass KP-Chef Togliatti das Justizministerium übernahm und in dieser Funktion eine Generalamnestie faschistischer Kriegsverbrecher „im Interesse der nationalen Versöhnung“ akzeptierte. Unter den auf diese Weise Freigekommenen befand sich auch Valerio Borghese, der ursprünglich wegen der Ermordung von 800 Antifaschisten als Kriegsverbrecher verurteilt worden war. Wieder auf freien Fuß machte er sich sofort an die Neugründung der faschistischen Bewegung, die 1946 als „Movimento Sociale Italiano“ auch tatsächlich glückte. Bis zum heutigen Tag hat Italien kein Gesetz, das faschistische oder nationalsozialistische Propaganda unter Strafe stellt. Derweilen unterzeichnete des Mitglied des Politbüros der IKP, Terracini, in seiner Funktion als erster Präsident des neuen italienischen Parlaments, namens seiner Partei die 1947 erarbeitete bürgerliche Verfassung. Als mit Umberto II. im Mai 1946 ein neuer König installiert wurde, gelang der Linken ein letzter kleiner Triumph: In einem eigenen Referendum wurde mit 55 Prozent der Wählerstimmen die Monarchie abgeschafft und eine Republik als zukünftige Staatsform Italiens festgeschrieben. Das änderte freilich nichts daran, dass alle wichtigen Ämter in die Hände des Bürgertums gelangten. Das neue Staatsoberhaupt wurde ein Liberaler, neuer Premierminister ein Konservativer, und nach den Wahlen des Jahres 1948 gelangte auch die Funktion des Parlamentspräsidenten in rechte Hände. Schon zuvor waren die kommunistischen Minister, wie überall in Westeuropa, aus ihren Ämtern vertrieben worden. Der Kapitalismus hatte sich, nicht zuletzt dank massiver US-Hilfe, konsolidiert, die Arbeiterbewegung landete trotz all ihrer Zugeständnisse auf dem Abstellgleis.

Die nachgiebige Haltung hatte Kommunisten und Sozialisten nicht nur nichts genützt, sie wurde auch von ihren Sympathisanten nicht goutiert. Bei den Wahlen 1948 fielen die beiden Parteien von 40 auf 31 Prozent, während die reaktionäre „Democrazia Cristiana“ mit über 48 Prozent der Wählerstimmen eine absolute Mehrheit der Mandate erreichte. Die erstmals angetretenen Neofaschisten des MSI erhielten sechs Mandate. Dazu kam noch ein teils ebenfalls neofaschistisch eingestellter „Nationaler Block“, der es auf 19 Sitze brachte.

Dennoch waren die Arbeiterparteien nach wie vor ein politischer Faktor. Sie stellten vor allem in den Industrierevieren des Nordens die Regionalverwaltungen und die allermeisten Bürgermeister, und mit ihren 216 Mandaten konnten sie auch im Parlament jegliche Verfassungsänderung verhindern. Zudem war die Stimmung im Lande auch drei Jahre nach Kriegsende durchaus in Gärung, sodass sich die USA und ihre Verbündeten in den italienischen Machtzentren Gedanken darüber machten, wie man den Einfluss der Linken dauerhaft brechen könne.

Dies umso mehr, als schon die nächsten Wahlen 1953 einen politischen Umschwung andeuteten. Sozialisten und Kommunisten erhielten gemeinsam knapp 36 Prozent, während die Christdemokraten auf 40 Prozent zurückfielen. Dazu kamen 12 Prozent Monarchisten und Faschisten, während die bürgerliche Mitte ziemlich zerzaust wurde. So erhielten die Liberalen, die seit der Einigung Italiens bis zum Beginn des Faschismus so etwas wie die Staatspartei des Landes gewesen waren, nur noch drei Prozent der Stimmen, für die Republikaner, die, nachdem ihr einziges politisches Ziel erreicht worden war, ziemlich orientierungslos zurückgeblieben waren, votierten nicht einmal mehr zwei Prozent der Wähler. Die Christdemokraten, die ihre absolute Mehrheit verloren hatten, stützten sich auf die Monarchisten, um weiter an der Macht zu bleiben, doch hatte ihnen dieser Wahlgang deutlich vor Augen geführt, dass die „linke Gefahr“ noch keineswegs gebannt war. Dies umso mehr, als die IKP, nunmehr in der Opposition zu keinen Kompromissen mehr genötigt, wieder zu alter ideologischer Stärke fand. Am VII. Parteitag 1951 forderte sie die Zerschlagung der Monopole, die Verstaatlichung der Großunternehmen und die Aufteilung des Großgrundbesitzes an die landlosen Bauern. Für die USA und ihre politischen Statthalter in Italien die reinste Schreckensvision. Demgemäß war der neue US-Präsident Eisenhower gewillt, das Dogma seines demokratischen Vorgängers, wonach die USA das Recht habe, sich „zur Eindämmung des Kommunismus“ aktiv in die Innenpolitik anderer Länder einzumischen („Truman-Doktrin“), auch in Bezug auf Italien anzuwenden.

Doch schon bevor die bald unter dem Namen „Strategie der Spannung“ bekannt gewordene Vorgangsweise systematisch zu greifen begann, hatten die USA Nägel mit Köpfen gemacht. Obwohl fast neun Millionen Italiener in einer Petition gegen einen Beitritt ihres Landes zur NATO votierten, drückte die christdemokratische Regierung diesen Schritt im Parlament durch. Ein von der CIA inszeniertes Attentat auf Palmiro Togliatti sollte die Linke zu unbedachten Reaktionen verleiten, um solcherart ein rigides Durchgreifen der Ordnungskräfte zu legitimieren. Und wenngleich die Parteiführung zur Besonnenheit mahnte, so konnte sie nicht verhindern, dass die Arbeiterschaft spontan in den Streik trat. In den folgenden Auseinandersetzungen wurden mehrere Dutzend Menschen getötet, tausende verletzt und insgesamt knapp 100.000 Arbeiter verhaftet, von denen in der Folge fast 20.000 auch tatsächlich verurteilt wurden, während faschistische Provokateure ebenso ungeschoren davonkamen wie die Vertreter der Ordnungskräfte. Dazu passte, dass die Christdemokraten im Frühjahr 1960 mit Fernando Tambroni einen ehemaligen Mussolini-Funktionär aufs Schild hoben, der eine Regierung unter Einschluss des MSI bildete. Ein landesweiter Generalstreik machte diesem Spuk aber bereits im Juli 1960 ein Ende.

An dieser Stelle begannen die Amerikaner, ihre Wühlarbeit im Klandestinen fortzusetzen. Sie bedienten sich dabei einer – vorgeblichen – Freimaurerloge, die „Propaganda Due“ (kurz „P2“) genannt wurde, und für die zentrale Persönlichkeiten aus dem Militär, dem Staatsapparat, aber auch den Medien angeworben wurden. Mit dieser (Tarn)Organisation sollte das Ziel verfolgt werden, die italienische Öffentlichkeit permanent in einem emotionellen Ausnahmezustand zu halten, um solcherart rigide Maßnahmen wie den Abbau der Grund- und Freiheitsrechte durchsetzen zu können. Frühzeitig erkannte man dabei die besondere Bedeutung der Massenmedien als Transporteur gesteuerter Nachrichten zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Diese neue Taktik schien auch deshalb nötig, weil ein offener Putsch, wie er in jenen Jahren regelmäßig in Südamerika und in Asien orchestriert wurde, durch Indiskretionen unmöglich geworden war. 1964 hätte der ehemalige Faschist Giovanni De Lorenzo, mittlerweile zum italienischen Geheimdienstchef aufgestiegen, unter direkter Anleitung der CIA die Macht übernehmen sollen, zu welchem Zweck bereits eigene schwarze Listen mit Personen kursierten, die im Zuge dieses Staatsstreichs liquidiert oder zumindest inhaftiert werden sollten. Darauf fanden sich nicht nur die führenden Repräsentanten der Kommunisten, der Sozialisten und der Gewerkschaften, sondern auch hochrangige Beamte, liberale Journalisten und sogar Vertreter des hohen katholischen Klerus. Eine eigene paramilitärische Organisation, „Gladio“ (Schwert), sollte die bewaffnete Macht des neuen Regimes werden. Sie setzte sich fast ausnahmslos aus ehemaligen faschistischen Soldaten zusammen. Dass entsprechende Dokumente an die Öffentlichkeit gelangten, ehe die Planungen für die Machtübernahme abgeschlossen waren, ließ die CIA aber zurückrudern. De Lorenzo flüchtete sich unter den Schutzmantel der parlamentarischen Immunität, er starb als Abgeordneter des MSI, ohne jemals für seine Absichten vor Gericht gestellt worden zu sein.

Die neue Taktik sah nun vor, durch Attentate ein Klima der Angst zu schaffen, wobei die Verbrechen von Faschisten verübt, aber der Linken in die Schuhe geschoben werden sollten. Als etwa 1969 ein blutiger Anschlag auf die Mailänder Landwirtschaftsbank verübt wurde, beeilte sich die Polizei, die Tat Anarchisten anzulasten, während sie in Wahrheit von Pino Rautis (der Mann wurde 1990 Chef des MSI) Terrorbanden verübt worden war. Bis 1978 wurden über 2.000 Übergriffe registriert, die hunderte Menschenleben kosteten und fast ausnahmslos rechte Urheber hatten. Um in der Propaganda, der Terror komme von links, glaubwürdiger zu sein, begannen die CIA und ihre italienischen Helfershelfer gezielt linke Organisationen mit Agents Provocateurs zu unterwandern, um auf diese Weise tatsächlich „genuin linke“ Attentate vorweisen zu können. Die CIA hatte dazu sogar ein eigenes Feldhandbuch erarbeitet, in dem nachgelesen werden konnte, wie man solche Provokateure gezielt in linke Organisationen einschleusen konnte. 1972 schätzte die französische Zeitung „Le Monde“, dass jeder zehnte Linksradikale in Italien realiter ein bezahlter Söldling des amerikanischen Geheimdienstes war. Ganz oben auf der Liste der zu unterwandernden Organisationen standen dabei die 1970 entstandenen „Brigate Rosse“ (Rote Brigaden), die sich zwar zum bewaffneten Kampf gegen das System bekannten, individuellen Terror jedoch ablehnten. Um die Gruppe dazu zu verleiten, im Sinne der CIA zu agieren, wurde die Führungsriege der BR um Renato Curcio verhaftet bzw., wie im Falle von Mara Cagol, ermordet, um die nachfolgende Generation entsprechend zu „Racheakten“ anstiften zu können.

Parallel dazu wurden die italienische Armee und die Geheimdienste weiter infiltriert, um gegebenenfalls doch noch einen offenen Umsturz á la Chile durchführen zu können. Das Projekt erhielt von amerikanischer Seite den Codenamen „Windrose“ nach dem Logo der NATO. Ein erster Versuch, solcherart die Demokratie auszuschalten, scheiterte daran, dass der als Diktator vorgesehene MSI-Chef Borghese (wir erinnern uns) es nicht erwarten konnte, an die Macht zu kommen, weshalb das Komplott rechtzeitig aufgedeckt werden konnte, ein zweiter Versuch mit dem Oberbefehlshaber der NATO-Seestreitkräfte in Italien wurde 1974 durch regierungstreue Beamte vereitelt. Die Rädelsführer hatten eigene Mordlisten erstellt, wer im Zuge des Putschs liquidiert werden sollte. Darauf standen nicht nur KP-Chef Berlinguer und SP-Chef Martini, sondern auch der damalige Parlaments- und spätere Staatspräsident Sandro Pertini sowie populäre linke Künstler wie Alberto Moravia oder Pier Paolo Pasolini.

Erneut blieben die Aktionen juristisch folgenlos. Borghese floh ins faschistische Franco-Spanien, die anderen Konspirateure wurden auf Druck von US-Außenminister Kissinger aus der Haft entlassen, sodass sie sich ebenfalls ins Ausland absetzen konnten.

Angesichts der realen Gefahr einer faschistischen Diktatur von Amerikas Gnaden bemühten sich die demokratischen Kräfte um einen „historischen Kompromiss“. 1976 kam die IKP auf rund 35 Prozent der Stimmen und mandatsmäßig knapp an die Christdemokraten heran. Deren Parteichef Aldo Moro votierte für eine große Koalition der beiden Parteien unter Einschluss der Sozialisten, und Enrico Berlinguer gelang es, seine Partei auf diese Koalition einzuschwören. Am 16. März 1978 sollten die Repräsentanten der drei Fraktionen zusammenkommen, um sich als neues Kabinett vereidigen zu lassen. Doch auf den Weg zum Parlament wurde Aldo Moro von den „Brigate Rosse“ entführt.

Bis zum heutigen Tag ist vollkommen unlogisch, weshalb die BR ausgerechnet jenen Politiker hätten entführen sollen, der im Gegensatz zu vielen anderen in seiner Partei für ein demokratisches Italien einstand. Die Tat ergibt erst dann einen Sinn, wenn man sich die These aneignet, dass Moro bewusst aus dem Weg geräumt werden sollte, um die Linke weiter von den politischen Entscheidungen fernzuhalten. Für diese Ansicht spricht etwa der Umstand, dass der seit 1976 amtierende Ministerpräsident Giulio Andreotti entgegen der sonst geübten Praxis nicht mit den Entführern verhandelte und auch allen Appellen gegenüber taub blieb. Auch die Tatsache, dass die Leiche Moros (der schließlich von seinen Entführern erschossen worden war) vor dem „Zentrum für amerikanische Studien“ auf halbem Wege zwischen den Parteizentralen von DC und PCI gefunden wurde, lässt entsprechende Deutungen zu, ebenso wie der generalstabsmäßige Ablauf der Entführung selbst, die in dieser Form ohne fremde Hilfe kaum so hätte durchgeführt werden können. Mit Moro starb jedenfalls auch der „historische Kompromiss“, und die Rechte setzte sich einmal mehr durch. Andreotti, von vielen verdächtigt, der eigentliche Chef der P2 zu sein, wies alle Kritik an seinem Verhalten ebenso wie Vermutungen, die CIA sei in die Sache involviert, als „Verschwörungstheorien“ zurück, ein Wort, mit dem seit damals stets alle belegt werden, die der offiziellen Darstellung einer Sache durch die herrschende Bourgeoisie zu widersprechen wagen, wobei die Herrschenden nicht davor zurückschreckten, die Vertreter devianter Ansichten persönlich in Misskredit zu bringen, eine Vorgangsweise, die sich ja auch seit 2020 wieder verstärkter Beliebtheit erfreut.

Zum Zeitpunkt der Ermordung Moros war die Existenz der P2 noch nicht bekannt. Diese wurde 1981 aufgedeckt, als bei einer Razzia nicht nur Mitgliederlisten der P2, sondern auch Dokumente zutage gefördert wurden, die von der logistischen Unterstützung bei der Entführung Moros zeugen. Im Prozess gegen die Brigate Rosse, der 1983 über die Bühne ging, blieben diese Unterlagen jedoch unberücksichtigt. Auch die Aussagen führender Vertreter des Staates, die Andreotti als Haupt der P2 benannten, blieben folgenlos. Stattdessen ging die P2 weiter entschlossen gegen Demokraten vor. Der sizilianische Regionalpräsident, der an seiner Koalition mit der IKP festhielt, wurde im Januar 1980 ermordet, wobei man die Tat bequemerweise der sizilianischen Mafia zuordnete.

Auf Dauer konnten die 1981 gefundenen Papiere jedoch nicht ignoriert werden. Sie zeugten nicht nur von der führenden Beteiligung der USA und der NATO an der P2, sondern sie enthüllten auch ein erschreckend dicht gesponnenes Netz an wirtschaftlichen Verflechtungen und offenbarten Korruption, Geldwäsche, feindliche Übernahmen und Gewaltverbrechen im großen Stil. Sogar der Vatikan schien in die Machinationen verwickelt, lief doch ein Großteil der ökonomischen Transaktionen über die katholische Ambrosiano-Bank, deren Chef darüber jedoch praktischerweise keine Auskünfte mehr erteilen konnte, weil er in London, wohin er nach Aufdeckung der Affäre geflüchtet war, unter der Blackfriars-Brücke erhenkt aufgefunden wurde, wobei sich rasch zeigte, dass es sich dabei keineswegs um einen Selbstmord gehandelt hatte. Neuer Sündenbock sollte nun ein weiterer Bankier werden, der über ein schier undurchschaubares Firmengeflecht, an welchem auch das „Institut für religiöse Werke“ (landläufig „Vatikanbank“ genannt) beteiligt war, verfügte. Tatsächlich wurde der Mann zu 25 Jahren Haft verurteilt, hatte jedoch noch die Gelegenheit, in Interviews seine Freilassung zu fordern, widrigenfalls ihm einige Namen einfallen würden. Nur Tage später verschluckte er sich an einer Zyankali-Kapsel, und Andreotti, Kissinger & Co. hatten ein Problem weniger.

Zwar war nun die P2 offiziell zerschlagen, ihre Strukturen wirkten jedoch ungebrochen weiter. 1983 wurde ein Mitglied der P2, der Sozialist Bettino Craxi, italienischer Premierminister, der seinem – nicht nur – Logenfreund Silvio Berlusconi weitgehende Freiheiten einräumte. Beide waren Mitte der 70er Jahre der P2 beigetreten und dort gemeinsam groß geworden. Die Politik der Privatisierung Craxis ermöglichte es Berlusconi, ein enormes Medienimperium aufzubauen, indem er die entsprechenden Lizenzen von der Regierung für einen Apfel und ein Ei erhielt. Bald kontrollierte Berlusconi über 300 Unternehmen, die von Medien über die Baubranche bis zu Sportvereinen reichten.

1990 flog durch eine Indiskretion eine weitere NATO-Operation in Italien auf: die Schattenarmee „Gladio“ wurde enttarnt und kostete einige führende Christdemokraten ihre Karriere. Die zahlreich aufgedeckten Korruptionsfälle (Stichwort: Tangentopoli) sorgten dafür, dass das alte Parteiensystem in sich zusammenbrach. Die Democrazia Cristiana spaltete sich in zahlreiche Kleingruppen, die allesamt kaum besonders populär waren. Die Verwicklung Craxis in all diese Korruptionsaffären sorgte dafür, dass die Sozialisten in der Bedeutungslosigkeit verschwanden, während die IKP durch den Zusammenbruch des „Ostblocks“ in eine Identitätskrise geriet, aus der sie nicht mehr herausfinden sollte.

In dieses machtpolitische Vakuum stieß nun Berlusconi, der beschlossen hatte, Politiker zu werden. Er zimmerte rasch eine politische Partei zusammen, die er nach dem Schlachtruf der Tifosi „Forza Italia“ nannte. Tatsächlich gelang es ihm, 1994 Ministerpräsident zu werden, wobei der formelle P2-Chef Licio Gelli behauptete, dass die halbe Regierung Berlusconis Mitglieder der P2 gewesen seien. Auch übernahm Berlusconi Gellis „Plan der nationalen Erneuerung“ fast zur Gänze als „Parteiprogramm“ der Forza Italia. Und so urteilte der führende Staatsanwalt, Libero Mancuso, der mit den Untersuchungen zum Fall Berlusconi betraut war, wohl nicht ohne Grund: „Der so genannten „Strategie der Spannung“ folgte schließlich die Strategie der Machtübernahme mithilfe der Massenmedien. Das erfinde ich nicht, denn das steht so im Erneuerungsprogramm von Licio Gelli, das man Anfang der 80er Jahre bei ihm beschlagnahmt hat. In diesem Programm, eine Anleitung zum Staatsstreich, ist das Verschwinden der Linksparteien vorgesehen, die Auflösung der Gewerkschaften, dazu der Aufbau eines privaten Fernsehsystems und gleichzeitig die Aushöhlung des staatlichen Fernsehens RAI. Alles Dinge, die entweder schon vollzogen sind oder noch vollzogen werden.“ Und 2005 bilanzierte Mancuso bitter: „Vielleicht ist Italien deshalb nicht mehr in Gefahr, weil bereits alles so gekommen ist, wie bestimmte Kreise es gewollt haben.“

Tatsächlich gibt es heute für die USA wenig Veranlassung, an der bedingungslosen Treue Italiens zur NATO und zur Politik der Amerikaner zu zweifeln. Durch zahlreiche „Reformen“ ist es gelungen, die Linke gänzlich aus dem politischen Alltag zu verdrängen. Was heute in den westlichen Medien als „Linkspartei“ („Partito Democratico“) gilt, ist ein völlig substanzloses Konglomerat aus bürgerlichen Gruppierungen, in dem die ehemaligen Kommunisten keine Rolle mehr spielen. Die führenden Vertreter der PD kommen, kein Scherz, allesamt aus der Christdemokratie – Leute wie Renzi, Gentiloni oder Letta -, während die ehemaligen Mitglieder der IKP kein einziges relevantes Amt mehr bekleiden. Die Linke in Italien ist gezähmt, domestiziert. Doch die klandestinen Organisationen der Amerikaner existieren weiter. 2010 wurde eine „P3“ als Nachfolgeorganisation von P2 verboten, wenig später die Existenz einer „P4“ als deren Nachfolger aufgedeckt.

Derzeit halten sich diese Strukturen bedeckt. Doch niemand sollte annehmen, sie könnten nicht sofort wieder reaktiviert werden, wenn die USA zur Ansicht kommen, solche zu benötigen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts verweigerte sich die damalige Linksregierung unter dem – ebenfalls aus der Christdemokratie kommenden – Romano Prodi dem Kurs der USA in Sachen Irak und Afghanistan. Die heutige „Linksregierung“ hat mit Bidens Kurs sichtlich kein Problem. Die Leute von „P5“ können also entspannt bleiben.


Titelbild: Collage/Unsere Zeitung/Pixabay

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